Unternehmen / Gesundheit

«Galenica ist nicht Jornod-abhängig»

Etienne Jornod, Exekutiver VR-Präsident der Gesundheitsgruppe Galenica, hält seine Nachfolge für geregelt. Der 60-Jährige denkt aber nicht ans Aufhören. Dies erklärt er im Interview mit FuW.

Dominik Feldges und Mark Dittli

Bei mir geht alles kaputt, was ich in die Hände bekomme, ich bin unglaublich ungeschickt», räumt Etienne Jornod, Exekutiver VR-Präsident von Galenica (GALE 52.55 0.38%), in der jüngsten Ausgabe der Personalzeitschrift der Berner Gesundheitsgruppe Galenica ein. Jornod, der gerne mit seinen Schwächen kokettiert und auch kein Geheimnis daraus macht, Legastheniker zu sein, verfügt als Unternehmer gleichwohl über einen eindrücklichen Leistungsausweis. Seit der inzwischen 60-Jährige 1996 die Konzernleitung antrat, haben sich die Galenica-Aktien von 38 auf über 900 Fr. verteuert, die Börsenkapitalisierung stieg von 200 Mio. auf rund 6 Mrd. Fr. Im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» sagt Jornod, ob er trotz der enormen Wertsteigerung noch gut schlafe und ob Galenica dereinst auch ohne ihren Patron reüssieren könne. Er äussert sich zudem zur Frage, ob der Zeitpunkt für eine Trennung der hochprofitablen Medikamentensparte vom volumengetriebenen Pharmahandelsgeschäft näherrücke.

Herr Jornod, Galenica hat im zweiten Halbjahr 2013 die beiden Kernmedikamente Injectafer und Velphoro erfolgreich durch das US-Zulassungsverfahren geschleust. Sind Sie rundum zufrieden?
Wir haben allen Grund zur Freude. Dass die US-Gesundheitsbehörde FDA innerhalb von vier Monaten zwei neue Produkte desselben Unternehmens zum Verkauf freigibt, ist selten. Wir haben lange auf diesen Erfolg hingearbeitet. Vor achtzehn Jahren war Galenica noch keine Pharmagesellschaft, sondern eine Logistikfirma wie die Schweizerische Post.

Jetzt ist Galenica ein Konzern.
Diese Bezeichnung mag ich nicht. Wir sind trotz 8000 Mitarbeitern nach wie vor ein KMU und nicht mit Novartis (NOVN 84.28 0.24%) oder Bayer (BAYN 77.38 -1.15%) zu vergleichen. Die Leute behaupten immer, Galenica sei breit diversifiziert. Das Gegenteil ist der Fall: Wir verfügen über ein Retail- und ein Logistikgeschäft in der Schweiz sowie einen dritten hochfokussierten Bereich, Pharma. Die Handelsaktivitäten in der Schweiz ermöglichen uns mit ihrem jährlichen freien Cashflow von 100 Mio. Fr., im Pharmageschäft eine Risikostrategie zu verfolgen. Wir setzen auf ein einziges Therapiegebiet, die Behandlung von Eisenmangel.

Die Zulassung von Injectafer und Velphoro war ein erster Schritt. Jetzt muss Galenica zusammen mit ihren Partnern die Produkte im riesigen US-Markt erfolgreich verkaufen. Wie gehen Sie vor?
Der Vertriebspartner für Injectafer, Luitpold, kennt uns gut und hat sich bewährt. Mit dem Vorgängerpräparat Venofer erzielte er in den USA einen Umsatz von 400 Mio. Fr. pro Jahr. Luitpold sieht Injectafer als riesige Chance und wird mit dem japanischen Mutterhaus Daiichi Sankyo die nötigen Investitionen vornehmen.

Wie breit wollen Sie den Markt aufrollen?
Mit tausend Verkaufsmitarbeitern zu starten, wäre der falsche Ansatz. Injectafer eröffnet uns einen komplett neuen Markt. Wir müssen aber erst das Bewusstsein der Ärzte wecken. Eisenmangel ist weit verbreitet, doch nehmen viele Krebs-, Herz- oder Magen-Darm-Spezialisten das Problem unter ihren Patienten nicht wahr. Wir beginnen bei den Meinungsführern in den grossen Spitälern und Injektionszentren – mit hundert Ärztebesuchern.

Analysten attestieren Injectafer Blockbuster-Potenzial. Wie viel Umsatz erwarten Sie?
Ich habe nie eine Zahl genannt und werde es auch nie tun. Nur so viel: In der Schweiz erreicht der mit Venofer und dem Injectafer-Pendant Ferinject erzielte Umsatz gut 45 Mio. Fr. pro Jahr. Der US-Verkaufspreis für Injectafer ist rund dreimal höher.

Wie viel von den Injectafer-Einnahmen bleiben in der Kasse von Galenica hängen?
Wir haben eine Lizenz, die sich sehen lässt. Jeder Pharmamulti der Welt wäre extrem zufrieden, wenn er für sich denselben Deal ausgehandelt hätte.

Wäre es übertrieben zu behaupten, Galenica erhält mehr als 20% des mit Injectafer erwirtschafteten Umsatzes?
Nein.

Wie weit sind Sie in Europa mit der Vermarktung von Ferinject?
Es braucht unheimlich viel Zeit, bis ein Markt reif ist. In der Schweiz, wo wir das breiteste Spektrum von unter Eisenmangel leidenden Patienten ansprechen, benötigten wir fast fünfzehn Jahre. In Deutschland konzentrieren wir uns vorläufig auf Gynäkologen, in Frankreich auf Onkologen und in Grossbritannien auf Gastroenterologen.

Wie stark bremsen staatliche Sparmassnahmen die Expansion?
Die Krise in Europa macht uns die Arbeit nicht einfacher. Die Medikamentenpreise sind unter Druck. In Spanien beispielsweise haben wir zudem alle nötigen Bewilligungen, doch fehlt den Spitälern das Geld für die Beschaffung von Ferinject.

Was versprechen Sie sich von der Lancierung von Velphoro in den USA?
Das Produkt für Dialysepatienten wird ein Erfolg. Wir kooperieren hier mit dem Marktführer in der Dialysebehandlung, Fresenius (FRE 62.82 -8.9%) Medical Care (FME 71.58 -16.5%). FMC (FMC 83.62 -1.28%) hält 45% an der gemeinsamen Firma Vifor FMC Renal Pharma, die Velphoro produziert. 55% des Gewinns fliessen zu uns. Auch mit dieser Konstellation wäre jeder Pharmakonzern für sich gesehen hochzufrieden.

Das Umsatzpotenzial ist aber deutlich kleiner als im Fall von Injectafer?
Es ist geringer, für ein Unternehmen unserer Grösse aber trotzdem sehr attraktiv.

Dank Ferinject und Injectafer steht die Pharmasparte von Galenica inzwischen auf soliden Füssen. Braucht es da das volumenstarke, aber margenschwache Retail- und Distributionsgeschäft noch?
Ja, denn wir benötigen Zeit. Wir investieren nach wie vor hohe Summen beispielsweise in die klinische Entwicklung und in Filialen, um unsere eigenen Pharmaprodukte zu vermarkten. Unsere langfristige Vision läuft bis 2022. Sie umfasst weiterhin alle drei Geschäftszweige und schafft die Voraussetzung für eine Wertsteigerung, wie wir sie durchschnittlich in den letzten achtzehn Jahren erzielt haben.

Kann sich ein kotiertes Unternehmen eine derart langfristige Planung leisten?
Wir haben das Glück, mit Stefano Pessina und KKR zwei langfristig orientierte Kernaktionäre mit einem Kapitalanteil von insgesamt 25,5% zu haben. Insofern können wir wie ein Familienunternehmen operieren, obschon wir kotiert sind.

Was sagen sie weniger geduldigen Anlegern, die lieber eine Aufspaltung des Unternehmens sähen, weil sie überzeugt sind, dass der Gesamtwert der Teile höher ist als die gegenwärtige Marktkapitalisierung?
In den letzten achtzehn Jahren nahm der Börsenwert durchschnittlich 21% pro Jahr zu. Wenn wir von kurzfristig denkenden Aktionären abhängig gewesen wären, hätten wir das nie erreicht. Damit ist aber auch gesagt, dass wir mehr und mehr zu einer normalen Gesellschaft werden, falls wir keine Ankeraktionäre mehr haben.

Müssen Sie befürchten, dass der Finanzinvestor KKR, der durch die gemeinsam mit Stefano Pessina geschulterte Übernahme von Alliance Boots zum Galenica-Aktienpaket gestossen ist, schon bald aussteigt?
Das kann morgen geschehen. Dafür, dass sich KKR langfristig an Galenica bindet, habe ich keine Garantie. Es wäre mir am liebsten, denn ich kann mir keine besseren Kernaktionäre wünschen. Ein anderes Szenario wäre, diesen strategischen Partner durch einen anderen zu ersetzen.

Was angesichts des auf 1,5 Mrd. Fr. gestiegenen Werts nicht einfach werden dürfte.
Das stimmt. Vielleicht verkaufen KKR und Stefano Pessina aber auch nur einen Teil des Pakets. Darüber wäre ich auch happy.

Sie sind 60, Stefano Pessina 72. Wann gleisen sie den Generationenwechsel auf?
Wir haben das längst geregelt. Theoretisch kann ich morgen sterben. Ein Nachfolger wäre sofort parat, die Firma würde wie gewohnt weiterarbeiten. Galenica ist nicht Jornod-abhängig.

Als VR-Präsident tragen Sie trotz der Ernennung von David Ebsworth zum CEO 2012 weiterhin operative Verantwortung. Wieso halten Sie an dieser aus Corporate-Governance-Sicht verpönten Doppelrolle fest?
Der Verwaltungsrat und die Hauptaktionäre wollen, dass ich sicherstelle, dass die Kultur des Entrepreneurship nicht verloren geht. Ihr verdankt Galenica den Grossteil des Erfolgs. In jüngerer Zeit mussten wir aber auch Fertigkeiten von Big Pharma in die Gruppe reinholen – vor allem mit Blick auf die Zulassungsverfahren in den USA. Big-Pharma-Vertreter sind eine andere Kultur gewohnt. Wir können jedoch nicht wie eine Big-Pharma-Gruppe arbeiten. Sonst wären wir nach sechs Monaten tot.

Sie präsidieren seit vergangenem Jahr auch den Verwaltungsrat der Verlagsgruppe NZZ. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für Galenica?
Vorher waren es 180%, jetzt sind es noch 160%. Das zusätzliche Mandat bei der NZZ (NZZ 5100 -0.97%) hilft mir, mich in meiner Arbeit auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ab wann planen Sie, die operative Verantwortung abzugeben und den Verwaltungsrat als einfacher Präsident zu führen?
Mein Vertrag läuft bis 2017. Falls der Verwaltungsrat jedoch vorher zum Schluss kommt, er wolle mich nicht mehr als exekutiven Präsidenten, können wir den Vertrag jederzeit ändern. Als Verwaltungsratspräsident stehe ich zur Verfügung, so lange es die Aktionäre wollen.

Die Galenica-Aktien sind allein im vergangenen Jahr fast 70% gestiegen. Können Sie noch ruhig schlafen?
Ich habe nie gut geschlafen. Jedes Jahr sage ich mir, diese Wertsteigerung ist unglaublich. Andererseits führe ich mir vor Augen, wie viel Eigenkapital wir in der Bilanz aufweisen und wie hoch die Nettoverschuldung ist. Auch dieser Vergleich wird schöner und schöner.

Die Generalversammlung von Galenica steht noch immer im Ruf, ein Treffen Schweizer Apotheker zu sein. Haben Sie Hunderte von Apothekern reich gemacht?
Von den rund 9000 Galenica-Aktionären sind noch immer mehr als 1000 Kunden. Wie viel sie am Gesamtkapital halten, ist geheim. Es gibt Kunden, die mit uns reich geworden sind. Andere verkauften allerdings zu früh, weil sie nicht an unser Geschäftsmodell glaubten.

Die auf Grossbritannien konzentrierte Alliance Boots ist im Begriff, sich mit dem US-Konzern Walgreens zum weltgrössten Apothekenbetreiber zu verschmelzen. Ist es purer Zufall, dass die neue gemeinsame Einkaufszentrale im selben Gebäude wie die Galenica-Zentrale untergebracht ist?
Nein, ich habe das als langjähriger Verwaltungsrat von Alliance Boots für Bern gemacht. Ich wohne seit über zwanzig Jahren in Bern. Mitarbeiter von Alliance Boots Walgreens und von Galenica tauschen nun regelmässig Erfahrungen aus, aber nur auf informeller Ebene. Das soll auch so bleiben. Galenica operiert unabhängig von Alliance Boots Walgreens.

McKesson und Celesio haben – vorläufig erfolglos – versucht, einen weiteren transatlantischen Konzern zu bilden. Gehört der Pharmagrosshandel der Zukunft Riesen?
Die Konsolidierung wird sich fortsetzen. Ich sehe das nicht als Bedrohung, es bleibt Platz für kleinere Anbieter. Man muss aber anders sein. Me-too-Strategien haben in diesem Geschäft absolut keine Chance.

Leser-Kommentare