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Gefährlich sorglose Aktienmärkte

Die konjunkturellen Vorlaufindikatoren tauchen ab, die Aktienkurse steigen munter weiter. Das sollte Anleger zu Vorsicht mahnen.

Mark Dittli

Die englische Sprache kennt dieses wunderschöne Wort: Complacency – ins Deutsche am besten mit Sorglosigkeit oder Selbstgefälligkeit übersetzt.

Complacency, Sorglosigkeit, ist wohl die beste Beschreibung für die Bewegung an den Aktienmärkten in den vergangenen rund acht Wochen. Die meisten konjunkturellen Vorlaufindikatoren zeigten eine deutliche Abschwächung, doch die Aktienkurse stiegen weiter. Historisch betrachtet ist das abnormal, weil die Vorlaufindikatoren und die Aktienmärkte vor allem an den Wendepunkten oft eine ausgeprägte Korrelation aufweisen. Edmund Shing, Europa-Chefstratege von Barclays (BARC 103.4 -3.8%), hat das in einigen Grafiken schön dargestellt.

Hier der amerikanische S&P-500-Index (hellblaue Kurve) mit dem ECRI-Index (dunkelblaue Kurve; der Indikator des Economic Cycle Research Institute besitzt hervorragende Vorlaufqualitäten für die US-Wirtschaft):

Die Grafik zeigt schön, wie die beiden Kurven in der Regel eng korrelieren, in den letzten Monaten aber deutlich auseinanderdriften.

Hier der Ifo-Index in Deutschland (dunkelblau), verglichen mit dem Dax-Index (hellblau):

Ein ähnliches Bild: Der Ifo-Index ist in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich gesunken, der Dax (DAX 11560.51 -4.17%) hält sich gut.

Weiter im Programm, hier der Einkaufsmanagerindex Grossbritanniens (hellblaue Kurve; UK Manufacturing PMI) und der britische Aktienmarkt, dargestellt mit dem FTSE-100-Index (dunkelblau):

Ebenfalls: Der PMI taucht ab, der Aktienmarkt tendiert aufwärts.

Als letzte Grafik noch der Kupferpreis (dunkelblau), verglichen mit dem europäischen Stoxx-600-Index (hellblau), die in der Regel auch eine schöne Korrelation aufweisen:

Der Kupferpreis – wegen seiner guten konjunkturellen Vorlaufqualitäten an den Finanzmärkten auch «Dr. Copper» genannt – hat in den vergangenen Wochen deutlich nachgegeben, während der europäische Aktienmarkt seine Rally fortsetzte.

Hier zur Übersicht noch eine Aufstellung der jeweils aktuellen Lesung der Einkaufsmanagerindizes in ausgewählten Ländern (Quelle: Barclays). Werte unter 50 zeigen eine kontraktive, Werte über 50 eine expansive Wirtschaft an:

Mit wenigen Ausnahmen überwiegt weltweit der Kontraktionsmodus.

Auf die Aktienmärkte bezogen weckt dieses Bild ein ungutes Gefühl. Gut möglich, dass zu viele Investoren blind von einem «Bernanke-&-Draghi-Put» ausgehen: dass nämlich die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank bald ihre geldpolitischen Schleusen noch weiter aufreissen werden.

Das ist aber eine gefährliche Wette. Fed und EZB handelten in den vergangenen Jahren mit ihren unkonventionellen Methoden (Quantitative Easing, Longer Term Refinancing Operation) jeweils erst, wenn der Schmerz an den Finanzmärkten genügend gross war. Bob Janjuah, Stratege von N0mura in London, warnte seine Kunden kürzlich davor, in den kommenden Monaten grosse Wunder von Fed und EZB zu erwarten (mehr dazu in diesem Blogbeitrag).

Allzu sorglose Investoren könnten schon bald ein böses Erwachen erleben.