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Gegen eine grüne Geldpolitik

Die Folgen des Klimawandels werden den Notenbanken die klassische Aufgabe erschweren. Ihre begrenzten Instrumente sollten nicht zusätzlichen Zielen dienen müssen. Ein Kommentar von Willem H. Buiter.

Willem H. Buiter, New York
«Genauso wie es keinen Sinn ergibt, Kohlenstoffsteuern oder Emissionshandelssysteme einzusetzen, um Finanzstabilität zu erreichen, hat es auch keinen Sinn, Kapital- und Liquiditätsanforderungen einzusetzen, um die globale Erwärmung zu bekämpfen.»

Das Verhalten der Zentralbanken wird sich auf die eine oder andere Weise mit dem Klima verändern müssen. Es sollte sich aber nur deshalb ändern, weil der Klimawandel neue Sachzwänge schafft und neue Formen öffentlicher und privater Wirtschaftstätigkeit vorantreibt. Die primäre Funktion der Zentralbanken sollte sich nicht ändern, und sie sollten auch keine grünen Ziele annehmen, die die Verfolgung ihrer traditionellen Ziele untergraben könnten: Finanzstabilität und Preisstabilität (die in den USA ein Doppelmandat für Preisstabilität und maximale Beschäftigung darstellt).

Der Klimawandel wird in den kommenden Jahrzehnten ein bestimmendes globales Thema sein, denn wir sind noch weit davon entfernt, eine kohlenstoffarme und klimaresistente Welt zu schaffen. Drei Merkmale unserer Treibhausgasemissionen werden eine angemessene Reaktion verhindern. Erstens: Die Vorteile (billige Energie) werden in der Gegenwart genossen, während die Kosten (globale Erwärmung) in der Zukunft anfallen. Zweitens sind die Vorteile lokal (sie fallen dem Treibhausgasemittenten zu), während die Kosten global sind – eine klassische Externalität. Drittens belasten die effizientesten Methoden zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen die Entwicklungsländer in unverhältnismässiger Weise, während die Aufgabe, die armen Länder zu entschädigen, politisch heikel bleibt.

Der effizienteste Weg, den externen Effekten des Klimawandels zu begegnen, sind gezielte steuerliche und regulatorische Massnahmen. Pigou-Steuern (Lenkungsabgaben) oder handelbare Quoten würden die richtigen Anreize zur Verringerung der Treibhausgasemissionen schaffen. Kohlenstoffsteuern, wie sie von William D. Nordhaus von der Yale University befürwortet werden, müssen zur globalen Norm werden (obwohl es schwierig ist, sich vorzustellen, dass eine globale Kohlenstoffsteuer ohne einen erheblichen Vermögenstransfer von den Industrieländern zu den Entwicklungsländern funktioniert). Regeln und Vorschriften, die auf den Energieverbrauch und die Emissionen abzielen, können grüne Steuern und Quoten ergänzen, und öffentliche Ausgaben können die Forschung und Entwicklung der grünen Technologien unterstützen, die wir brauchen werden.

Keine freien Kapazitäten im geldpolitischen Arsenal

Was nicht dazugehört, ist ein grünes Mandat für Zentralbanken. Natürlich können sich gesetzliche Mandate ändern, und die Zentralbanken haben eine gute Tradition, sie zu überschreiten. Das Mandat der Europäischen Zentralbank zur Finanzstabilität ist dem Mandat zur Preisstabilität untergeordnet – «unbeschadet» dieses Mandats. Dies hat sie nicht daran gehindert, während der globalen Finanzkrise, der Staatsschuldenkrise in der Eurozone und der Covid-19-Krise entschlossen und sehr effektiv zu handeln, auch wenn dies bedeutete, das Preisstabilitätsziel im Jahr 2021 und wahrscheinlich auch 2022 zu überschreiten. Darüber hinaus sieht Artikel drei des Vertrags über die Europäische Union ausdrücklich «ein hohes Mass an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualität» vor, sodass es leicht nachvollziehbar ist, wie die Finanzstabilitäts- und Währungsinstrumente der EZB zur Bekämpfung des Klimawandels eingesetzt werden könnten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie auf diese Weise eingesetzt werden sollten. Die geldpolitischen Standardinstrumente (einer oder mehrere Leitzinsen, Länge und Zusammensetzung der Zentralbankbilanz, Forward Guidance und Steuerung der Zinsstrukturkurve) werden in der Regel eingesetzt, um Preisstabilität oder das duale Mandat zu erreichen. Nach den Ergebnissen zu urteilen, gibt es keine freien Kapazitäten im geldpolitischen Arsenal.

Diese geldpolitischen Instrumente wirken sich auch auf die Finanzstabilität aus, und zwar nicht immer in wünschenswerter Weise. Darüber hinaus untermauern Kapital- und Liquiditätsanforderungen die mikro- und makroprudenzielle Stabilität, und die Zentralbanken können zusätzliche Bedingungen für den Umfang und die Zusammensetzung der Bilanzen der beaufsichtigten Unternehmen auferlegen. Als Kreditgeber und Market Maker der letzten Instanz kann die Zentralbank die zugelassenen Geschäftspartner, die als Sicherheiten akzeptierten oder direkt gekauften Instrumente sowie die Bedingungen, zu denen sie Kredite vergibt oder direkte Käufe abwickelt, auswählen.

Klimawandel muss Bestandteil der Modelle werden

Es besteht kein Zweifel, dass der Klimawandel das Ziel der Preisstabilität einer Zentralbank beeinflusst, unter anderem durch aktuelle und erwartete Veränderungen der Gesamtnachfrage und des Gesamtangebots, der Energiepreise und anderer Kanäle. Der Klimawandel könnte auch die Übertragung der Geldpolitik erheblich verändern und muss daher ein integraler Bestandteil der Modelle werden, die die Zentralbanken bei der Verfolgung ihrer vorrangigen Ziele leiten.

Grüne Themen wirken sich auch in erheblichem Mass auf die Finanzstabilität aus. Extreme Wetterereignisse können die von Finanzinstituten und ihren Geschäftspartnern gehaltenen Vermögenswerte schädigen. Klimaschutz- und Anpassungsmassnahmen können den Wert von Anlagen mindern, sodass viele von ihnen möglicherweise «gestrandet» oder wertlos sind. Das Mandat einer Zentralbank zur Finanzstabilität erfordert, dass sie die vorhersehbaren Auswirkungen des Klimawandels auf die Einstufung von Vermögenswerten sowie auf die Liquidität und die Solvenz aller systemrelevanten Finanzinstitute und ihrer Gegenparteien in der Realwirtschaft erkennt und angemessen darauf reagiert.

Risiken sind nicht vollständig korreliert

Diese Risiken jetzt und in Zukunft vorwegzunehmen und angemessen darauf zu reagieren, bedeutet jedoch nicht, dass höhere Kapital- oder Liquiditätsanforderungen an «braune» Kredite, Anleihen und andere Finanzinstrumente gestellt werden sollten. Risiken für die Finanzstabilität und Risiken für die globale Erwärmung sind nicht vollständig korreliert. Ausserdem gibt es keine redundanten Instrumente der Finanzstabilitätspolitik, und Kapital- und Liquiditätsanforderungen haben einen klaren komparativen Vorteil bei der Verfolgung von Finanzstabilitätszielen, so wie Kohlenstoffsteuern und Emissionshandelssysteme einen klaren komparativen Vorteil bei der Verfolgung und Erreichung grüner Ziele haben.

Die durch den Klimawandel verursachten Schocks und Störungen werden es den Zentralbanken erschweren, ihr Mandat für Preisstabilität und Finanzstabilität zu erfüllen. Das Letzte, was sie brauchen, ist, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen, ihre begrenzten Instrumente mit zusätzlichen Zielen zu belasten. Genauso wie es keinen Sinn ergibt, Kohlenstoffsteuern oder Emissionshandelssysteme einzusetzen, um Finanzstabilität zu erreichen, hat es auch keinen Sinn, Kapital- und Liquiditätsanforderungen einzusetzen, um die globale Erwärmung zu bekämpfen. Die geeigneten Instrumente zur Bekämpfung des Klimawandels – steuerliche und regulatorische – sind bekannt und technisch anwendbar. Was fehlt, sind der Weitblick, die Logik und der moralische Mut, sie einzusetzen.

Copyright: Project Syndicate.