Meinungen

Geldgeschenke der Notenbank

Zeit für die Ultima Ratio? Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Sylvia Walter.

«Die Frage ist letztlich, ob den Volkswirtschaften keine Rezession mehr zugemutet werden soll.»

Der Konjunkturzyklus soll nun also auf Biegen und Brechen abgeschafft werden. Wie sonst ist der radikale Vorschlag einiger Ökonomen einzustufen, die der Europäischen Zentralbank empfehlen, zur Verhinderung der nahenden Rezession den Geldregen auf die Bevölkerung herabprasseln zu lassen? Reines, frisch gedrucktes Notenbankgeld, das mehr oder weniger direkt unters Volk gebracht wird – das sogenannte Helikoptergeld.

Die nach der Finanzkrise eingesetzten, unkonventionellen Massnahmen der Geldpolitik haben nicht die erwünschten Ergebnisse geliefert. Nun gilt es, eine Schippe draufzulegen. Daher soll als Ultima Ratio das Helikoptergeld eingesetzt werden, in der Hoffnung, dass dadurch Konsum und Inflation angeheizt werden. Dieser Geldsegen kann ohne Beihilfe der Geschäftsbanken verteilt werden. Deren Geschäftsmodell ist in einem Negativzinsumfeld sowieso schon ruiniert. Da der Preis des Geldes, also der Zins, bereits vielerorts mit negativem Vorzeichen versehen worden ist, kommt der Privatwirtschaft das wichtige Investitionssignal abhanden. Der Anlagenotstand führt jetzt schon dazu, dass vielerorts Preisblasen auszumachen sind. Die Negativzinsen noch weiter zu senken, würde Opposition an allen Fronten hervorrufen. Nicht zuletzt die Pensionskassen dürften auf die Barrikaden gehen. Da klingt die Aussicht auf Geldgeschenke viel harmloser und gefälliger.

Nun stelle man sich vor, der Präsident der Europäischen Zentralbank tritt an die Öffentlichkeit und gesteht ein, dass den Währungshütern kein anderes Mittel mehr übrig bleibt, um die Wirtschaft zu stimulieren, als den Bürgern der Währungsunion Notenbankgeld zu schenken. Ist der natürliche Reflex des Durchschnittsbürgers in solch einem Szenario, dieses Geld unbesorgt sofort zu verkonsumieren? Ist es nicht plausibel, dass der grösste Teil des Geldregens eher auf die hohe Kante gelegt würde? Dann wäre die Rosskur wirkungslos. Im Gegenteil, wie Beispiele der neueren Geschichte zeigen, könnte das Experiment gar zu Hyperinflation führen.

Das Helikoptergeld könnte auch via Staat zum Bürger gelangen. Der Staat sollte dann die breite Verteilung sicherstellen. Wenn es nach den Vertretern der in den USA diskutierten «Modern Monetary Theory» geht, dann bedient die Zentralbank den Finanzbedarf der Regierung direkt mit der Notenpresse – komplette Öffnung der Geldschleusen. Es liegt auf der Hand, dass kein Politiker und Stimmenmaximierer mehr schmerzhafte, aber nötige Strukturreformen lancieren würde. Die Alimentierung grosszügiger Fiskalpakete würde permanent.

Die Frage ist letztlich, ob den Volkswirtschaften keine Rezession mehr zugemutet werden soll. Der Versuch, ein reinigendes Gewitter hinauszuzögern, erinnert an eine Japanisierung der Wirtschaft, in der das Durchsiechen oberste Maxime ist. Es beschleicht einen tatsächlich die Angst, dass sich die Notenbanker schon zu weit in die Ecke haben drängen lassen, um einen Entzug der immer höher dosierten Geldspritzen zu wagen.

Leser-Kommentare

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Martin Mäder 04.09.2019 - 22:10
Die Beurteilung und die Befürchtungen der Redaktorin teile ich. Was da in grösstem Stil mit Negativzinsen und der krankhaften Illusion von Helikoptergeld dilettantisch gebastelt wird, widerspricht jeder ökonomischen Vernunft. Es gibt ökonomische Gesetze so ehern wie physikalische. Und die gelten bekanntlich auch für jene, die nicht daran glauben! Eine gesunde Volkswirtschaft kennt natürlicherweise Auf- und Abschwünge, das ist einfach so.… Weiterlesen »