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Aftershocks von Colin Kahl und Thomas Wright

Pandemien haben nicht erst seit Covid-19 ­Wirtschaft und Politik erschüttert. Die Folgen der Spanischen Grippe 1918/19 für die letzte Phase des ersten Weltkrieges und die Schaffung einer letztlich instabilen Nachkriegsordnung stellen Thomas Wright und Colin Kahl an den Beginn ihrer Analyse der internationalen Politik in der Coronakrise.

Chronologisch erzählen sie in «Aftershocks» nach, wie Anfang 2020 das bereits angeschlagene Verhältnis zwischen China und den USA dazu führte, dass sich beide Länder gegenseitig als Urheber der Krise beschuldigten. Darunter litt die internationale Koordination, und jedes Land führte den Kampf gegen die Pandemie mehr oder weniger erfolgreich in Eigenregie. Streckenweise liest sich das etwas ermüdend, liefert aber doch interessante Erkenntnisse, etwa wie die WHO politischem Druck nachgab, als es um den möglichen Ursprung des Virus in einem chinesischen Labor ging.

Aus europäischer Sicht doch eher gewöhnungsbedürftig ist die Einforderung der amerikanischen Führungsrolle in der internationalen Politik. Dieser Blickwinkel ist wohl dem Hintergrund der beiden Autoren geschuldet. Wright ist in der renommierten Denkfabrik Brookings beschäftigt. Kahl ist Unterstaatssekretär im US-Verteidigungsmanagement und dort für die Formulierung und Koordination der nationalen Sicherheitspolitik verantwortlich. Allgemein drängt sich die Frage auf, ob es für eine Analyse der Folgen der Coronapandemie in Buchform nicht noch zu früh ist. Andererseits vermag aber auch niemand zu prognostizieren, wie lange die freie Reflexionszeit bis zur nächsten globalen Krise währt. «Aftershocks» macht aber wenig Hoffnung, dass die USA, China und Europa bei anderen globalen Krisen, wie etwa dem Klimawandel, einen gemeinsamen Nenner für Kooperation finden könnten.

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