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Chinesisches Roulette

Das Buch beginnt wie ein Krimi. Die chinesische Milliardärin Whitney Duan verschwindet 2017 spurlos in Peking. Ihr in England lebender Exmann Desmond Chum versucht verzweifelt, ihr Schicksal zu klären. Er vermutet, die Kommunistische Partei Chinas (KP) habe sie weg­gesperrt oder getötet. Diesen aufreibenden Moment wählt Chum als Einstieg, um seine ­Lebensgeschichte zu erzählen. Kurzweilig und anekdotenreich bietet das Buch viel Insider­wissen über den rasanten wirtschaftlichen ­Aufstiegs Chinas – und die Fallstricke, wenn man in dieser Diktatur Geschäfte macht.

Während Chums Schulzeit emigriert seine ­Familie von Schanghai nach Hongkong. Als China sich wirtschaftlich öffnet, kommt Chum als Fremder zurück. Er vertritt eine amerikanische Investitionsgesellschaft und muss sich an die Wild-West-Umgangsformen im neu kapitalisierten China gewöhnen. So beschreibt er, wie die chinesische Marine gegen Bezahlung auch einmal Bier über die Grenze schmuggelt.

Sein geschäftlicher Erfolg nimmt ganz neue Bahnen, als er seine künftige Ehefrau und Geschäftspartnerin Whitney trifft. Eine energische Kämpferin, die sich schnell und berechnend durch unternehmerisches Denken und Netzwerke aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. So pflegt sie eine enge Beziehung zur Frau des damaligen Premiers Wen Jiabao. Damit öffnen sich dem Powerpaar viele Türen, besonders im Immobiliensektor. Doch für Unternehmer wird es enger, die KP will immer mehr Kontrolle ausüben, beobachtet Chum. Wie viele andere hatte er geglaubt, dass sich die Volksrepublik öffnen und demokratisieren werde. Doch am Ende muss er einsehen, dass die Partei ihre Macht freiwillig nie abgeben wird. Die KP kann es sich nun leisten, die ­Öffnung des Landes zurückzufahren.

In einem Interview berichtet Chum von einem verstörenden Telefongespräch vor der Publikation des Buches: Vier Jahre nach Whitneys Verschwinden konnte er vergangenen September erstmals wieder mit ihr reden. Sie war anscheinend völlig isoliert – wusste weder von der ­Coronapandemie noch vom Tod ihrer Mutter. Wohl unter Druck der Partei versuchte sie ihn von der Publikation des Buches abzuhalten.

, Closing Bell / Gelesen

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