Gelesen

«Der schwarze Obelisk»

Wenn Sie in Ihrer Lektüre ausserhalb der Nachrichten nicht Realitätsflucht suchen, sondern die Gegenwart besser verstehen wollen, dann sei Ihnen «Der schwarze Obelisk» von Erich Maria Remarque empfohlen. Denn Krieg und Inflation mögen aktuell die Schlagzeilen dominieren, den Alltag der Menschen beherrschten sie aber bereits vor hundert Jahren.

So auch denjenigen von Ludwig, der in einer deutschen Kleinstadt Grabmäler verkauft. Jeden Mittag und Abend im Jahr 1923, nach der Veröffentlichung der neusten Wechselkurse, werden diese Steine am Anfang der Geschichte im Frühjahr noch einige tausend Mark teurer, dann zehn- und hunderttausend. Im Herbst kostet ein simpler Grabstein 8 Mrd. Mark.

Während die Inflation das Leben immer unerschwinglicher macht, versucht Ludwig, so gut es geht, seine Jugend nachzuholen – sie wurde durch den Einzug an die Front im Ersten Weltkrieg vorschnell beendet. Ein Zufluchtsort ist die Irrenanstalt, in deren Kapelle er jeden Sonntag Orgel spielt. Immer wieder scheint in Ludwigs Beobachtungen durch, dass er die ­Insassen hinter den Mauern besser versteht als die «Gesunden» in der Stadt, die sich mit Glücksspiel, Alkohol und aufkeimendem Nationalsozialismus von der Misere ihres Daseins ablenken.

Trotz den dunklen Themen ist «Der schwarze Obelisk» zutiefst lebensbejahend – und dank dem schwarzen Humor des Autors auch sehr unterhaltsam. Bei der Veröffentlichung des Romans in den Fünfzigerjahren war Remarque dank «Im Westen nichts Neues» weltbekannt. Remarque selbst wollte jedoch keinen «Zeitroman» mehr schreiben, sondern vielmehr seine Protagonisten und ihre Gedanken, Wünsche und Handlungen ins Zentrum stellen. So mag Ludwigs Weltanschauung aus der Distanz naiv erscheinen, es ist jedoch genau seine ­Verwurzelung in der historischen Gegenwart, die dem Leser, der Leserin vor Augen führt, wie fest die Wahrnehmung durch ihre historischen Begebenheiten beschränkt ist – und dass Weitsicht ein Privileg der Zukunft ist.

, Closing Bell / Gelesen

Leser-Kommentare