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«Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen»

Der grösste Makel dieses Buches ist sein Titel – er ist irreführend, insbesondere der Untertitel: Wie ein Ende der Konsumkultur uns selbst und die Welt rettet. Denn der kanadische Journalist J. B. MacKinnon hat weder ein Manifest für ein enthaltsames Leben noch ein Selbsthilfebuch zum Entrümpeln der eigenen Besitztümer ­geschrieben. Zum Glück nicht, denn das vor­liegende Buch ist sehr viel lesenswerter und ­interessanter, als der Titel es vermuten lässt.

Der Ausgangspunkt ist eine hypothetische Frage: Wie sähe unsere Welt aus, wenn der Konsum von nicht lebensnotwendigen Gütern um 25% sinken würde? Um die Folgen dieses Gedankenexperiments abzuschätzen, orientiert sich MacKinnon an der Einschätzung zahlreicher Experten und der Realität. Er nimmt die Leser mit auf Reisen. Nach Ecuador, zu einer ­Familie der oberen Mittelschicht, da ihr Konsum hochgerechnet auf die ganze Weltbevölkerung genau die verfügbaren Ressourcen ­verbrauchen würde. Nach Japan, zu einem der ältesten Unternehmen dieser Welt, das schon viele Krisen überstanden hat. Nach Bangladesch, wo er mit dem Besitzer einer Textilfabrik über das Paradox spricht, dass sein Land von der Konsumwut im Westen abhängig ist, obwohl es die Umwelt vor Ort verschmutzt. Zu Walforschern, die untersuchen, wie der Schiffsverkehr im Pazifik die Population der Nordkapern, einer Art der Glattwale, beeinflusst.

So liest sich jedes Kapitel wie eine neue Reportage aus einem anderen Teil der Welt, was die Lektüre kurzweilig und unterhaltsam macht. Dank dem Talent des Autors, diesen verschiedenen Episoden einen roten Faden statt seiner eigenen Überzeugung einzuweben, ergibt sich ein komplexes, kaleidoskopisches Bild unserer modernen Konsumgesellschaft.

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