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«Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern»

In einer Epoche, in der Kommunikation und Kultur von der Digitalisierung dominiert werden und sie selbst in der Kunst Fuss fasst, wirkt ein Buch über die Ursprünge des Papiers und des Buches wie ein Anachronismus. Die Autorin Irene Vallejo, eine spanische Philologin und Schriftstellerin, tappt jedoch nicht in die Falle und erzählt melancholisch angehauchte Erinnerungen aus einer verlorenen Zeit. Sondern sie hat ein frisches, faktenreiches Buch geschrieben, das die Antike aus dem Blickwinkel der Sozial- und Kulturgeschichte neu erzählt.

Es geht dort auch um Kriege, aber um solche, die zur Eroberung von bedeutenden Schriften ausgetragen wurden, und das waren nicht ­wenige. Vallejo begibt sich auf die Suche nach dem ersten Buch. Sie gibt Einblick in die grossen Bibliotheken der antiken Welt – in Alexandria natürlich, aber nicht nur – und erläutert die wichtige Rolle, die sie für die Herrscher spielten. Die Vorstellung, das Wissen der Welt zu besitzen, bedeutete Macht. Sie berichtet von Protagonistinnen, denen ein Platz in der Geschichte gebührt, die ihn jedoch bisher nicht erhalten haben.

Zum Beispiel wurde der erste literarische Text der Geschichte, der die Signatur des Autors trägt, von einer Frau geschrieben. Sie erzählt von den ersten Buchhändlern und warum sie mit ihrem Gewerbe im antiken Rom ihr Leben aufs Spiel setzten (Stichwort: ­librariis cruci fixis). Warum Lehrer zwar wegen ihrer Bildung angesehen waren, aber sozial stets unterdrückt wurden. Weshalb der Mord an Cäsar in Rom vor allem für ärmere Leser negative Folgen hatte.

Und sie erläutert, auf welche Weise Schriftsteller der Antike wie Horatio ihre Werke lesens- resp. hörenswerter machten und Erzähltechniken erfanden, die heute in Filmen und Serien dramaturgischer Standard sind. Überhaupt verliert Vallejo nie die Perspektive aus den Augen. Sie spannt kontinuierlich den Bogen zur modernen Welt und ergänzt vergangene Fakten mit einem aktuellen Bezug. Der 700-Seiten-Schmöker enthält Elemente eines Romans, was den Lesefluss erleichtert. Vallejo ist ein reiches Buch gelungen, das die an Geschichte interessierte Leserschaft immer wieder zu verblüffen vermag und sie vor allem fesselt.

, Closing Bell / Gelesen

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