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«Warum Nationen scheitern»

Die schlimmste Befürchtung, bei einem Werk, das gleich von sechs Wirtschaftsnobelpreis­trägern empfohlen wird, bestätigt sich nicht. Die Ökonomen Daron Acemoglu und James Robinson haben keinen trockenen Staubfänger geschrieben, sondern unterhalten durch einen grossen Reichtum an historischen Schilderungen und Anekdoten – was bei einigen Wirtschaftswissenschaftlern auch Kritik hervorgerufen hat. Die Autoren gehen der Frage nach, warum in manchen Ländern seit langer Zeit wirtschaftlicher Wohlstand herrscht, ­während andere in der Armut verharren.

Die Antwort darauf ist schnell zusammengefasst: Es sind die Institutionen, die den Unterschied machen. Die Autoren unterscheiden dabei zwischen zwei Formen von Institutionen, die sie als «extractive» (im Sinne von: ausbeuterisch) und als «inclusive» (im Sinne von: die gesamte Gesellschaft umfassend) differenzieren. Entsprechend dieser Erkenntnis sind Macht­eliten schlecht für den gesellschaftlichen Wohlstand, Bürgerrechte hingegen sind gut. Vielerorts herrschen auch indigene Oligarchien, die das Vorwärtskommen des Landes verhindern. Veranschaulicht wird die Bedeutung politischer Institutionen unter anderem anhand des Ortes Nogales, der gleich im ersten von fünfzehn Kapiteln vorgestellt wird.

Das Örtchen Nogales liegt sowohl in Arizona, USA, als auch in Mexiko und wird durch die Landesgrenze getrennt. Die Wohlstandsunterschiede sind prägnant und sollen belegen, dass die Geografie und das Klima nicht über wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Dies ist nur eines vieler Fallbeispiele. Von den Conquistadores über die industrielle Revolution in Europa bis zum heutigen China, von Sierra Leone bis Kolumbien, der geschichtlich interessierte Leser wird auf seine Kosten kommen und dabei Denkanstösse erhalten, wie wichtig Eigentumsrechte und eine funktionierende Justiz sind. Das Buch setzt keine ­ökonomischen Fachkenntnisse voraus, und es kommt auch keine Mathematik vor. Einige Kapitel sind hingegen mit Grafiken und Landkarten angereichert, was die verbalen Schilderungen angenehm ergänzt.

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