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Welt im Lockdown

Adam Tooze schreibt über die grossen Krisen, die die Menschheit beschäftigen. Im Fall seines neusten Buches über Corona, «Shutdown», ­beschäftigte uns die Krise vielleicht sogar noch zu sehr, als es im September 2021 erschien. Als es herauskam, war es schon überholt. Das war auch bei «Crashed» so gewesen, seinem Klassiker über die Finanzkrise, als es 2018 erschien. Aber nicht in dem Masse, dass die Krise die Menschen noch immer so sehr plagte, dass sie über die unmittelbaren praktischen Fragen des (Über-)Lebens hinaus wenig Lust hatten, sich intellektuell mit ihr zu beschäftigen.

«Eine solche Erzählung mag verfrüht sein, aber wenn man eine Interpretation projiziert, eine intellektuelle Wette eingeht, ob richtig oder falsch, ­gewinn man etwas Wertvolles: ein tieferes Verständnis dessen, was der Satz, alle Geschichte sei Zeitgeschichte, wirklich bedeutet», schreibt Tooze einleitend. Er konnte nicht anders, als er im April 2020 die Arbeit an «Carbon» unterbrach und mit «Shutdown» begann. Diese Leidenschaft steckt hinter den akribischen Recherchen des Wirtschaftshistorikers. Sie zeigen, wie Länder rund um den Globus Anfang 2020 ins Schleudern kamen, wie Chinas Aufstieg sich beschleunigte, wie Zentralbanken mit beispiellosen Interventionen die Finanzmärkte stabilisierten.

Tooze beschreibt die technischen Details exakt und in angenehmer Sprache. Bei allen Statistiken und Anekdoten aus den globalen Machtzirkeln kommen auch menschliche Aspekte nicht zu kurz, wenn Tooze in das Home Office von Aktienhändlern in Jogginghosen blendet, die im Frühjahr 2020 angesichts rasant fallender Kurse mit langsamem Internet verrückt wurden. Diese Anfangstage der Krise sind heute weit weg. Ist Corona ­dereinst überstanden, könnte die «grosse ­Erzählung» der Pandemie, wie Tooze das Buch beschreibt, wieder an Aktualität gewinnen. Es endet mit dem Satz: «Was wir bisher erlebt haben, war erst der Anfang.»

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