Unternehmen / Schweiz

Gentech-Moratorium schadet

Es droht eine weitere Verlängerung. Alte Ängste bremsen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Arno Schmocker.

Arno Schmocker, Bern
«Pauschale Technologieverbote beschneiden den Strauss der Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten und schaden so der Volkswirtschaft.»

In der angelaufenen Wintersession des Parlaments sind Bundesfinanzen und AHV-Reform die ganz grossen Themen. Am Donnerstag kommt im Ständerat eine ebenfalls bedeutende Vorlage zur Abstimmung: die Verlängerung des Gentechnikmoratoriums in der Landwirtschaft um weitere vier Jahre.

In der Schweiz gilt seit 2005 ein Anbauverbot für gentechnisch veränderte Pflanzen. Auslöser war die im selben Jahr vom Volk mit 56% der Stimmen angenommene Volksinitiative «Für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft», die von Bundesrat und Parlament abgelehnt worden war. Die damalige unheilige Allianz von Umweltschutz- und Konsumentenorganisationen sowie Bauernschaft wirkt bis heute nach. Noch immer ist das Wort Gentechnik mit einem Stigma belegt, das Ängste auslöst.

Das Technologieverbot wurde seither drei Mal verlängert. In der Herbstsession hat der Nationalrat das Moratorium bis Ende 2025 im Verhältnis fünf zu eins gutgeheissen. Zu hoffen ist, dass der Ständerat Gegensteuer gibt. Seine Wissenschaftskommission hat zwar ebenfalls grünes Licht für die Verlängerung des Verbots gegeben, doch hat sie mit einer knappen Mehrheit immerhin entschieden, neue Züchtungsverfahren wie die Crispr-/Cas-Methode vom Moratorium auszunehmen.

Diese ermöglicht es, Bausteine im Erbgut mit einer «Schere» präzise zu schneiden und zu verändern. Dabei werden, im Unterschied zur bisherigen, klassischen Gentechnik, keine artfremden Gene eingeschleust. Die Technologie wurde schon vor zwölf Jahren von zwei Molekularbiologinnen, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, erfunden und 2012 erstmals in der Praxis erprobt. Die Französin und die Amerikanerin erhielten dafür 2020 den Nobelpreis für Chemie.

Die Genschere hat seither in der Pharmawelt eine Revolution ausgelöst. Erbkrankheiten können mit der Crispr-/Cas-Methode viel zielgenauer und damit erfolgreicher behandelt werden als zuvor. Die Technologie hat massgeblich dazu beigetragen, dass die Pharmaindustrie in absoluter Rekordzeit Impfstoffe gegen Covid-19 entwickelt hat.

Jede Technologie bietet Chancen und hat Risiken. Doch statt Gentechnik generell abzulehnen, sollte man jede Anwendung einzeln bewerten. Mit der Crispr-/Cas-Methode lassen sich zum Beispiel Gene für Krankheitsanfälligkeit ausschalten.

Neue, krankheitsresistente Pflanzensorten würden den Einsatz schädlicher Pestizide beträchtlich vermindern und eine umweltschonendere Landwirtschaft ermöglichen. Im Vergleich zur herkömmlichen Gentechnik ist die Genschere überdies bedeutend günstiger und nicht nur für Grosskonzerne attraktiv, sondern auch für kleine Züchter.

Trotz dieser bei nüchterner Betrachtung offensichtlichen Vorteile ist zu befürchten, dass im Ständerat namentlich SP, Grüne und ein grosser Teil der bauernnahen SVP in ihrer technologiefeindlichen Abwehrhaltung verharren. Pauschale Technologieverbote schaden indessen einer Volkswirtschaft auf die Länge. Sie beschneiden den Strauss der Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten. Anders als die USA tun sich Europa und die Schweiz schwer, die Chancen der biotechnologischen Innovation zu nutzen.