Starr blickt Jean Calvins steinerne Statue auf das (mitunter gewiss gottlose) Treiben in Genf – so kann es einem beim Besuch des Reformationsdenkmals jedenfalls vorkommen. Des gestrengen Religionslehrers Stadt beherbergt am Mittwoch zwei mächtige Männer – den amerikanischen und den russischen Präsidenten. Joe Biden ist römisch-katholisch (John F. Kennedy war der erste Katholik im Weissen Haus; ­Biden, ebenfalls irischer Herkunft, ist der zweite). Wladimir Putin, seit 22 Jahren und auf unabsehbare Zeit der Chef im Kreml, ist russisch-orthodox. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 begann sich der vormalige KGB-Agent der Kirche zuzuwenden bzw. das Patriarchat zu einer Stütze seiner Macht auszubauen – das hatte schon Zar Peter der Grosse so gehalten. Ob Putin wirklich als Kind diskret getauft wurde, wie da und dort zu lesen ist, bleibt unklar – als er 1952 zur Welt kam, war schliesslich noch der ungnädige ­Stalin an der Macht. Zum Bruch zwischen der West- und der Ostkirche war es bereits 1054 gekommen, ein halbes ­Jahrtausend bevor Calvin wirkte. Dieser Tage geht es in Genf zwar nicht um Glaubensfragen, sondern um Geopolitik, doch der Graben ist auch hier so tief wie seit jeher. (Bild: Martial Trezzini/Keystone)