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Georg Fischer denkt weit voraus

Die Industriegruppe richtet ihre Division GF Automotive stärker auf andere Industriesektoren aus. Im Blick ist namentlich die einträgliche Luftfahrt.

Nomen est omen – der Name ist ein Zeichen. Obwohl abgelutscht und durchgekaut, auf Georg Fischer trifft die lateinische Redensart zu. Wenn die Schaffhauser Industriegruppe den Namen der Division GF Automotive in GF Casting Solutions ändert, ist das ein Zeichen. Es besagt: Wir bieten giesstechnische Lösungen – Casting Solutions – für mehr als den Automotive-Bereich an.

Das ist strategisch gewollt. Der Automobilbezug soll schwächer werden, die Präsenz im übrigen Industriesektor stärker, besonders in der Luftfahrt. Der bevorstehende Namenswechsel bringt diese Gewichtsverlagerung zum Ausdruck.

Ausgelöst hat ihn die im Januar angekündigte und vor wenigen Tagen vollzogene Übernahme von Precicast. Das Tessiner Präzisionsgussunternehmen mit 120 Mio. Fr. Umsatz verkörpert den strategischen Wandel der Division exemplarisch. Precicast konzentriert sich auf Komponenten mit komplexen Legierungen für Flugzeugtriebwerke und Gasturbinen; daneben werden Teile im additiven Fertigungsverfahren (3-D-Druck) hergestellt.

Precicast weist den Weg

«Die Akquisition von Precicast entspricht der Strategie der Division, ihre Präsenz in vielversprechenden Industriesektoren wie der Luftfahrt zu verstärken», sagte Georg-Fischer-CEO Yves Serra zur Ankündigung der Transaktion. Die erworbene Gesellschaft aus Novazzano bei Chiasso ist auch ein Musterbeispiel für die Konzernstrategie – für die Ausrichtung der Aktivitäten in höherwertige Geschäftsfelder.

Höherwertig heisst in der Regel auch höhermargig. In dem Punkt bietet die Luftfahrt bessere Chancen als der Automobilbereich mit seinem beständigen Margendruck. Auch das dürfte ein Grund sein, weshalb Georg Fischer die Kundenbasis im Giessereigeschäft verbreitern will. Allerdings bedient Precicast nicht nur den Luft- und Raumfahrtsektor. Gemäss Unternehmensangaben stammte 2016 ein ähnlich grosser Teil des Umsatzes – knapp die Hälfte – von Aufträgen für industrielle Gasturbinen. Dieser Markt durchlebt gerade schwierige Zeiten.

Die Division GF Automotive selbst setzte im vergangenen Jahr 1,48 Mrd. Fr. um. Mit 94% stammt der weit grösste Teil davon aus Automotive-Aktivitäten, von Automobil- und Lastwagenherstellern. Nur 6% entfielen auf industrielle Anwendungen wie Rolltreppenstufen, Konvertergehäuse, Trommelflansche für Waschmaschinen und Gehäusedeckel für Windturbinen, die alle im Aluminiumdruckgussverfahren gefertigt werden. Pro forma mit Precicast sind es 14%.

Das Kundenuniversum von Precicast mit Namen wie ABB, Ansaldo Energia, General Electric, MAN, Rolls-Royce, Safran, Siemens und Sulzer ist für Georg Fischer kein Neuland. Mit der Division GF Machining Solutions ist die Gruppe bereits gut im Luftfahrt- und Gasturbinensektor vertreten. Dementsprechend soll die jüngste Akquisition in der weiteren Entwicklung ihrer Feingussaktivitäten auch von GF Machining Solutions unterstützt werden.

Risikofaktor E-Mobilität

Noch ein anderer Grund spricht auf lange Sicht dafür, die Giessereiaktivitäten breiter aufzustellen: Das Erschliessen neuer Anwendungsfelder beugt negativen Effekten aus einer möglichen Wachstumsverlangsamung im Geschäft mit Automobilkunden vor. Für diese Hauptkundengruppe fertigt die Division ausser Fahrwerks- und Strukturteile auch Komponenten des traditionellen Antriebs, darunter Motorblöcke, Kurbelwellen, Turboladergehäuse, Abgaskrümmer, Ölführungsmodule sowie Getriebe- und Kupplungsgehäuse.

In einer Zukunft, in der der reine Elektroantrieb den Verbrennungsmotor bedrängt, trüben sich die Wachstumsaussichten im Geschäft mit solchen Teilen ein. Selbst wenn 2030, wie von Boston Consulting Group vorausgesagt, nur rund 14% aller Neuwagen rein elektrisch fahren, bedeutet das für den Absatz von Fahrzeugen, die einen Verbrennungsmotor oder einen Hybridantrieb aus Verbrennungs- und Elektromotor haben, im Vergleich zu heute nahezu Nullwachstum.

Zwar giesst GF Automotive inzwischen auch Batteriegehäuse – und erfreut sich dabei reger Nachfrage. Ob das dereinst reichen wird, um die verdrängten Volumen aus dem Umfeld des Verbrennungsmotors aufzuwiegen, ist aber zweifelhaft. Sich neue Anwendungsfelder zu erschliessen, höherwertige dazu, kann daher trotz aller Unsicherheit über die Entwicklung der Elektromobilität nicht schaden.

Die Änderung in der Ausrichtung von GF Automotive ist ein weiteres Beispiel für die fliessende Weiterentwicklung des Industriekonzerns. Seine Geschäftsaussichten sind weiterhin gut. Für das laufende Jahr erwartet das Management eine Entwicklung im Rahmen der Ziele 2020: ein organisches Umsatzwachstum von 3 bis 5%, eine am Betriebsgewinn (Ebit) gemessene Marge von 8 bis 9% und eine Kapitalrendite (ROIC) von 18 bis 22%.

Die Aktien von Georg Fischer bewegen sich mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 2018 von 19 im Durchschnitt des Schweizer Industriesektors. Die Unterbewertung der vergangenen Jahre ist aufgeholt. Alles in allem kommt das heutige Niveau einer fairen Bewertung gleich.

Nicht mehr unterbewertet

Raum für weitere Kursavancen besteht, doch ist er limitiert. Angesichts eines begrenzten Margensteigerungspotenzials – 2017 erreichte der Konzern 8,5% – und unter der Annahme eines gehaltenen Bewertungsniveaus muss der Impuls für höhere Kurse primär vom Umsatzwachstum kommen. Anders gesagt, für die Aktiennotiz liegt im Trend nicht viel mehr drin als eine Steigerung im Gleichtakt mit dem Umsatz. Dazu kommt jeweils noch die Dividende (Rendite 2017: 1,8%).

Ob der Aktienmarkt sein Bewertungsniveau halten kann, ist allerdings fraglich. Wenn nicht steigende Zinsen, dann lassen dies drohende Handelserschwernisse und Wachstumssorgen in Deutschland als eher unwahrscheinlich erscheinen. Unter dem Strich spricht das aktuell gegen einen Positionsauf- oder -ausbau in Georg Fischer. Mit offenen Augen bleiben die Aktien aber haltenswert.

Die komplette Historie zu Georg Fischer finden Sie hier. »

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