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Gérard Depardieu nimmt, wie gewohnt, kein Blatt vor den Mund. Während der Dreharbeiten der zweiten Staffel der TV-Serie «Marseille» ist er bereit, über sich zu sprechen.

Nach mehreren verschobenen Rendezvous findet das Treffen schliesslich im Hochsommer in einem Hotel oberhalb des Quartiers Vieux-Port in Marseille statt. Der Schauspieler steckt mitten in den Dreharbeiten der zweiten Staffel «Marseille», in der er wiederum den Stadtpräsidenten gibt. Zwischen zwei Drehs nimmt er sich Zeit, über sich zu sprechen. Wie man es sich von ihm gewohnt ist, ohne sich um Political Correctness zu scheren. Oder wie es die Schauspielerin Fanny Ardant kürzlich in der französischen Zeitschrift «Les Echos» sagte: «Ich liebe diesen Schauspieler, der mit seiner Unverfrorenheit die Rahmen sprengt und der wie Vittoria Gassmann kein Musterschüler ist. Das gefällt mir, das sorgt für Schwung.»

Ihre Karriere begann mit einer Lüge, denn Sie bezeichneten sich als Schauspieler, obwohl Sie noch keiner waren. Eine positive Art der Unverschämtheit.
Nein, das war nicht Unverschämtheit, sondern eine Überlebensfrage.

Von Ihnen stammt auch die Aussage, dass «Kino ein Metier ist, das dumm macht.» Gilt das auch heute?
Das heutige Kino ist noch dümmer. Es zeigt das Leben, an das man den Zuschauer glauben machen möchte. Aber das ist nicht das Leben, das ist eine Reality Show. Es interessiert mich auch nicht, den Alltag in Selfies und in den Social Media zu zeigen. Das ist schrecklich. Es gibt keine Geheimnisse mehr.

Preisen Sie noch immer die Unschuld? Fühlen Sie Unschuld?
Natürlich. Unschuld ist schlicht und einfach der Wunsch zu leben, sich nicht von Dingen zudecken zu lassen, die einen überfordern. Dummheit verschmutzt den Geist. Indem man sich davon löst und versucht, die tiefsten Empfindungen zu sehen und zu hören, kann man jene Unschuld erreichen, die uns Überraschungen und Wohlbefinden vermittelt. Man soll Hintergedanken oder systematische Verurteilung vermeiden, sich dafür von Schönheit überraschen lassen, selbst wenn diese nur eine kurzlebige ist.

Deshalb die Notwendigkeit, Megazentren wie Paris zu verlassen?
Nicht unbedingt. Paris ist immer sehr schön. Aber ich bin eine bekannte Person, bekannt auch für meine Dummheiten, welche mir aber schnurzegal sind. Es gibt eben Leute, die sich mehr für diese Dummheiten interessieren als für die 250 Filme, die ich gedreht habe. In Paris gehe ich deshalb selten aus. Aber es ist eine wunderschöne Stadt, wie auch Frankreich und Europa schön sind.

Welche in Russland gemachten Erfahrungen und Erlebnisse fliessen in Ihre Kunst ein?
Für mich wurzelt Erfahrung vor allem in der Geschichte dieses Landes. Jene der Schuiskie und der Tataren unter Ivan Grozny. Es ist die Geschichte zweier Diktatoren. Ein Romanov, Ivan der Schreckliche, der zum Monster wurde und der als Kind von den Tataren unter Schuiskie eingekerkert wurde. Diese Familie hatte das Land regiert, bevor es unter den Romanovs zum Grossreich Russland wurde, das sich von Asien bis zum Okzident erstreckte. Es ist auch die Geschichte von Tolstoi, der viele Jahre vor Karl Marx und der kommunistischen Ideologie lebte. Er befreite seine Leibeigenen und wurde gottesgläubig. Tolstoi versuchte die Religion zu verstehen. Wie der Heilige Augustinus, der sich vom Manichäismus abwandte und mit seiner Mutter zum Katholizismus übertrat. Oder Alexander der Grosse, der drei Jahrhunderte vor Christus Griechisch und Lateinisch einführte, damit die Menschen Bildung erwerben konnten.

Ihre Gemeinsamkeit mit Putin? Die Freiheit?
Ich weiss nicht, ob Putin wirklich frei ist. Jedenfalls ist er weise. Dies war auch notwendig, um das Land aus siebzig Jahren Kommunismus und Korruption herauszuführen. Es gibt nichts Schwierigeres, als aus einer Lüge hervorzugehen. Putin besitzt zwei Eigenschaften, er ist mächtig und er ist intelligent. Er ist ein hervorragender Kenner der russischen Kultur und der Geschichte seines Landes. Wie die Chinesen, die ihre jahrtausendealte Geschichte kennen. Die andern Völker wissen nichts, und dabei meine ich nicht nur die Amerikaner.

Erzählen Sie uns von Ihrem Liederabend «Barbara». Wie ist er entstanden?
Ich kannte Barbara seit langem. 1985 realisierten wir die musikalische Aufführung «Lily Passion», ein alter Traum von ihr. Es war eine Art Märchen, eine Idee, wonach es an jedem Ort, wo Barbara singt, einen Mann gibt, der tötet. Wir waren lange zusammen auf Tournee, reisten Hunderte Kilometer gemeinsam, was uns einander sehr nahe brachte. Barbara war sehr anspruchsvoll, aber sie hatte auch ihre Verletzungen und Narben. Und sie hatte ihrem Vater, der sie missbraucht hatte, verziehen. Sie stand über allem. Sie hatte Männerbeziehungen, aber eigentlich liebte sie vor allem ihr Publikum. Sie besass eine natürliche Poesie, sie kannte ihre Musik sehr gut. Barbara war ausgebildete Opernsängerin, bevor sie begann, Chansons zu singen, die wirklich ihrem Wesen entsprachen. Ihre Lieder sind heute Teil des Lebens vieler Menschen.

Sind weitere Aufführungen geplant?
Nach Paris im letzten Februar und einer Aufführung in der Oper von Monte Carlo gibt es sicher zwei Konzerte in der Schweiz, sowie am 7. und 15. November im Cirque d’hiver in Paris, wo wir 1985 gemeinsam aufgetreten sind. Barbara liebte die Zirkusatmosphäre, die Magie, Raubtiere, Akrobaten, Gefahr. Sie lebte die Gefahr, die Gefahr war der Mörder. Muss ich singen oder nicht?

Können Sie sich immer noch bezaubern lassen?
Ich denke schon. Ich begeistere mich fürs Leben, die Zeit, einen Blick. Ich liebe es, Menschen anzuschauen, ohne dass sie es wissen. Ich liebe die Freiheit, die jeder besitzt, mit ihren Vor- und Nachteilen, Leiden und Freuden.

Trotz des Trauerns?
Der Schmerz geht vorüber. Man muss mit ihm leben. Er kann uns auch zu einer bestimmten Weisheit verhelfen. Der Tod eines Kindes (sein Sohn Guillaume starb vor knapp 10 Jahren, Anm. d. R.), Kummer, eine Trennung lässt eine bestimmte Weisheit und ein bestimmtes Verhalten entstehen. Aber eine Distanzierung gibt es nicht.

Sie haben in Reben investiert. Ist das immer noch aktuell?
Ja. Aber ein Winzer ist jemand, der nicht spricht. Wein ist Leben. Er lebt in der Flasche. Schweizer machen gute Weine, vor allem im Wallis. Einige sind aussergewöhnlich, die Böden gut unterhalten. Terroir ist eigentlich so gut wie nichts – eine 50 cm dicke Erdschicht, gut belüftet, mit Würmern, unter anderem, und Wurzeln. Wer Herbizide einsetzt, vernichtet es. Es gibt einen Walliser Winzer, den ich sehr mag: Dominique Giroud. Ich liebe seine Weine, aber auch seinen Glauben und seine Kultur, die von Kö- nig David inspiriert sind. Ich möchte gerne eines Tages etwas über König David machen, der sündigte und bereute. Eine wichtige Dimension in der Schöpfung. Man muss sich die Möglichkeit geben, wiedergutzumachen, um Verzeihung zu bitten. Man findet dies in keiner anderen Religion.

Sie waren mit dem Unternehmer Bernard Magrez assoziiert, der in Frankreich zahlreiche Weingüter (darunter Pape Clément) besitzt. Man hört, diese Verbindung sei aufgelöst.
Das stimmt. Ich will mich nicht um zu viele Weine kümmern müssen. Das ist nicht mein Metier, das ab einem gewissen Punkt Kompromisse verlangt. Ich übe immer weniger Tätigkeiten aus, dafür versuche ich, vermehrt meine Passionen zu leben. Darin bin ich Cyrano de Bergerac ähnlich: «An mir ist alles sauber ohne Makel. Ich strahle Unabhängigkeit und Freiheit aus, wie jeder sehen kann, der will.» Sobald man Teil eines Geschäfts ist, kommen die Probleme. Ich baue meine Besitztümer und Verbindungen ab.

Betreiben Sie in Paris immer noch ein Restaurant?
Ja, aber ich werde alles verkaufen. Denn es ist sehr zeitintensiv und viele Menschen sind involviert (90 Personen). Ich bin ein bisschen müde und möchte mich zurückziehen. Das heisst aber nicht, dass ich meine Mitarbeiter nicht schätzen würde. Im Gegenteil. Aber seit vierzig Jahren habe ich mit dem Wein keinen Gewinn erzielt. Ich ziehe es vor, in andere Grundstücke in der Gegend von Château de Tigné zu investieren. In jedem Fall werde ich die Arbeiten der Winzer, wo auch immer, genau beobachten.

Unterstützen Sie Jungunternehmer?
Nein, das heisst immer weniger, denn ich bin zum Wanderer geworden, der die Welt bereist. Es gibt andere Kulturen, die mich interessieren und es macht mich immer enorm glücklich, wenn ich feststelle, dass es Zeit braucht, mir diese anzueignen. Ich verbringe also meine Zeit damit, diese Kulturen, ob in Russland oder Asien, zu assimilieren

Haben Sie eine freie Beziehung zur Religion?
Ich bin frei. Ich verstehe alle Religionen, habe aber keine Lust, mich einzuengen. Ich fühle mich einem Schamanen nä- her. Siddhartha, Begründer des Buddhismus und mehrere Jahrhunderte vor Jesus geboren, hat die Gebote des Schamanismus übernommen, wie vor ihm die Indianer in Amerika. Selbst im heutigen Kasachstan begegnen Sie Menschen – oft sind es Hirten –, die im Kosmos ihren Platz suchen. Diese Suche interessiert mich.

Sind Sie nach Kasachstan gereist?
Ja, ich liebe dieses Land und kenne fast alle Wüstengebiete. Ich fühle mich wohl dort.

Wie steht es mit Frankreich? Was halten sie vom neuen Präsidenten Emmanuel Macron?
Ich kenne ihn nicht. Ich halte nichts von den Politikern. Sie sind kurzlebig. Ich misstraue ihnen nicht, sie sind mir einfach egal. Die Wahl Macrons betrifft mich nicht, denn ich bin dauernd auf Achse, reise von einer Stadt zur andern. Ich betreibe meinen eigenen Schamanismus. Ich mag Menschen nicht, die es auf den Reichtum der andern abgesehen haben. Die Römer taten es – sie haben übrigens lange gedauert –, die Ägypter, die Sumerer und die Inkas. Die Römer haben alle Völker erobert und die Juden zu ihren Sklaven gemacht.

Dennoch – fasziniert Sie Macht?
Nein, keineswegs. Es sind sowieso nur Kompromisse.

Und in Bezug auf Vladimir Putin?
Was mich an Vladimir Putin fasziniert, ist die Tatsache, dass er nie um jeden Preis die Macht wollte. 1952 geboren, ist es ihm gelungen, sich von schlechten Neigungen zu befreien. Vater, Mutter und Bruder leben nicht mehr. Seine Mutter wurde für tot erklärt, als sie in St. Petersburg verschüttet wurde, bevor sie von seinem Vater aus den Trümmern gezogen und gerettet werden konnte.

Drehen Sie zurzeit einen Film?
Nein, sondern eine TV-Serie. Schauen Sie auf Netflix den Film Okja des Südkoreaners Bong Joon-ho, der in Cannes den Idioten vorgestellt wurde, die alles kritisieren. Übrigens hat Cannes nicht mehr viel mit einem Festival zu tun. Es ist lediglich ein roter Teppich. Auch gibt es immer weniger Filme. Und es sind immer die gleichen, wie die Brüder Dardenne und ihre Filme, die keine Renner sind. Die Jungen ziehen heute Netflix und andere Medien vor. Das Kino stirbt, bringt sich um, wie es unsere Zivilisation tut, die sich auffrisst. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Internet und den Social Media verschlungen wird. Es geht so weit, dass die Menschen life getötet und dabei gefilmt werden.

Dramatisch…
Das ist nicht dramatisch. Das ist das Leben. Und der Mensch ist dafür gemacht.