Meinungen

Gesicht der Wirtschaft

Christoph Mäder wird neuer Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Econommiesuisse. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Economiesuisse hat den Nimbus, die mächtigste Lobbyorganisation in Bundesbern zu sein, längst verloren.»

Es ist eine der wichtigsten und nobelsten Aufgaben des Economiesuisse-Präsidenten – oder der Präsidentin –, gleichsam das Gesicht
der Schweizer Wirtschaft darzustellen. Der Präsident des Dachverbands der Wirtschaft muss eine Identifikationsfigur sein, locker im
Auftritt und klar in der Sache. Er muss die Wirtschaft in wenigen Sätzen allgemeinverständlich erklären können und ein
Sympathieträger sein. Und er muss die Wirtschaft aus zum Teil abgehobenen Gefilden auf den Boden der Realität zurückholen, er
muss sie zum positiven Stammtischthema machen.

Diese gewiss nicht einfache Aufgabe hat Heinz Karrer, der seinen Rücktritt als Economiesuisse-Präsident auf Ende September
bekannt gegeben hat, nur teilweise erfüllt. Er trat in seiner siebenjährigen Amtszeit häufig auf und zeigte keine Berührungsängste.
Dennoch wirkte er oft hölzern und wenig mitreissend.

Immerhin: Karrer brachte nach seinem Amtsantritt Ruhe in den Verband und richtete die Strukturen teilweise neu aus.
Economiesuisse blieb aber ein relativ schwerfälliger Organismus, der eher träge statt rasch zu reagieren pflegt. Dabei kann der
Verweis auf die breite Abstützung des Verbands und die heterogenen Interessen der Mitglieder nur bedingt entschuldigend wirken.
War die Vorgängerorganisation von Economiesuisse, der Vorort, einst die mächtigste Lobbyorganisation in Bundesbern, hat
Economiesuisse diesen Nimbus schon längst verloren – daran konnte auch Karrer nichts ändern. Im Gegenteil, Economiesuisse ist
gegenüber anderen deutlich ins Hintertreffen geraten, seien es die Gewerkschaften oder auch die verschiedenen
Umweltorganisationen.

Die Wirtschaft müsste sich wieder einmal die Frage stellen, ob sie ihre Interessen nicht einfacher und direkter vertreten könnte,
wenn der Verband mit dem Direktor oder dem Präsidenten direkt im Parlament vertreten wäre. Der Gewerkschaftsbund macht vor, wie
das geht: Ein Präsident, der nicht im Parlament sitzt, ist kaum denkbar. Die Wege zu anderen Parlamentariern sind viel kürzer und
einfacher – vor allem zu solchen, die andere Ideen vertreten.

Auch waren die inhaltlichen Positionen von Economiesuisse unter Karrer nicht immer über jeden Zweifel erhaben. So mutierte der
Verband vom Gegner der planwirtschaftlichen Energiestrategie 2050 zum Befürworter, und zwar von dem Moment an, als auch der
Grosswasserkraft Subventionen zugesichert wurden. Zudem unterstützte der Verband die Kombivorlage Unternehmenssteuern/AHV-
Zusatzfinanzierung, obwohl das Erfordernis der Einheit der Materie missachtet wurde.

Ob der designierte Präsident Christoph Mäder diesen Anforderungen gerecht wird, ist offen. Er verfügt über einen
reichen Erfahrungsschatz in der Wirtschaft wie auch in der Verbandslandschaft, er war Präsident von
Scienceindustries, dem Verband der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Sein Nachteil: Er ist breiten
Bevölkerungsschichten kaum bekannt. Christoph Mäder muss sich den Status als Gesicht der Wirtschaft erst noch
erarbeiten.

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