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Gesundheitskosten bedrohen Versicherer

Versicherer befürchten eine galoppierende Verpflichtungszunahme. Verkalkuliert hat sich wohl nicht nur Zurich Insurance.

Die Behandlungskosten schwerer Personenschäden würden weit rascher steigen, als die Versicherungswirtschaft beim Abschluss solcher oft viele Jahre laufender Policen kalku­lierten, warnte die Münchener Rück am Branchenmeeting in Baden-Baden. «Der enorme Anstieg der Pflegekosten wurde unterschätzt», resümierte Konzernleitungsmitglied Ludger Arnoldussen.

Als weiterer Sorgenpunkt kommt dazu, dass die wohl noch lange Zeit tief bleibenden Marktzinsen für gut benotete Anleihen den Vermögensertrag der Assekuranz schmälern. Die Branche dürfe sich nicht mehr auf Gewinne aus Kapitalanlagen verlassen, mahnt Arnoldussen: «Mehr denn je ist auf solide Erträge aus dem Kerngeschäft des Versicherns zu achten.»

Tarife nur selektiv höher

Damit signalisiert der weltgrösste Rückversicherer zugleich, in der Aushandlung der nächstjährigen Verträge mit den Erstversicherern diese Erschwernisse einzubringen. Die Münchener versuchen, zumindest für gewisse Kontraktsparten höhere Prämiensätze durchzusetzen.

Vertreter des Beraters und Brokers Guy Carpenter – Teil der US-kotierten Marsh & McLennan – vertraten an einer eigenen Veranstaltung in Baden-Baden die Ansicht, dass Erstversicherer in Summe ohne spürbare Preisaufschläge 2013 zum gewünschten neuen Schutz gelangen sollten. Die Rückversicherer hätten dank reichlicher Kapitalausstattung genügend Risikokapazität zur Verfügung. Ihr wettbewerbliches Verhalten werde deshalb das Preisniveau keinesfalls hochtreiben.

Die unterschiedlichen Sichtweisen sind ein Stück weit auf die gegensätzliche Positionierung zurückzuführen. Rückversicherer testen die Kundschaft auf die Akzeptanz von Preiserhöhungen. Der Broker hingegen versucht sich bei den Nachfragern als geschickter Aushandler günstiger Bedingungen ins Spiel zu bringen.

Herausforderungen bleiben genügend. Dass die Ertragschancen auf den mil­liardenhohen Versicherungsvermögen schrumpfen, ist wegen des Anhaltens der Niedrigzinslage unvermeidlich. Die Unternehmen investieren die einverlangten Prämien und Spargelder der Kunden zum überwiegenden Teil in Anleihen staatlicher und privater Schuldner.

Die Ökonomen der Münchener Rück erwarten erst ab Mitte des Jahrzehnts ein gemächliches Wiederansteigen des Marktzinsniveaus. Nach ihrer Ansicht werden die Nominalzinsen selbst 2020 noch immer unter der Inflationsrate liegen, womit ein negativer Realzins resultierte. Wird die Preisteuerung nur ungenügend durch Zinserträge ausgeglichen, die auf Anlagen von geringem Ausfallrisiko zu erzielen sind, gerät die Kalkulation langlaufender Versicherungskontrakte in Gefahr. Dies treffe besonders zu auf Policen für Personenschäden, merken Vertreter der Münchener Rück an, weil im Gesundheits­sektor eine beträchtliche Kosteninflation festzustellen sei. In der Pflegekostenversicherung bestehe ökonomisch zu gegenwärtigen Zinsen eine Unterreservierung von teilweise bis zu 78%.

Zwar sind längst nicht alle Versicherungszweige in vergleichbarer Weise betroffen. Dennoch ist zu befürchten, dass weitere Assekuranzunternehmen die Rückstellungen gewisser Kontraktportefeuilles aufzustocken haben – wohl besonders die im Lokalmarkt stark verankerten Erstversicherungseinheiten von Münchener Rück und Talanx sowie die Allianz.

Aufgerüttelt in dieser Hinsicht hat erst vergangene Woche Zurich Insurance. Sie beichtete, im deutschen Schadenversicherungsbereich nochmals eine gute halbe Milliarde Dollar auf die Seite legen zu müssen. Dieser Betrag ist verkraftbar, mindert aber den für 2012 erwarteten Vorsteuergewinn um etwa ein Zehntel.

Erkennbar wird der Einfluss neuer Aufsichtsregimes, die wesentlich stärker von ökonomischen Betrachtungen geprägt sind. In der Schweiz ist der Solvenztest SST bereits eingeführt. Im restlichen Europa wird noch an den Solvenz-II-Regeln gefeilt. Für eine Einführung per 2014 ist gemäss einer neuen Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young lediglich die Hälfte der Unternehmen gerüstet. Würde die Frist um ein Jahr hinausgezögert, würden es 90% schaffen. Aus Grossbritannien erreicht uns die Nachricht, dort werde der Einführungstermin voraussichtlich auf 2016 geschoben.

Aktien behalten Potenzial

Die Aktien des Sektors liegen dieses Jahr weit vor dem Gesamtmarkt. Dass Swiss Re und Münchener Rück obenaus schwingen, hängt mit dem für die Rückversicherer zunehmend realistisch werdenden Supergewinn zusammen. Bislang sind schwere Naturereignisse in hoch versicherten Weltgegenden so gut wie ausgeblieben, weshalb die Schadenmenge weit von den budgetierten Zahlen entfernt ist.

Die grafisch dargestellte Bewertungsübersicht zeigt eine grosse Bandbreite zwischen Axa, die zum 0,7-Fachen des für 2012 geschätzten Buchwerts bewertet sind, und Zurich Insurance (Faktor 1,2). Bleiben die Finanzmärkte in ihrer fragilen Stabilität, haben die Versichereraktien weiteres Potenzial. Anzunehmen ist, dass hoch bewertete Valoren – wie die von Zurich – weniger vorankommen als günstiger eingestufte Papiere.

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