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Gilead gibt Anlegern Hoffnung

Analyse | Der Wirkstoff Remdesivir des US-Biotech-Unternehmens kann die Heilung von Coronapatienten beschleunigen.

Am Mittwoch haben sich die Ereignisse bei der viel beachteten Suche nach einem Medikament zur Behandlung von Covid-19-Patienten überschlagen. Zuerst hat Gilead Sciences Zwischenergebnisse einer eigenen Studie zu ihrem antiviral wirkenden Medikament Remdesivir veröffentlicht.

Zudem hat das US-Biotech-Unternehmen mitgeteilt, dass eine weitere Studie unter der Federführung der US-Regierungsorganisation National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) ihr Hauptziel erreicht habe.

Der sogenannte primäre Endpunkt bestand in einer schnelleren Genesung im Vergleich mit der ansonsten verfügbaren besten Spitalpflege. Erstmals haben damit wissenschaftlich solide ausgestaltete Tests bestätigt, dass es ein Medikament gibt, das Coronapatienten helfen kann.

An der Wallstreet wurde die Nachricht erwartungsgemäss positiv aufgenommen. Die wichtigsten Indizes beendeten den Tag mit ansehnlichen Gewinnen. Der Nasdaq legte 3,6% zu, der S&P 500 avancierte um 2,7%. Die Aktien von Gilead sind zeitweise bis zu 8% gestiegen und schlossen 5,7% im Plus. Seit dem Jahreswechsel beträgt es damit 28%.

Notfallzulassung für neue «Standardbehandlung» erwartet

Ein paar Stunden nach Gilead trat auch das NIAID an die Öffentlichkeit und gab Details zum Ausmass der Wirksamkeit und zur Sterberate bekannt. Bei den mit Remdesivir behandelten Patienten lag die Genesungszeit bei elf Tagen, verglichen mit fünfzehn Tagen bei einer Kontrollgruppe, die ein Placebo erhielt. Zwar war auch die Sterblichkeitsrate bei der Remdesivir-Gruppe etwas geringer. Der Unterschied war mit 8 versus 11,6% den Experten zufolge jedoch nicht gross genug, um ihn einzig der Arznei zuzuschreiben.

NIAID-Direktor Anthony Fauci, der oberste Seuchenexperte der US-Regierung, bezeichnete diese ersten Studienergebnisse als «wirklich sehr wichtig». Remdesivir habe einen «eindeutigen, signifikanten, positiven Effekt» bei der Genesungszeit gezeigt. «Das wird die Standardbehandlung», gab er sich überzeugt. Die US-Aufsichtsbehörde FDA spreche gegenwärtig mit Gilead über Möglichkeiten, einen leichten Zugang zu dem Medikament zu ermöglichen.

Die «New York Times» berichtete unter Berufung auf Regierungskreise, eine notfallmässige Zulassung könne noch im Laufe des Tages erteilt werden. Das war am Mittwoch noch nicht der Fall, die Zulassung dürfte aber in den nächsten Stunden oder Tagen kommen.

Nur ein erster Schritt

In einer ersten Einschätzung wertete Geoffrey Porges von dem auf Pharmaaktien spezialisierten Analysehaus SVB Leerink die Resultate als positiv. Es sei aber erst ein erster Schritt. «Es ist ein Fortschritt, wenn die negativen Behandlungsergebnisse um 20 bis 30% oder auch die Sterblichkeitsrate um 20 bis 30% reduziert werden können. Aber das ist weit von einer heilenden Therapie entfernt», schrieb er.

Das rechtfertige nicht die Aufhebung sämtlicher verfügter Social-Distancing-Massnahmen. Grössere Lockerungen in kürzeren Fristen könnten nun aber möglich sein, sofern die nötige Gesundheitsinfrastruktur bestehe.

Zweite Studie: fünf Tage reichen

Gilead hat am Mittwoch separat über die Zwischenresultate einer weiteren Studie berichtet, die sie selbst durchgeführt hat. Allerdings wurde die Studie teils heftig kritisiert, weil sie über keinen Placebo-Kontrollarm verfügt und auch nicht blind durchgeführt wurde, wie es bei der NIAID-Studie der Fall war. Blind bedeutet, dass die Ärzte nicht wissen, wer das Medikament und wer das Placebo erhält

Gileads Hauptanliegen mit ihrer Studie war, eine fünftägige Remdesivir-Therapie mit einer zehntägigen zu vergleichen. Es gab keinen signifikanten Unterschied. Das ist wichtig, weil es nahelegt, dass die kurze Dauer reicht. Damit können mehr Patienten mit der zur Verfügung stehenden Menge des Mittels behandelt werden.

Es zeichnet sich bereits ab, dass die Herstellung der nötigen Dosen von Remdesivir in den nächsten Monaten zur grössten Herausforderung für Gilead wird. Der Herstellungsprozess konnte zwar um die Hälfte verkürzt werden, dauert derzeit aber noch sechs Monate, wie Gilead-CEO Daniel O’Day der Branchenpublikation «Statnews» gesagt hat. Demnach kann das Unternehmen aktuell 50’000 Behandlungszyklen pro Monat bereitstellen. Ein Standardzyklus dauert zehn Tage. Bis Juli sollen es 140’000 Zyklen sein. Erst für Ende Jahr ist mit mehreren Millionen zu rechnen.

Früh behandeln

Ein weiterer Hinweis, den die Gilead-Studie liefern konnte, betrifft den Zeitpunkt des Behandlungsbeginns. War er maximal zehn Tage nach den ersten Symptomen, hatten nach zwei Wochen bereits 62% der Patienten das Spital verlassen. Von denen, die das Medikament erst später erhielten, waren es 49%. Wirkung und Sicherheit der Arznei wurden bei 397 Patienten getestet.

Gileads Wirkstoff Remdesivir gilt seit Ausbruch der Coronakrise als grösster Hoffnungsträger unter den bereits existierenden Mitteln. Es wurde ursprünglich gegen andere Virenerkrankungen entwickelt und auch gegen Ebola getestet. Gegen diese tödliche Seuche hat es sich als zu wenig wirksam erwiesen.

Spezifischere Therapien erst nächstes Jahr

Remdesivir ist noch in keinem Land zur Behandlung irgendeiner Krankheit zugelassen. Weil es in anderen Indikationen bereits getestet wurde, konnte Gilead direkt Phase-III-Studien für Covid-19-Patienten starten und hat deshalb einen Vorsprung auf andere Entwicklungsvorhaben.

Es wird erwartet, dass solche spezifisch gegen Sars-CoV-2 gerichteten Antikörpertherapien besser wirken werden als das Breitbandmittel Remdesivir. Erste klinische Studien laufen demnächst an. Zwischenresultate sollten im Herbst vorliegen. Mit gesicherten Erkenntnissen gefolgt von Zulassungen wird für die erste Hälfte 2021 gerechnet.