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Givaudan beweist hohe Widerstandskraft

Analyse | Der Aroma- und Riechstoffhersteller ist im ersten Halbjahr weiter gewachsen und hat auch in der Marge zugelegt.

Givaudan (GIVN 4'741.00 +1.98%) ist langweilig. Und das ist gut so, denn der Aroma- und Riechstoffhersteller praktiziert eine überaus angenehme Form der Langeweile: Stetigkeit im Geschäftsgang. Er ist ein Hort der Stabilität, und ein leistungsfähiger dazu. Nicht von ungefähr hängt seinen Aktien das Label Swan an («Sleep well at night»). Zyklen, Verwerfungen oder Finanznöte sind ihm fremd, Krisen werfen ihn nicht aus der Bahn. Das beispiellose erste Coronahalbjahr hat er nahezu schadlos bewältigt.

«Wir wussten nicht, wie sich die unbekannte Situation auf unsere Widerstandskraft auswirkt», sagt CEO Gilles Andrier am Telefon, «doch wir haben alles getan, um die Herausforderungen zu meistern.» Nach wie vor gebe es wegen der Pandemie zwar kleine Probleme, doch sei nun wieder die volle Kapazität erreicht.

Luxusparfümerie leidet

Auf vergleichbarer Basis ist der Umsatz 4% gestiegen. Nach 5,4% Wachstum im ersten Quartal ergibt das für das zweite ein Plus von 2,8%, trotz Einbussen in der Luxusparfümerie wegen geschlossener Läden und im Geschäft mit Food Services (Grossküchen etc.), die phasenweise ebenfalls geschlossen waren. Dafür gab es mehr Nachfrage nach Riechstoffen für Hygieneprodukte sowie nach Aromen unter anderem für verpackte Lebens­mittel und für Snacks. Im Gesamtumsatz sind negative Wechselkurseinflüsse von rund 6 Prozentpunkten durch Akquisitionseffekte kompensiert worden.

Der Ebitda-Marge konnte die Krise nichts anhaben. Sie hat sich sogar erhöht. Andrier führt dafür vier Gründe an: Fortschritte bei zugekauften Gesellschaften, die Stabilisierung der Rohmaterialpreise, Effizienzgewinne sowie Einsparungen. Parallel zum Ergebnis hat sich auch der freie Cashflow günstig entwickelt, was ­angesichts der akquisitionsbedingt stattlichen Nettoverschuldung nur gut ist.

Dass Givaudan mit dieser Leistung im letzten Jahr des laufenden Strategiezyklus bestens unterwegs ist, die Ziele für diesen Fünfjahreszeitraum zu erreichen, ist inzwischen schon fast nicht mehr der Rede wert. Angestrebt sind 4 bis 5% organisches Wachstum und ein freier Cashflow von 12 bis 17% des Umsatzes, jeweils im Schnitt der einzelnen Jahre.

Weil der Hygienetrend weitergehen dürfte, die Beeinträchtigungen mit einer Normalisierung der Bedingungen dage­gen abnehmen sollten, könnte man gar ein noch besseres zweites Halbjahr erwarten. Doch der CEO lässt sich nicht auf die Äste hinaus. Letztlich komme es darauf an, wie rasch die Luxusparfümerie hochkomme und wie schnell die momentan besonders gefragten Geschäfte nachgäben. Zudem sei es möglich, dass sich das hohe Wachstum in Lateinamerika wegen der dortigen Verbreitung des Virus etwas verlangsame.

Per se ist Givaudan natürlich ein hoch interessantes Unternehmen in einer spannenden und für Anleger attraktiven Branche. Alles andere als langweilig präsentiert sich zudem der Aktienkurs: Zum Jahrestief vom 12. März hat er 40% gewonnen. Zum Stand von Anfang Jahr 23%. Der deutsche Konkurrent Symrise (SY1 126.95 +1.68%) hat 16% geschafft, IFF aus den USA null. Allen gemein ist, dass die Ergebnisprognosen von Analysten im selben Zeitraum eher leicht gesunken als gestiegen sind. Nun aber erfährt die FuW-Gewinnschätzung zu ­Givaudan aufgrund der jüngsten Informationen eine Anpassung nach oben (vgl. Daten zum Chart).

Ein sicherer Hafen

Dennoch ist der Kurs der erwarteten ­Ergebnisentwicklung weit vorausgeeilt, mit der Folge, dass sich die Bewertungskennzahlen in nie gesehener Höhe bewegen. Wie es aussieht, sind Anleger für die gebotene Kombination aus Qualität, Stabilität und aussichtsreichen Perspektiven – für guten Schlaf – dieser Tage viel zu ­zahlen bereit. Mit Symrise halten sie es ähnlich, in IFF dagegen finden sie diese ­Sicherheit nach der fragwürdigen Übernahme von Fruit­arom nicht.

Obwohl teuer, dürften die Papiere von Givaudan als sicherer Hafen noch einige Zeit gesucht bleiben, wenn auch nicht unbedingt mit der gleichen Dringlichkeit wie in den vergangenen Monaten. Dass sie den Gesamtmarkt weiterhin (klar) schlagen, ist demnach fraglich. Dementsprechend lautet die Empfehlung: «Halten».

Die komplette Historie zu Givaudan finden Sie hier. »