Meinungen

Glaubenskrieg

Die Aktienkurse koppeln sich von der Realwirtschaft ab. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

« Wer für den Aktienmarkt auf eine Kletterpartie ohne Ende setzt, der tut dies ganz ohne Seil und Steigeisen»

Der SMI (SMI 10253.38 1.26%) thront wieder deutlich über 10 000. Zu einem neuen Allzeithoch fehlen gerade mal 10%. Dass die Welt eine ganz andere ist als noch vor drei Monaten, scheint niemanden zu interessieren. Auch wenn ein Stratege nach dem anderen vor einer Korrektur warnt: Der neue Bullenmarkt hat Fahrt aufgenommen.

Im Moment herrscht ein Glaubenskrieg zwischen denjenigen, die sich an Fundamentaldaten und historische Muster halten, und denen, die ganz auf die Notenbanken vertrauen. Letztere gehen davon aus, dass Zentralbanken den Markt mit schier unbegrenzter Liquidität ver­sorgen und dafür nicht nur Unternehmensanleihen, sondern auch Aktien kaufen würden. Lesen Sie hier mehr. 

Auch wenn die Anlegerweisheit «Don’t fight the Fed» durchaus Hand und Fuss hat, sollte die fundamentale Betrachtung nicht zu kurz kommen. Wie weit Aktienkurse der Realwirtschaft bereits vorausgeeilt sind, zeigt ein Blick auf die Differenz zwischen Rohstoffpreisen, die für die Form der Wirtschaft als Gradmesser zu sehen sind, und den Avancen der Tech-Titel des Nasdaq Composite Index. Wenn man das Tech-Barometer ganz einfach durch den Bloomberg Commodity Index teilt, ist historisch gesehen ein Ergebnis um die 20 die Regel.

Im Moment steht der Wert auf unglaublichen 140 und damit so hoch wie noch nie. Zum Vergleich: Sogar in den wildesten Zeiten der Dotcom-Blase war er kaum über 50 gestiegen. Aktien sind im Moment teuer, an ­dieser Einsicht führt kein Weg vorbei. Ob das in einer Korrektur endet? Die Gefahr ist gross, hängt aber in der Tat stark von den Notenbanken ab. Doch wer für den Aktienmarkt auf eine Kletterpartie ohne Ende setzt, der tut dies ganz ohne Seil und Steigeisen.

Leser-Kommentare

Jörg Keller 05.06.2020 - 19:41
Die Zentralbank-getriebene Wallstreet und realitätsgebundene Mainstreet finden jeden Tag zusammen – in unserem altbekannten KGV, sprich PE. Und wenn einem Unternehmen 10-30% Umsatz auf 1-3 Jahre entfallen, und gleichzeitig 1-3% der Kunden jährlich Konkurs anmelden, dann kommt es früher oder später zu einer oftmals bitteren Überraschung: Das Jahresergebnis liegt dann nämlich meist nicht mehr bei einem Bruchteil des Vorjahres, es… Weiterlesen »