Unternehmen / Rohstoffe

Glencores Nachhaltigkeitspolitik fällt durch

Der Rohstoffkonzern gibt sich grosse Mühe, nachhaltig zu wirtschaften. Auf das Thema spezialisierte Finanzdienstleister bleiben trotzdem kritisch.

Glencore zieht mit den Bergbau­aktivitäten immer wieder Kritik auf sich. Vorgeworfen wird dem Schweizer Rohstoffkonzern mit Kotierung in London etwa mangelnder Umwelt- und Klimaschutz, Verletzung von Arbeiter- und Menschenrechten oder Nähe zu Geschäftsleuten und Politikern, die unter Korruptionsverdacht stehen. Glencore bestreitet die Vorwürfe jeweils und erklärt, in diesen Bereichen hohe Standards zu beachten, man sei ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen. Dem widersprechen aber auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierte Finanzdienstleister.

Die Integration der Nachhaltigkeit in den gesamten Konzern ist einer von drei Bestandteilen der Unternehmensstrategie von Glencore. Die anderen zwei sind der Erhalt einer guten und flexiblen Bilanz sowie der Fokus auf Kostenkontrolle und betriebliche Effizienz. Die Nachhaltigkeitsstrategie umfasst Ziele und Massnahmen in den Bereichen Gesundheit, Sicherheit am Arbeitsplatz, Umwelt sowie Gemeinwesen und Menschenrechte.

Klare Verpflichtung

Oberste Verantwortung für die Nachhaltigkeitsstrategie nimmt der Ausschuss für Gesundheit, Sicherheit, Umwelt und Gemeinwesen des Verwaltungsrats wahr, dem auch CEO Ivan Glasenberg angehört. Der Ausschuss erhält regelmässig aktuelle Berichte, anhand derer er sich ein Bild machen kann, wie das Unternehmen in den nachhaltigkeitsbezogenen Risikofeldern abschneidet. «Diese Vorkehrungen zeigen, dass Glencore klar der Nachhaltigkeit verpflichtet ist», sagt eine Sprecherin.

Über die Ziele im Bereich der Nachhaltigkeit, die Massnahmen, die zu deren Erreichung getroffen wurden, und wo man in Bezug auf die Ziele steht, legt Glencore jährlich in einem speziellen Bericht Rechenschaft ab. Bisher sind acht solcher Berichte erschienen, der aktuelle befasst sich mit dem Jahr 2017 und umfasst 119 Seiten. Er ist gespickt mit Beispielen, Zahlen, Tabellen und Grafiken. Und er ist aufgelockert mit Bildern, die lächelnde Angestellte in sauberen Arbeitskleidern zeigen, die vorschriftsgemäss Helm und Schutzbrille tragen. Das Titelbild zeigt einen Arbeiter, der sich in einem Garten mit saftig grünen Pflanzen beschäftigt. Nichts lässt ahnen, dass der Mann vielleicht in einem Bergwerk arbeitet, wo es gefährlich, laut und staubig ist.

Gemäss dem aktuellen Nachhaltigkeitsbericht hat Glencore 2017 in drei Bereichen die Ziele erreicht: Es gab keine bedeutenden oder katastrophalen Umweltereignisse, die berufsbedingten Krankheitsfälle konnten stark reduziert werden, und es kam zu keinen schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen. In einem Bereich wurde das Ziel verfehlt: An Glencore-Standorten ereigneten sich neun Todesfälle; angestrebt werden null. In den acht übrigen Bereichen ist man «plangemäss» unterwegs – will heissen, Glencore macht Fortschritte bei der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele bis 2020, wie die Sprecherin erläutert. Zu diesen Bereichen zählen etwa Klimawandel, Wasser und Abwasser, Abfall und Emissionen, Einbindung der Gemeinden und soziales Engagement oder Produktverantwortung.

Plangemäss soll dabei auch sein, dass 2017 die Emissionen des Treibhausgases CO2 und die Treibhausgasintensität der Produktion gestiegen sind – wenn auch beide nur leicht. Das sei zum einen so, weil auch die Förderung von Rohstoffen zugenommen habe, und zum andern, weil Modernisierungen an Anlagen vorgenommen wurden, die vorübergehend zu einem höheren CO2-Ausstoss geführt hätten, erklärt die Sprecherin.

Bescheiden wirkt dabei das Ziel, das sich Glencore im Bereich Klimawandel vorgenommen hat: Die CO2-Emissionen sollen bis 2020 mindestens 5% unter den Wert von 2016 gesenkt werden. Andere (Rohstoff-)Unternehmen streben Reduktionen im zweistelligen Prozentbereich an. Man sei bei der Zielformulierung vorsichtig gewesen, sagt die Sprecherin, weil man für die Periode 2015 bis 2020 zum ersten Mal ein CO2-Emissionsziel gesetzt habe. «Für die nächste Periode erwarten wir, dass unsere Ziele ambitionierter ausfallen werden», versichert sie.

Ist Glencore also ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen? «Ja», sagt die Sprecherin. «Nein» sagen auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierte Finanzdienstleister. Die Ratingagentur Inrate schreibt: «Auf unserer Skala von A+ (nachhaltig) bis D– (nicht nachhaltig) schneidet Glencore gesamthaft mit einem C– ab. Glencore ist also kein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen.»

Inrate nimmt dabei folgende Aspekte in ihre Nachhaltigkeitsbewertung auf: Auswirkungen der Geschäftstätigkeit auf Umwelt und Gesellschaft, operationelles Management von umwelt- und gesellschaftsbezogenen Themen, Arbeit und Governance. Bezüglich dieser Kriterien schneidet Glencore gemäss Inrate mit Ausnahme der Governance überall schlechter ab als der Branchendurchschnitt.

Die Nachhaltigkeitsbewertung von Glencore habe sich in den vergangenen Jahren «nur minim verändert», schreibt Inrate weiter. «Das ist primär auf das unveränderte Geschäftsmodell sowie weiterhin bestehende kontroverse Geschäftspraktiken zurückzuführen.»

Nicht vereinbar

Die Bank J. Safra Sarasin bezieht Nachhaltigkeit in jeden Schritt des Anlageprozesses ein. Klassische Analysekriterien wie ­Sicherheit, Rendite und Liquidität werden dabei um die sogenannten ESG-Faktoren (Umwelt, Soziales und Governance) erweitert. Fazit für Glencore: «Allgemein ist der Glencore-Ansatz trotz relevanter Massnahmen in ausgewählten Bereichen in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht mit den bestehenden ESG-Kriterien vereinbar.»

In einer Reaktion auf diese Einschätzungen betont Glencore, sie sei seit 2014 Vollmitglied des ICMM (International Council on Mining and Metals). Das unabhängige Expertenkomitee des ICMM habe das Nachhaltigkeitsmanagement des Konzerns überprüft und festgestellt, dass es «im Einklang mit den besten Praktiken der Branche» sei. Der Konzern engagiere sich zudem für verschiedene internationale Initiativen und Programme, welche auch von der Schweiz unterstützt werden, wie etwa die Freiwilligen Prinzipien für Sicherheit und Menschenrechte und die Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte.

Anleger, die an Rohstoffunternehmen interessiert sind, werden trotzdem Gesellschaften finden, die in Sachen Nachhaltigkeit besser unterwegs sind.

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