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Gold – völlig losgelöst?

Was steigt, muss irgendwann fallen. Der Goldpreis offenbar nicht. Ist das unheimlich, oder liegt es nur in der Mechanik der Geldpresse? Goldminentitel sind weniger in Absturzgefahr.

Tommaso Manzin

Seit 2000 ist der Goldpreis mehr gestiegen als irgendwann in den letzten fünfzig Jahren zuvor. Und trotz der jüngsten Korrektur notiert das Edelmetall weiter nahe an historischen Höchst. Die Gefahr von Rückschlägen ist auf diesem Niveau nicht zu unterschätzen. Und selbst historisch betrachtet ist sie auch bei Gold keine Quantité négligeable: Gemäss Research von Société Générale war die (rollende) Jahresperformance von Gold seit dem Ende des Währungssystems von Bretton Woods 1971 in 38% der Fälle negativ. Grosse Verluste von mindestens 10% gab es mit einer Häufigkeit von immerhin 18%.

Kann Gold schwimmen?

Im Wasser bekanntlich nicht – auch die berühmten Goldflocken im Trinkwasserspender drehen ihre Runden nur kurz. Aber kann Gold im Geld schwimmen? Wer die Frage für tautologisch hält, irrt. Zwar ist Gold eine Art Geld, aber das Geld im Umlauf ist nicht Gold – gerade deswegen steigt dessen Preis, je mehr sich das Geld entwertet. Und diese Gefahr droht, weil die Zentralbanken die Märkte mit Liquidität fluten.

Und damit sind wir wieder bei der Frage, ob Gold schwimmen kann – im Notenbankgeld. Denn darauf beruht zu einem grossen Teil die Begründung dafür, dass der Goldpreis seit langem die Schwerkraft herauszufordern scheint, ohne eine Blase gebildet zu haben.

Und wenn nicht: Wie muss man sich das Platzen einer Goldblase vorstellen? Goldregen, Goldstaub? Viel hässlicher. Ein Rückgang auf den Durchschnitt der Jahre vor 2000 käme einem Absturz von 350% gleich.

Und wenn das oben nicht wie eine Blase aussieht, dann war das hier unten auch keine.

Ja, die Häusermarktblase in den USA.

Was spricht noch für Gold?

Drei Faktoren:

1) Die Zentralbanken überbieten sich seit Jahren mit der Produktion von Liquidität, meist mit der Absicht, die eigene Währung zu schwächen und die Exporte anzukurbeln. Viele Beobachter sehen einen Währungskrieg längst lanciert. Das jüngste Beispiel im Abwertungsreigen ist die Bank of Japan, deren erklärtes Ziel es ist, 2013 die US-Notenbank Fed punkto expansiver Geldpolitik in den Schatten zu stellen.

Glaubt man daran, dass der Goldpreis wie in der Grafik suggeriert direkt an die Ausdehnung der Zentralbankbilanzen gekoppelt ist, dann hat Gold noch immer Aufwärtspotenzial, das gegen künftige Währungsabwertungen absichern kann.

2.) Die Goldnachfrage von Notenbanken in den Schwellenländern hat seit 2010 zugenommen. Dieser Trend könnte sich beschleunigen, vor allem in China, wo Gold noch einen sehr kleinen Anteil der Währungsreserven ausmacht.

Und auch die Konsumenten in China kaufen fleissig Gold. Sollte China die harte Landung weiterhin vermeiden und die geplanten Reformen ohne Schwächung des Konsums implementieren, legt auch die Nachfrage nach Gold weiter zu.

3.) Für Société Générale könnte Gold zudem irgendwann eine prominente Rolle in der Schaffung einer internationalen Leitwährung spielen.

Was spricht gegen Gold?

1.) Aktien sind im Vergleich zu Gold so tief bewertet wie seit zwanzig Jahren nicht mehr, was Investitionen in Gold im Vergleich alt aussehen lässt.

Und auch wenn man weiter zurückschaut, scheint für Gold das Ende der Fahnenstange erreicht.

2.) Die Zeichen, dass der Aufschwung zumindest in den USA an Momentum gewinnt, haben sich verdichtet. Sollten deswegen die Zinsen steigen, wäre das negativ für Gold, weil seine Opportunitätskosten stiegen (Gold wirft keinen Ertrag ab). Auch der Dollar könnte dann erstarken.

3.) Weit und breit keine Inflation.

Société Générale sieht für den Goldpreis folgende Szenarien: 1800 $/Unze im Grundszenario, 2200 $/Unze im besten Fall, 1500 $/Unze im schlechtesten.

Spricht etwas für Goldminen?

Die Aktien von Goldminen hinken der Goldrally seit langem hinterher und sind dementsprechend noch günstiger bewertet als Gold selbst. Sie haben 2011 25% und 2012 27% schlechter abgeschnitten als das Metall, das sie schürfen.

Sollte der Goldpreis weiter steigen, würden Goldminen viel stärker anziehen, vermutet Société Générale. Es bestehe zudem Übernahme- und Fusionsfantasie bei Junior-Goldunternehmen, also kleineren Minenbetreibern, die meist Kapital für ihre neuen Projekte suchen. Vor allem China könnte vermehrt auf Einkaufstour gehen.

Also, vor allem ein Auge auf China werfen: Ob als Zentralbank oder privat, ob direkt oder über Minen – die Chinesen sind es, die kaufen müssen, damit der Goldpreis auf dem Kamm der Welle bleibt.

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