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Goldträume 2013

Die Goldexperten überbieten sich mit der Prophezeiung neuer Höchst für das edle Metall. Und die Goldgräberstimmung hat durchaus fundamentale und politische Hintergründe.

Tommaso Manzin

«Gold (Gold 1425.43 -1.43%) wird nächstes Jahr auf über 2000 $/Unze steigen, denn die Notenbanken werden die Schleusen offen halten.» Dies erklärte Raymond Key, der globale Leiter für den Metallhandel bei der Deutschen Bank in London, in einem Interview gegenüber Bloomberg anlässlich der jährlichen Konferenz der London Bullion Market Association (LBMA) in Hongkong. «Wir werden die 2000-Marke knacken und darüber hinausgehen», prophezeit er. Die LBMA koordiniert den London Bullion Market, den wichtigsten ausserbörslichen Handelsplatz für Gold und Silber (Silber 16.36 0.86%). Hier wird seit 1919 der Weltmarktpreis für Gold festgelegt.

Auch Jeremy East, in derselben Funktion bei Standard Chartered (STAN 713.8 -0.17%), meinte Anfang Woche in einem Interview gegenüber der Agentur, dass Gold von allen Metallen der beste Performer sein werde. Der grösste Schub werde dabei von den Exchange Traded Funds (ETF) kommen.

Etwas weniger bullish waren die Teilnehmer der LBMA-Konferenz. Eine Umfrage unter den Delegierten ergab, dass der Goldpreis bis September 2013 auf 1849 $/Unze steigen wird. Gegenwärtig notiert Gold um 1728 $/Unze. Der bisherige Rekordwert wurde am 6. September mit 1921.15 $/Unze gemessen.

Bereits jetzt längste Hausse seit neunzig Jahren

Unter Goldhändlern und Investoren herrscht Goldgräberstimmung, seit Präsident Barack Obama vergangene Woche im Amt bestätigt wurde. Die in Gold hinterlegten Sicherheiten in börsengehandelten Produkten, vor allem ETF, haben am 8. November ein Allzeithöchst von 2596 Tonnen erklommen. Allein dieses Jahr sind gemäss Barclays (BARC 155.66 -0.37%) 200 Tonnen in ETF geflossen (4,6% des gesamten physischen Goldangebots von 4323 Tonnen 2012). 2011 waren es 175 Tonnen gewesen. Das entspricht einem Gegenwert von 144,9 Mrd. $.

25 von 33 der von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragten Analysten erwarten, dass der Goldpreis weiter steigt, obwohl das Edelmetall dieses Jahr bereits 11% zugelegt hat. Es handelt sich um den zwölften Jahresgewinn in Folge und damit die längste Hausse seit neunzig Jahren.

Selbst die Zentralbanken kaufen mehr Gold

Die Notenbanken sorgen mit ihrer Extraliquidität für einen guten Teil der gestiegenen Nachfrage nach Gold – doch sie sind selbst auf diesen Zug aufgesprungen, als fürchteten sie quasi selbst eine Geldentwertung, die auf ihre eigene expansive Geldpolitik folgen könnte. Wie ein Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt, haben vor allem die Notenbanken von Brasilien, Südkorea und Russland zugekauft. Im ersten Halbjahr 2012 haben Länder insgesamt 254,2 Tonnen Gold zu den 456 im gesamten Jahr 2011 gekauften Tonnen hinzugefügt.

Solange die Notenbanken einerseits weltweit Gold kauften und andererseits das schwache makroökonomische Umfeld stützen müssten, sollte die Nachfrage nach Gold «sehr stark sein», erklärte Jamie Sokalsky, CEO von Barrick Gold (GOLD 17.21 -0.06%), dem weltgrössten Goldschürfer, gegenüber Bloomberg. Die expansive Geldpolitik müsse aber noch lange anhalten, bevor die Exzesse der Krise verdaut würden.

Liquidität als Goldveredler

Der Goldpreis profitiert einerseits direkt von Notenbankliquidität, weil Anleger darin Schutz vor Inflation bzw. Geldentwertung suchen. Die Inflationserwartungen steigen in der Regel, wenn von einer zunehmenden Geldmenge ausgegangen wird. Zudem bedeutet der expansive Kurs der Währungshüter, dass sie auch fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch immer Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft sehen. Entsprechend schraubt auch eine Flucht in die Sicherheit den Goldpreis hoch.

Das Fed hat allein von Dezember 2008 bis Juni 2011 in zwei Runden quantitativer Lockerung 2,3 Bio. $ an Wertpapieren gekauft, um die Renditen am Markt zu senken und die Wertpapierpreise anzukurbeln. Dadurch sollen Unternehmen mehr investieren und Konsumenten mehr ausgeben, da sie sich über den Anstieg der Preise ihrer Anlagen reicher fühlen (Vermögenseffekt). Gold ist in dieser Zeitspanne 70% teurer geworden.

Am 13. September hat die US-Notenbank die dritte Runde quantitativer Lockerung (QE3) angekündigt. Das Programm sieht den monatlichen Kauf von 40 Mrd. $ an Hypothekenkrediten vor und soll erstmals so lange aufrechterhalten werden, bis signifikante Verbesserungen am Arbeitsmarkt sichtbar werden. Die Zinsen wird sie voraussichtlich bis 2015 nahe bei null belassen. Die Bank of Japan (BoJ) hat ihr Anleihenkaufprogramm Ende Oktober zum zweiten Mal in zwei Monaten ausgedehnt. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) bleibt auf ihrem expansiven Kurs. Sie hat Hauptrefinanzierungssatz und Einlagensatz an ihrer Sitzung am Donnerstag vor einer Woche auf rekordtiefen 0,75 bzw. 0% belassen.

Obama steht für Liquidität

Seit der Wiederwahl sind sich die Experten einig, dass die grosszügige Liquiditätsversorgung durch das Fed weitergehen dürfte. Obama unterstütze Bernanke, und die lockere Geldpolitik werde mit seiner Wiederwahl weitergehen, meinte etwa ein Analyst der Commerzbank (CBK 6.214 -2.34%) gegenüber Bloomberg nach dem Wahlsieg. Immer mehr Liquidität werde ins System fliessen und die Inflations- und Abwertungssorgen anheizen.

Der Herausforderer von Obama, Mitt Romney, hatte die lockere Geldpolitik der US-Notenbank kritisiert und damit gedroht, den Vorsitzenden des Fed, Ben Bernanke, zu ersetzen. Bernankes Amtszeit endet 2014.

Leser-Kommentare

Erika Heinzer 15.11.2012 - 23:04
Roli Solange die Geldmengen weiter steigen, die realen Zinsen negativ sind, ist Gold gut unterstützt. Wenn man dann noch liest, dass die Chinesen über Hongkong im 2012 bis jetzt 750 Tonnen Gold importiert haben, dann muss man sich doch gewisse Gedanken machen. Weiter sind weltweit nicht einmal 1% in Gold investiert und es gibt etwa 100 Mal mehr Papiergold als… Weiterlesen »