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«Gratulation!» – Stimmen zum SNB-Entscheid

Die SNB erntet für ihren Mut viel Zuspruch von Ökonomen. Über den künftigen Zinspfad und den Aussenwert des Frankens gehen die Meinungen aber auseinander.

(Reuters/PR) Die Schweizerische Nationalbank (SNB) erhöht den Leitzins zum ersten Mal seit 2007, und das gleich um einen halben Prozentpunkt auf –0,25%. Die Zinsdifferenz zur Eurozone ist nun positiv. Der Franken wertet sich kräftig auf, und die Aktienkurse geben auf breiter Front nach.

Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, gratuliert der SNB zum Zinsentscheid. Es sei der einzige richtige Entscheid. «Je schneller es mit den Leitzinsen nach oben geht, desto besser sind Inflationsgefahren unter Kontrolle zu bringen.»

Auch gemäss Brian Mandt, Chefökonom der Luzerner Kantonalbank, war der Schritt nötig. «Mit dem Zinsschritt nimmt die SNB auch in Kauf, dass der Franken vor allem gegenüber dem Euro weiter stark bleibt oder sich sogar noch aufwertet.» Dies diene als zusätzliches Mittel, um die importierte Inflation zu verringern.

Euro-Franken bereit für Parität

Laut UBS-Währungsexperte Thomas Flury signalisiert die Nationalbank mit dem Schritt, dass ein stärkerer Franken ihre Stabilitätsbemühungen unterstützen sollte. «Aber eine zu massive Aufwertung sollte es auch nicht sein.» Die UBS rechnet mit einer weiteren Aufwertung des Frankens. Demnach dürfte der Euro-Franken-Kurs in den kommenden zwölf Monaten um die Parität pendeln und der Dollar in die Handelsspanne von 90 bis 95 Rappen zurückfallen.

Wegen der höheren Inflation in der Eurozone bezeichnet die SNB den Franken nicht mehr als überbewertet. Das heisst aber nicht, dass sie von nun an nicht mehr interveniert. Bank-Bantleon-Ökonom Jörg Angelé etwa ist überzeugt, dass die SNB alles daran setzen wird, durch Devisenkäufe ein Unterschreiten der Euro-Franken-Parität zu verhindern.

«Die SNB schlägt der EZB ein Schnippchen», findet David Oxley von Capital Economics. Denn die EZB hat trotz grösseren Inflationsproblemen den ersten Schritt erst für Juli vorgesehen. Oxley hält nun ein Ende der Negativzinsen noch vor der nächsten SNB-Zinssitzung im September für möglich. Denn die SNB habe erneut gezeigt, dass sie für Überraschungen gut sei.

Zinserhöhung mit präventivem Charakter

Mit dieser steilen Prognose ist Capital Economics aber allein. Zwar habe die SNB eindeutig die Absicht, auch auf den kommenden Sitzungen die Zinsen zu erhöhen, heisst es bei der Grossbank Citi. «Die EZB wird sie allerdings nicht überholen, weil der Aufwertungsdruck auf den Franken zu gross würde», präzisiert Christian Schulz, Citis Vize-Chefökonom für Europa.

Auch Raffeisen erwartet, dass die Zinsnormalisierung trotz des forschen Starts der SNB insgesamt langsamer vonstattengehen werde als andernorts. «Die Zinserhöhung der SNB hat aufgrund des relativ wesentlich entspannteren Inflationsausblicks für die Schweiz einen eindeutig präventiveren Charakter als in den anderen Währungsräumen», schreibt dazu Schweiz-Ökonom Alexander Koch.

Auch gemäss Adrian Schneider, dem CIO der Glarner Kantonalbank, steht die SNB in Bezug auf den weiteren Erhöhungspfad wenig unter Druck.

Philipp Burckhardt, Anleihenstratege bei Lombard Odier IM, sieht nun weniger bei den Zinsen, sondern bei den Devisenreserven Handlungsbedarf. «In einem zweiten Schritt sollte die SNB versuchen, die Bilanz graduell zu verkürzen, was den Druck auf den Franken weiter erhöhen dürfte. Dies könnte dazu führen, dass insgesamt weniger Zinsschritte nötig sein werden oder dass der Anstieg gradueller und langsamer ablaufen wird, als dies aktuell von den Märkten erwartet wird.»

Leser-Kommentare

Daniel Pfister Pfister 16.06.2022 - 13:39

Lehrbuchmässig: Kleine offene Ökonomie mit unabhängiger Währung erhöht die Zinsen, um damit die Inflation im Binnenmarkt zu reduzieren und insbesondere die eigene Währung zu stärken, was die importierte Inflation dämpft.