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Märkte

Tödliche Geschwindigkeit

Für High-Speed-Trader wird es immer schwieriger, Geld zu verdienen. Auch steht die Branche zusehends in der Kritik.

In der breiten Öffentlichkeit wird kaum darüber gesprochen: An den Finanzmärkten herrscht ein Krieg der Maschinen. Mit streng geheimer Software betriebene Supercomputer entscheiden in Sekundenbruchteilen über den Kauf und Verkauf von Aktien, Obligationen, Devisen oder Rohstoffen. Dies wird im Branchenjargon Hochfrequenzhandel genannt. In den USA wechseln heute mehr als die Hälfte aller Aktien ohne menschliches Zutun den Besitz. Inzwischen ist dieses High Speed Trading aber so weit fort­geschritten, dass es immer schwieriger wird, damit Geld zu verdienen.

«Vor zehn Jahren war der Hoch­frequenzhandel noch kaum verbreitet. Es war deshalb relativ einfach, Gewinn zu machen. Das hat sich grundlegend verändert», sagt Mark Gorton, Gründer des Hochfrequenzhändlers Tower Research Capital. Er ist einer der wenigen Insider, der über die sonst äusserst verschwiegene Branche spricht. Seine Firma mit Sitz in Downtown Manhattan zählt rund 350 Mitarbeiter, wovon die meisten Mathematikspezialisten und Computer­experten sind. «Noch nie hat die Welt so effiziente Märkte gesehen», meint Gorton, der zuvor als Trader für Credit Suisse gearbeitet hat. «Dadurch wird unser ­Geschäft aber auch immer anspruchsvoller: Die Einnahmen sinken und Kosten steigen, weshalb einige Wettbewerber bereits ausgestiegen sind oder die Konsolidierung suchen», fügt er hinzu.

Jede Millisekunde zählt

Hochfrequenzhandel ist ein schwammiger Begriff. In der Regel gehören grosse Ausgaben für Hardware, Software und Daten dazu. Charakteristisch ist ebenso, dass eine immense Anzahl fein tarierter Handelsaufträge in hohem Tempo ausgeführt wird. So resultiert jeweils ein ­mikroskopisch kleiner Gewinn, der sich durch Hunderttausende von Transaktionen pro Tag aufsummiert. Pro gehan­delter Aktie haben High-Speed-Trader in den USA letztes Jahr 0.0005 bis 0.00075 $ verdient, schätzt Justin Schack vom ­Brokerhaus Rosenblatt Securities. Die Geschwindigkeit ist dabei so entscheidend, dass die Hochfrequenzhändler ihre Grossrechner möglichst nahe bei den Handelscomputern der Börsen aufstellen, um bei der Datenübertragung keine Zeit zu verlieren. Oft wird eine ­Aktie auch nur für wenige Sekunden oder Stunden gehalten. Die meisten Unternehmen haben sämtliche Positionen nach Börsenschluss glatt gestellt.

Seinen Ursprung hat das Geschäft mit der Geschwindigkeit in den späten Neunzigerjahren, als die US-Marktaufsicht SEC den vollelektronischen Handel genehmigte. Ein wichtiger Schritt folgte 2001 mit der Umstellung von der Bruchdarstellung zum Dezimalsystem. Richtig Tempo auf nahm der Hochfrequenz­handel dann 2007 durch die Einführung des Regulation National Market System, kurz Reg NMS genannt. Es verlangt, dass jeder Handelsauftrag über diejenige Plattform mit dem günstigsten Preis abgewickelt wird. Das sollte für mehr Wettbewerb unter den Börsenbetreibern sorgen. Der US-Aktienmarkt zersplitterte sich dadurch in dreizehn verschiedene Börsenplätze sowie rund vierzig bank- und börseninterne Plattformen für den anonymen Handel, Dark Pools genannt.

Börsen werden IT-Anbieter

Grossen High-Speed-Tradern wie KCG, Infinium oder Optiver eröffnete Reg NMS rosige Perspektiven mit Arbitragegeschäften. «Wie eine zerbrochene Vase, die man notdürftig mit Leim flickt, wird der Markt heute durch den Hochfrequenzhandel zusammengehalten», sagt Joe Saluzzi vom Broker Themis Trading. Unter Druck kamen dagegen reguläre Börsenbetreiber wie die New York Stock Exchange. «Die Nyse hatte 2005 an den an ihrem Tableau gelisteten Aktien einen Anteil von rund 80% des Handels­volumens. Kaum drei Jahre später waren es nur noch 25%», berichtet Saluzzi. Um sich neue Einnahmen zu erschliessen, setzen die Börsen deshalb immer mehr auf Daten- und IT-Dienste für die High-Speed-Trader. Die Nasdaq OMX Gruppe etwa erwirtschaftet damit inzwischen fast die Hälfte ihres Umsatzes.

Das grosse Geschäft ist für die Hochfrequenzhändler nun aber vorbei. Der Druck auf ihre Margen nimmt laufend zu. Wie hart der Kampf um Millisekunden inzwischen geworden ist, reflektieren die Daten des Researchdiensts TABB Group: Seit 2009 hat sich der Anteil des High Speed Trading am Gesamtvolumen des US-Aktienmarkts von 61 auf 52% reduziert. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in Europa, wo es aktuell 37% sind. Branchenweit dürfte der Gewinn in den USA dieses Jahr lediglich 1,1 Mrd. $ ­betragen, nachdem es 2009 noch über 7 Mrd. $ waren. «Die Hochfrequenzhändler zieht es daher vermehrt nach Übersee, speziell in die asiatischen Märkte», sagt TABB-Gründer Larry Tabb.

Bremslichter leuchten auf

Hinzu kommt, dass sich das regulatorische Umfeld verschärft. Das gilt besonders für Europa, wo Deutschland, Frankreich und Italien die Kontrolle verstärken. In den USA wird primär auf Bremsmechanismen gesetzt, die den Handel eine gewisse Zeit lang unter­brechen, wenn die Kurse extrem schwanken. ­Befürworter argumentieren, dass vom High Speed Trading alle Marktteil­nehmer profitieren würden, weil es den Handel liquider mache und die Spanne zwischen Geld- und Briefkursen verringere. Gerade in den USA haben sich in den letzten Jahren jedoch gravierende Zwischenfälle gehäuft. Der Schlimmste war der Flash Crash vom Mai 2010.

Das ruft prominente Gegner auf den Plan. Der Hochfrequenzhandel sei «grundsätzlich bösartig» und hätte niemals solche Dimensionen annehmen dürfen, kritisiert beispielsweise Warren Buffetts engster Weggefährte Charlie Munger. «Es ist dumm», sagte er unlängst, «ein System zu erlauben, in dem die Hälfte des Handelsvolumens auf ein paar kurzfristig orientierte Spekulanten entfällt, die versuchen, allen anderen ­Investoren ein Millionstel einer Nano­sekunde zuvorzukommen.»