Märkte 12:50 - 21.08.2013

Tödliche Geschwindigkeit

Für High-Speed-Trader wird es immer schwieriger, Geld zu verdienen. Auch steht die Branche zusehends in der Kritik.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Briefkurs
Kurs, zu dem Wertpapiere zum Verkauf angeboten werden, d. h., der Anbietende hat den Brief bzw. das Wertpapier. Der Briefkurs wird durch den Zusatz B bzw. b gekennzeichnet (vgl. Geldkurs ).
Broker
Händler, der für fremde Rechnung, d. h. im Auftrag seiner Kunden, Börsengeschäfte ausführt. In der Schweiz sind im Unterschied zu verschiedenen anderen Ländern auch die Banken zum Börsenhandel zugelassen.
Börse
Regelmässig stattfindender, nach feststehenden Usanzen organisierter Markt. Je nach den gehandelten Gütern spricht man z. B. von Wertpapier-, Effekten-, Devisen-, Warenbörsen oder Börsen für derivative Instrumente (Terminbörsen ).
Cap
Kurs eines Basiswerts oder ein Zins, den zu erreichen oft darüber entscheidet, ob der Basiswert geliefert oder ein Barbetrag gezahlt wird.
Dark Pool
Alternatives Handelssystem , bei dem Käufer und Verkäufer, die in der Regel grosse Wertschriftenpakete handeln, anonym bleiben. Betreiber der Dark Pools sind meist Börsen und Investmentbanken.
Devisen
Auf ausländische Währung lautende und im Ausland zahlbare Geldforderungen, insbesondere Bankguthaben, Checks und Wechsel. Allgemein auch ein Sammelbegriff für ausländische Währungen.
Insider
Person, die eine vertrauliche Tatsache kennt oder über nicht allgemein zugängliche Informationen verfügt, die nach ihrem Bekanntwerden voraussichtlich einen Einfluss auf den Kurs von Wertpapieren haben.
Konsolidierung
Die Bilanzen und die Erfolgsrechnungen der Tochtergesellschaften werden in einer gemeinsamen Konzernrechnung nach einheitlichen Kriterien (IFRS , Swiss Gaap Fer , US-Gaap ) zusammengefasst.
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Marge
1. Differenz zwischen den Aktiv- und den Passivzinsen einer Bank (Zinsmarge ). 2. Differenz zwischen dem Geldkurs und dem Briefkurs eines Wertpapiers (Geld-Brief-Spanne ). 3. Bareinschuss (Initial Margin , Variation Margin ) bei Futures oder CDF (Sicherheitsmarge). 4. Ergebnis (meist das operative) im Verhältnis zum Umsatz (Return on Sales, RoS).
Nasdaq
US-Börse für die Aktien von Technologieunternehmen, die nicht an der Nyse kotiert sind. Im Februar 2008 hat der Nasdaq mit der skandinavischen Gemeinschaftsbörse OMX fusioniert.
New York Stock Exchange
Amerikanische Effektenbörse. Spielt eine Vorreiterrolle unter den weltweiten Börsenplätzen. Seit 2006 selbst kotiert. 2007 mit Euronext fusioniert. Hat 2008 die American Stock Exchange (Amex) gekauft.
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
Research
Systematische Wertpapierbeurteilung als Grundlage für die Anlagepolitik. Sie gliedert sich in die Fundamentalanalyse und die technische Analyse .
Rohstoffe
Werden in der Regel standardisiert und auf Termin (vgl. Futures ) gehandelt. Die Palette reicht von Edelmetallen über Basismetalle , Getreide und Ölsaaten , Soft Commodities und Fleisch sowie Milch bis zu Energie.
SEC
US-Aufsichtsbehörde, die den Wertpapierhandel und börsennotierte Gesellschaften kontrolliert. Die SEC wurde 1934 als Reaktion auf den Börsenkrach von 1929 gegründet. Sie stellt u. a. sicher, dass relevante Unternehmensinformationen standardisiert publiziert werden. Sie sind in der Online-Datenbank Edgar für jedermann einsehbar (www.sec.gov). Die Aufsicht des Terminhandels obliegt der CFTC .

Unfälle beim High Speed TradingzoomIn der breiten Öffentlichkeit wird kaum darüber gesprochen: An den Finanzmärkten herrscht ein Krieg der Maschinen. Mit streng geheimer Software betriebene Supercomputer entscheiden in Sekundenbruchteilen über den Kauf und Verkauf von Aktien, Obligationen, Devisen oder Rohstoffen. Dies wird im Branchenjargon Hochfrequenzhandel genannt. In den USA wechseln heute mehr als die Hälfte aller Aktien ohne menschliches Zutun den Besitz. Inzwischen ist dieses High Speed Trading aber so weit fort­geschritten, dass es immer schwieriger wird, damit Geld zu verdienen.

zoom«Vor zehn Jahren war der Hoch­frequenzhandel noch kaum verbreitet. Es war deshalb relativ einfach, Gewinn zu machen. Das hat sich grundlegend verändert», sagt Mark Gorton, Gründer des Hochfrequenzhändlers Tower Research Capital. Er ist einer der wenigen Insider, der über die sonst äusserst verschwiegene Branche spricht. Seine Firma mit Sitz in Downtown Manhattan zählt rund 350 Mitarbeiter, wovon die meisten Mathematikspezialisten und Computer­experten sind. «Noch nie hat die Welt so effiziente Märkte gesehen», meint Gorton, der zuvor als Trader für Credit Suisse (CSGN 15.13 -0.79%) gearbeitet hat. «Dadurch wird unser ­Geschäft aber auch immer anspruchsvoller: Die Einnahmen sinken und Kosten steigen, weshalb einige Wettbewerber bereits ausgestiegen sind oder die Konsolidierung suchen», fügt er hinzu.

Jede Millisekunde zählt

zoomHochfrequenzhandel ist ein schwammiger Begriff. In der Regel gehören grosse Ausgaben für Hardware, Software und Daten dazu. Charakteristisch ist ebenso, dass eine immense Anzahl fein tarierter Handelsaufträge in hohem Tempo ausgeführt wird. So resultiert jeweils ein ­mikroskopisch kleiner Gewinn, der sich durch Hunderttausende von Transaktionen pro Tag aufsummiert. Pro gehan­delter Aktie haben High-Speed-Trader in den USA letztes Jahr 0.0005 bis 0.00075 $ verdient, schätzt Justin Schack vom ­Brokerhaus Rosenblatt Securities. Die Geschwindigkeit ist dabei so entscheidend, dass die Hochfrequenzhändler ihre Grossrechner möglichst nahe bei den Handelscomputern der Börsen aufstellen, um bei der Datenübertragung keine Zeit zu verlieren. Oft wird eine ­Aktie auch nur für wenige Sekunden oder Stunden gehalten. Die meisten Unternehmen haben sämtliche Positionen nach Börsenschluss glatt gestellt.

«Es kann jeden Moment wieder zu einem Flash Crash kommen»Joe Saluzzi, Mitbegründer des US-Brokers Themis Trading warnt, dass der Hochfrequenzhandel die Aktienmärkte instabil mache. Er fürchtet, dass sich bald wieder ein heftiger Kurssturz ereignet. Lesen Sie das Interview.Seinen Ursprung hat das Geschäft mit der Geschwindigkeit in den späten Neunzigerjahren, als die US-Marktaufsicht SEC den vollelektronischen Handel genehmigte. Ein wichtiger Schritt folgte 2001 mit der Umstellung von der Bruchdarstellung zum Dezimalsystem. Richtig Tempo auf nahm der Hochfrequenz­handel dann 2007 durch die Einführung des Regulation National Market System, kurz Reg NMS genannt. Es verlangt, dass jeder Handelsauftrag über diejenige Plattform mit dem günstigsten Preis abgewickelt wird. Das sollte für mehr Wettbewerb unter den Börsenbetreibern sorgen. Der US-Aktienmarkt zersplitterte sich dadurch in dreizehn verschiedene Börsenplätze sowie rund vierzig bank- und börseninterne Plattformen für den anonymen Handel, Dark Pools genannt.

Börsen werden IT-Anbieter

Grossen High-Speed-Tradern wie KCG, Infinium oder Optiver eröffnete Reg NMS rosige Perspektiven mit Arbitragegeschäften. «Wie eine zerbrochene Vase, die man notdürftig mit Leim flickt, wird der Markt heute durch den Hochfrequenzhandel zusammengehalten», sagt Joe Saluzzi vom Broker Themis Trading. Unter Druck kamen dagegen reguläre Börsenbetreiber wie die New York Stock Exchange. «Die Nyse hatte 2005 an den an ihrem Tableau gelisteten Aktien einen Anteil von rund 80% des Handels­volumens. Kaum drei Jahre später waren es nur noch 25%», berichtet Saluzzi. Um sich neue Einnahmen zu erschliessen, setzen die Börsen deshalb immer mehr auf Daten- und IT-Dienste für die High-Speed-Trader. Die Nasdaq OMX (NDAQ 68.87 0.29%) Gruppe etwa erwirtschaftet damit inzwischen fast die Hälfte ihres Umsatzes.

Das grosse Geschäft ist für die Hochfrequenzhändler nun aber vorbei. Der Druck auf ihre Margen nimmt laufend zu. Wie hart der Kampf um Millisekunden inzwischen geworden ist, reflektieren die Daten des Researchdiensts TABB Group: Seit 2009 hat sich der Anteil des High Speed Trading am Gesamtvolumen des US-Aktienmarkts von 61 auf 52% reduziert. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in Europa, wo es aktuell 37% sind. Branchenweit dürfte der Gewinn in den USA dieses Jahr lediglich 1,1 Mrd. $ ­betragen, nachdem es 2009 noch über 7 Mrd. $ waren. «Die Hochfrequenzhändler zieht es daher vermehrt nach Übersee, speziell in die asiatischen Märkte», sagt TABB-Gründer Larry Tabb.

Bremslichter leuchten auf

Europa prescht vor bei RegulierungIn Deutschland nimmt der Gesetzgeber die Hochfrequenzhändler bereits an die Kandare. Christian Katz, SIX-Chef, sieht für die Schweiz keinen Bedarf. Lesen Sie mehr. Hinzu kommt, dass sich das regulatorische Umfeld verschärft. Das gilt besonders für Europa, wo Deutschland, Frankreich und Italien die Kontrolle verstärken. In den USA wird primär auf Bremsmechanismen gesetzt, die den Handel eine gewisse Zeit lang unter­brechen, wenn die Kurse extrem schwanken. ­Befürworter argumentieren, dass vom High Speed Trading alle Marktteil­nehmer profitieren würden, weil es den Handel liquider mache und die Spanne zwischen Geld- und Briefkursen verringere. Gerade in den USA haben sich in den letzten Jahren jedoch gravierende Zwischenfälle gehäuft. Der Schlimmste war der Flash Crash vom Mai 2010.

Das ruft prominente Gegner auf den Plan. Der Hochfrequenzhandel sei «grundsätzlich bösartig» und hätte niemals solche Dimensionen annehmen dürfen, kritisiert beispielsweise Warren Buffetts engster Weggefährte Charlie Munger. «Es ist dumm», sagte er unlängst, «ein System zu erlauben, in dem die Hälfte des Handelsvolumens auf ein paar kurzfristig orientierte Spekulanten entfällt, die versuchen, allen anderen ­Investoren ein Millionstel einer Nano­sekunde zuvorzukommen.»

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