Märkte / Makro

Banken und Börse in Griechenland bleiben geschlossen

Griechenland lässt die Banken für eine Woche geschlossen und verhängt Kapitalverkehrskontrollen. Am Dienstag läuft das Hilfsprogramm aus. Das Referendum soll dennoch am 5. Juli durchgeführt werden.

(Reuters)  Nach dem Scheitern der Hellas-Schuldengespräche wächst die Sorge vor einem unmittelbar bevorstehenden Ansturm auf griechische Banken und Kurseinbrüchen an den Finanzmärkten.

Die griechische Regierung bestätigt, die Banken des Landes bis zum 6. Juli geschlossen zu halten. Geldautomaten könnten am heutigen Montag bis zum späten Nachmittag nicht genutzt werden, sagte ein Regierungsvertreter nach einer Kabinettssitzung, auf der die Notfall-Massnahmen abgesegnet wurden. Kunden könnten danach 60 € pro Tag abheben. Online-Überweisungen innerhalb Griechenlands seien weiterhin erlaubt, nicht aber ins Ausland.

Mit den Massnahmen soll verhindert werden, dass die Banken zusammenbrechen, weil angesichts der drohenden Staatspleite zu viele Kunden gleichzeitig ihre Konten räumen. Insidern zufolge können Ausländer in Griechenland auch höhere Beträge abheben.

Auch die Athener Börse bleibt nach Angaben einer Sprecherin bis kommenden Montag (06. Juli) geschlossen.

Der Euro rutschte am Sonntagabend zum Dollar um 1,6% ab und fiel unter die Marke von 1,10. Für den Deutschen Aktienindex Dax (DAX 12511.65 2.86%) sagten Händler Abschläge von zunächst rund 4% voraus, das wäre der grösste Kurseinbruch seit drei Jahren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel lud Vertreter aller Bundestagsparteien für Montag zu einem Krisentreffen.

Schlangen vor Bancomaten

Vor Geldautomaten in Griechenland bildeten sich am Sonntag lange Schlangen. Im Athener Stadtzentrum warteten teils bis zu 50 Kunden darauf, Bargeld abheben zu können. Das Auswärtige Amt in Berlin warnte Reisende vor erheblichen Wartezeiten bei der Versorgung mit Bargeld und riet, sich frühzeitig ausreichend einzudecken.

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras begründete die Einführung von Kontrollen des Kapitalverkehrs mit dem Vorgehen der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese hatte am Sonntag trotz der Zuspitzung der Krise das Volumen ihrer Nothilfen für Banken nicht angehoben und damit den Druck auf die Regierung in Athen vergrössert.

In den vergangenen Wochen hatte die EZB der griechischen Notenbank immer wieder erlaubt, die Banken mit mehr Mitteln zu versorgen. Zuletzt lag das Volumen der Unterstützung bei knapp 90 Mrd. €.

Wie heftig die Finanzmärkte am Montag auf die Entwicklung reagieren, mochte kein Experte exakt vorhersagen. Einige Händler sagten allerdings, das Scheitern der Gespräche sei von ihnen nicht erwartet worden und damit nicht «eingepreist» gewesen.

Der Euro, der in Asien/Pazifik zunächst bis auf 1,0985 $ abgerutscht war, erholte sich später etwas.

Deutsche Banken sehen sich gut vorbereitet

Deutsche Grossbanken sehen sich für einen möglichen Kollaps des Hellas-Finanzsystems gewappnet. «Wir sind sehr gut vorbereitet, weil wir uns seit langem auf eine solche Situation eingestellt haben», sagte ein Sprecher der Commerzbank (CBK 5.196 4.09%). Die Deutsche Bank (DBK 6.797 5.15%) erklärte, sie habe ausreichende Sicherheitsmechanismen, um ihre Geschäftsaktivitäten sowie Kundenservices zu gewährleisten.

Zahlreiche Banken haben den Ernstfall einer Staats- oder Bankenpleite in Trockenübungen durchgespielt, wie es in Finanzkreisen heisst. «Wir haben ein genaues Drehbuch für diese Situation», sagte ein führender Risikomanager einer deutschen Grossbank zu Reuters.

Kopfschütteln über Tsipras

Die griechische Regierung hatte bis Freitag mit den Gläubigern über Gegenleistungen für weitere Milliarden-Hilfen verhandelt. In der Nacht zum Samstag kündigte Regierungschef Tsipras dann aber überraschend eine Volksabstimmung über die Vorschläge der Geldgeber für kommenden Sonntag an. Dies hätte eine Verlängerung der des aktuellen Hilfspakets erfordert, das bereits am Dienstag ausläuft.

Für Kopfschütteln sorgte bei den Euro-Partnern auch, dass Tsipras bei den Bürgern für eine Ablehnung der Vorschläge warb und argumentierte, so könne Griechenland wirtschaftlich niemals auf eigenen Beinen stehen. Viele der anderen 18 Finanzminister der Länder der Eurozone gaben Tsipras die Schuld für das Scheitern der Gespräche. Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem sprach von einem Vertrauensbruch.

Am Sonntagabend erklärte Tsipras, er habe erneut um eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms gebeten und erwarte darauf unmittelbar eine Antwort der Geldgeber.

Ob es in den kommenden Tagen neue Versuche einer Einigung gibt, ist unklar. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis sagte der «Bild»-Zeitung, Bundeskanzlerin Merkel halte als Vertreterin des wichtigsten Landes den Schlüssel in der Hand. Griechenland sei für neue Vorschläge offen. Die Vertreter der Gläubiger müssten guten Willen zeigen.

EU-Kommissar Pierre Moscovici sagte, Griechenland könne die Verhandlungen über die jüngsten EU-Vorschläge wieder aufnehmen. IWF-Chefin Christine Lagarde sagte, Athen könne seinen Kurs noch ändern. Sollten die Griechen mit einem überwältigenden Votum für einen Verbleib im Euro und eine Stabilisierung der heimischen Wirtschaft stimmen, wären die Gläubiger zu weiteren Anstrengungen bereit, sagte sie der BBC.

Griechen sind für Verbleib im Euro

Offen ist, wie das für Sonntag angekündigte Referendum ausgeht. Umfragen zufolge will eine klare Mehrheit der Griechen in der Euro-Zone bleiben. Zudem befürworten die meisten Bürger einen Kompromiss mit den Gläubigern, wie aus zwei Erhebungen hervorgeht, die aber aus den Tagen vor der Eskalation stammen. Inzwischen fehlt eigentlich die Grundlage für ein Referendum.

Sollte sich das Volk dennoch für die Vorschläge der Gläubiger von Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission aussprechen, könnte die Regierung in Athen zum Rücktritt gezwungen sein.

Dramatisches Wochenende

Die Euro-Finanzminister hatten am Samstag die von Griechenland erbetene Verlängerung des Hilfsprogramms abgelehnt. Das Programm ende am Dienstag um Mitternacht, sagte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach einer Sondersitzung am Samstag in Brüssel.

Das Gremium verwarf die Bitte aus Athen, wegen der zuvor überraschend vom griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras für den 5. Juli angesetzten Volksabstimmung über die Reformvorschläge der Geldgeber das Hilfsprogramm zu verlängern.

Dijsselbloem kritisierte es als «unfair», dass die griechische Regierung das Referendum angesetzt und den Wählern empfohlen habe, die Reformvorschläge der Geldgeber abzulehnen. Am Samstag gab es noch Beratungen der Eurogruppe ohne den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis.

Beratung über Plan B

Dabei wollten die restlichen achtzehn Länder der Eurozone erörtern, wie sich die Währungsunion schützen kann. Bereits zuvor hatten mehrere Finanzminister gefordert, dass angesichts der Situation über den sogenannten Plan B beraten werden müsse. Damit sind Vorbereitungen auf eine mögliche Staatspleite Griechenlands gemeint, die ohne den Zugang der griechischen Regierung zu externen Finanzmitteln wahrscheinlicher wird.

Die achtzehn Finanzminister würden über alle Punkte sprechen, die nötig sind, «um die Stärke und die Glaubwürdigkeit der Eurozone zu erhalten», sagte Dijsselbloem. Auch in der gemeinsam vereinbarten Erklärung heisst es: «Die Euro-Zone-Einrichtungen werden alles tun, was für die finanzielle Stabilität in der Euro-Zone nötig ist.» Die griechische Seite habe der Erklärung der Eurogruppe nicht zugestimmt, sagte Dijsselbloem.

In der Erklärung heisst es weiter, dass die Institutionen von EU-Kommission, EZB und IWF umfassende Vorschläge vorgelegt hätten, die von der vorgegebenen Flexibilität Gebrauch machten. Bedauerlicherweise habe die griechische Seite die Verhandlungen am späten Freitagabend einseitig abgebrochen. Das Programm ende am 30. Juni und damit auch der mögliche Transfer von EZB-Anleihengewinnen an Griechenland.

Referendum am 5. Juli

Die Volksbefragung in Griechenland zu den  Reformauflagen der Geldgeber kann am nächsten Wochenende derweil stattfinden. Das Parlament in Athen gab am frühen Sonntagmorgen mit der erforderlichen Mehrheit grünes Licht für das Vorhaben, das Ministerpräsident Alexis Tsipras erst am Freitagabend ins Spiel gebracht hatte.

Das Referendum werde am 5. Juli über die Bühne gehen, obwohl die Gläubiger dagegen seien, sagte Tsipras. Ein «Nein» werde die Verhandlungsposition seiner Links-Regierung stärken. Vor allem das jüngste Ultimatum der Geldgeber sei beschämend gewesen. «Der Tag der Wahrheit wird für die Gläubiger kommen.» Griechenland werde nicht aufgeben.

In zwei Meinungsumfragen sprach sich jeweils eine deutliche Mehrheit der Griechen dafür aus, sich mit den Gläubigern auf einen Kompromiss zu verständigen. Allerdings erfolgten die Befragungen vor der überraschenden Ankündigung für ein Referendum, das die Euro-Zone in die schwerste Krise seit Einführung der Gemeinschaftswährung gestürzt hat.

Im Parlament bekam Tsipras ohne Probleme die erforderliche Stimmenzahl für sein Vorhaben.

Die Opposition in Griechenland warf Tsipras vor, sich hinter dem Volk zu verstecken. Er müsse selbst eine Entscheidung treffen und dafür eintreten, sagte der frühere Regierungschef Antonis Samaras. Ausserdem mache das Referendum keinen Sinn, weil die Verhandlungen mit den Geldgebern beendet worden seien.

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