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Grossartiges NischengebietSchweizer Kunst erzielt Spitzenpreise – Anker überholt Hodler – Ernst Biéler steigt in die erste Liga auf – Preisfaktor Auktionsort

Christian von Faber-Castell

Christian von Faber-Castell

Die Spezialauktionen für Schweizer Kunst Ende November und Anfang Dezember in Zürich und Bern erinnern an die Wechselbäder der Börse. Einzelne als Favoriten hoch taxierte Museumswerke kletterten in diesen Versteigerungen weit über ihre bereits hohe Schätzung, vereinzelt gab es sogar neue Künstlerrekordpreise. Andere, auch prominente Werke erreichten dagegen nur knapp ihren unteren Schätzpreis, und mehr als ein Drittel der ausgerufenen Lose fand überhaupt keinen Käufer.

Zu diesen unverkauften Losen gehören Werke von soliden Klassikern wie Alexandre Calame. Seine Vierwaldstätterseelandschaft «Lac des Quatre-Cantons et Urirotstock» (Öl auf Papier auf Leinwand, 35×53 cm) aus den Jahren 1857 bis 1861 wäre schon für 30 000 Fr. zu haben gewesen, fand aber keinen Käufer. Daneben konnten sich Kenner günstige Gelegenheiten sichern, wie etwa zwei kleine Baumstudien von Robert Zünd in altmeisterlicher Qualität für 4800 und 3600 Fr.

Rekordpreise in Zürich

Die Unberechenbarkeit und die Preisschwankungsbreite allein der drei diesen Herbst in Zürich abgehaltenen Auktionen mit Schweizer Kunst spiegeln sich in Zahlen. Von den 518 angebotenen Losen, die Sotheby’s, Christie’s und Koller am 28. November sowie am 5. und 9. Dezember zum Ausruf brachten, fielen 170 Lose oder 33% des Angebots durch. Für die tatsächlich verkauften 348 Lose nahmen die drei Auktionshäuser insgesamt 37,8 Mio. Fr. ein. Von diesem Total entfallen jedoch allein 26,2 Mio. Fr. oder fast 70% auf die zehn teuersten Werke dieser Versteigerungen. 3% aller verkauften Lose erzielten also 70% des Gesamtumsatzes.

Die Namensliste dieser zehn teuersten Lose dieser Zürcher Auktionen bildet eine unvollständige Rangliste der Blue Chips dieses Nischengebiets. Angeführt wird sie von Albert Ankers Kinderbild «Die ältere Schwester» (Öl auf Leinwand, signiert, 66×46 cm) aus der Zeit vor 1889, das Koller zum neuen Auktionsrekordpreis für diesen Künstler von 7,38 Mio. Fr. versteigern konnte, sowie von drei weiteren Werken dieses helvetischen Nationalmalers.Auf dem zweiten Platz der Rangliste folgt Ferdinand Hodlers um 1904 gemalter «Genfersee von Chexbres aus» (Öl auf Leinwand, signiert, 81×100 cm), für den Sotheby’s 7,1 Mio. Fr. erzielte. Als weitere Namen finden sich hier Alberto Giacometti, Cuno Amiet, Frank Buchser sowie Ernest Biéler. Der 1863 in Rolle geborene, in Paris geschulte, seit 1889 in Saviese ob Sion lebende und 1948 in Lausanne verstorbene Walliser Jugendstilmaler Ernst Biéler ist der eigentliche Aufsteiger der letzten Jahre. Schon 2007 konnten Sotheby’s und Christie’s zwei Bilder dieses Malers zu unerwarteten Spitzenpreisen von 601 000 Fr. und 1,02 Mio. Fr. versteigern. Am 14. Dezember kletterte sein auf 80 000 bis 120 000 Fr. geschätztes Frauenbild «Portrait de Violette Scholder» (Tempera auf Holz, signiert und datiert, 47×32 cm) aus dem Jahr 1911 auf den neuen Künstlerrekordpreis von 1,155 Mio. Fr. Damit ist Biéler, der schon an der jugendstilträchtigen Pariser Weltausstellung von 1889 erste Erfolge feierte, in der ersten Liga der Schweizer Kunst angekommen.

Die Kleinen können’s auch

Aufschlussreicher und folgenreicher als dieser Preis ist der Ort, wo er erzielt wurde. Es waren nämlich weder die Zürcher Niederlassungen von Christie’s oder Sotheby’s noch eines der grossen Schweizer Traditionshäuser wie Koller, Kornfeld, Fischer, Stuker oder Dobiaschofsky, sondern das junge, vom früheren Sotheby’s-Mitarbeiter Bernard Piguet in Genf geführte Auktionshaus Hôtel des Ventes. Ganz neu ist diese Entwicklung nicht mehr.

Schon in den Frühjahrsauktionen überraschte am 18. März das regionale St. Galler Auktionshaus Widmer mit einem soliden Zuschlagspreis von 552 000 Fr. für Félix Vallottons Landschaft «Les Alyscamps, soleil matin. Arles» (Öl auf Leinwand, signiert und datiert, 73×54 cm) von 1920. Am 18. Juni erzielte dann das frisch gegründete Basler Auktionshaus Beurret & Bailly in seiner Premierenauktion gar einen Zuschlag von 5,6 Mio. Fr. für Albert Ankers 1879 gemaltes «Schulmädchen bei den Hausaufgaben» (Öl auf Leinwand, signiert und datiert, 65×50 cm).All dies zeigt, dass Spitzenbilder heute überall ihren marktgerechten Spitzenpreis erzielen, nicht nur in den Versteigerungen der grössten nationalen und internationalen Häuser, sondern auch in professionell betriebenen regionalen Auktionshäusern. Wem der Einlieferer ein bedeutendes Kunstwerk zur Versteigerung anvertraut, ist daher heute mehr eine Frage der persönlichen Neigungen, der Beziehungen und des Vertrauens als eine Frage des erreichbaren Ergebnisses.

Ganz privat und persönlich

Wer ein Meisterwerk von Ferdinand Hodler zu Christie’s oder Sotheby’s bringt, wird dort selbstverständlich freundlich und kompetent beraten und bedient. Allerdings spricht man in beiden Auktionshäusern grundsätzlich nur mit mehr oder weniger entscheidungsbefugten Angestellten der beiden Weltkonzerne. Wichtigere Entscheidungen, beispielsweise über den Auktionsort, können diese Mitarbeiter zwar beeinflussen, abschliessend gefällt werden sie aber nur mit dem Einverständnis der Konzernzentrale.

Wer mit demselben Bild zu einem grösseren – und inzwischen eben auch kleineren – Schweizer Auktionshaus geht, kann dagegen stets mit dem jeweiligen Eigentümer sprechen. In den Einlieferungsverhandlungen hat der Einlieferer eines bedeutenderen Werkes gegenüber kleineren Häusern sogar eine deutlich stärkere Verhandlungsposition, beispielsweise wenn es um die Höhe der Einliefererkommission oder um die Grösse der Katalogabbildung geht.

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