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«Grosses Interesse an transatlantischen Deals»

Jens Haas, Chef Investmentbank der Credit Suisse Schweiz, erklärt die aktuellen Treiber für Übernahmen und Fusionen und sagt, worauf Bondanleger jetzt achten.

Seit zwei Jahren leitet Jens Haas die Investmentbank der Credit Suisse Schweiz. Dies als Nachfolger des wohl bekanntesten Schweizer Investmentbankers: Marco Illy. Im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» äussert sich Haas zu den Trends in den drei Disziplinen des Investment Banking: Übernahmen und Fusionen (M&A), Aktienkapitalmarkt (ECM) und Finanzierung (DCM).

Herr Haas, welche der Disziplinen des Investment Banking läuft derzeit am besten?
In der Rückschau war der Bereich ECM dieses Jahr am aktivsten. Im DCM-Geschäft läuft ein steter Fluss ohne grössere Ausschläge. M&A-Aktivitäten sind hingegen unberechenbar: Bei Grossunternehmen kommt ein Milliardendeal, oder er kommt nicht – oder später. Bei den mittelgrossen Unternehmen treibt unter anderem das Thema Nachfolgeplanung die Nachfrage, was eine gewisse Konstanz bei der Anzahl Transaktionen schafft.

2018 ist ein heterogener IPO-Jahrgang: Überflieger wie Sensirion, Enttäuschungen wie Ceva. Bei beiden Börsengängen stand Credit Suisse im Lead. Wie kommt das?
In der Schweiz sahen wir Emittenten mit unterschiedlichen Profilen: Sensirion, ein Technologieunternehmen mit hohen Wachstumsraten. Ceva, ein Turnaround-Kandidat. Auf der einen Seite hatten Investoren dieses Jahr eine sehr grosse Auswahl an Börsenneulingen. Auf der anderen Seite sind sie sehr selektiv geworden und fokussieren auf spezifische Kriterien. Dazu gehört Stabilität, die beispielsweise mit dem Börsengang von SIG Combibloc bedient wurde. Andere suchten Wachstum. Hier war Sensirion eine Antwort. Alles, was in der Mitte lag, hat gelitten. Die Zinssituation verunsichert, mit der Folge, dass reine Dividendenstories nicht mehr so stark ziehen.

Sehen Sie nächste IPO-Vorbereitungen?
Wir erwarten für nächstes Jahr einen weiterhin konstruktiven Markt für Börsengänge, allerdings kaum auf dem Niveau, das wir 2018 gesehen haben. Für die erste Jahreshälfte sehe ich momentan im Markt zwei bis drei potenzielle Kandidaten. Das kann aber noch ändern.

Ein grosses Thema sind die Bewertungen. Ist momentan einfach alles teuer?
Es ist sehr schwierig zu beurteilen, was teuer bedeutet. Sicher ist, dass die Bewertungen im historischen Vergleich hoch sind. Gleichzeitig befinden wir uns in einem speziellen Umfeld: Die Zinsen sind tief und zeitgleich die Wachstumsaussichten robust – global, in Nordamerika und mittelfristig wohl auch in Europa. Es gibt Gründe, optimistisch zu sein. Doch die Unsicherheiten haben zugenommen und damit einhergehend die Volatilität.

Wie wirkt sich das auf den M&A-Markt aus?
Nicht eins zu eins. Im Bereich Übernahmen und Fusionen entscheiden nicht allein die Wachstumsaussichten und die Bewertung eines einzelnen Unternehmens, sondern auch das Synergiepotenzial. Dieses ermöglicht, eine Prämie zu bieten, die für den Verkäufer attraktiv, aus Sicht des Käufers aber nicht zu hoch ist, da dieser die Vorteile eines Zusammenschlusses mitbewertet. Bei M&A stellt sich mehr die Frage: Passiert’s oder passiert’s nicht? Die Entscheidung zu einem Deal wird stark von der Zuversicht der Unternehmensführer beeinflusst. Die aufkommende Unsicherheit und Volatilität sind daher für den M&A-Markt nicht förderlich.

Global ist der M&A-Markt auf Rekordkurs. Im dritten Quartal zeigte sich jedoch eine Verlangsamung. Wie wird es weitergehen?
Global haben die Bereiche Technologie und Pharma die M&A-Volumen in die Höhe getrieben. In der Schweiz sind wir bei den M&A-Volumen fast ein Fünftel unter Vorjahr, wobei die Anzahl der Transaktionen relativ konstant blieb. Dieses Niveau sollten wir auch in den kommenden Quartalen halten können. Einen weiteren Rückgang erwarte ich nicht.

Die Mehrheit des Schweizer Deal-Volumens entfällt auf grenzüberschreitende Deals. Welche Länder stehen derzeit im Fokus?
Wir sehen grosses Interesse an transatlantischen Transaktionen. Für US-Gesellschaften bleiben Zukäufe in Europa aus Bewertungssicht interessant. Der amerikanische Markt ist wegen der Wachstumsaussichten für europäische Käufer interessant. Deutlich nachgelassen hat die Nachfrage aus Asien, was auf die Zurückhaltung der chinesischen Firmen zurückgeht.

Was sind die aktuellen Treiber für M&A?
Aktivismus ist ein Thema, das weiter an Bedeutung gewinnt. Viele Schweizer Unternehmen haben aktivistische oder zumindest aktive Investoren in ihrem Aktionariat. Weiter treiben Portfolioüberlegungen M&A, wie bei Nestlé und Novartis zu beobachten ist. Ausserdem führt die Suche nach Wachstum zu Deals.

Was treibt Private Equity?
Das Umfeld für Private Equity bleibt gut, gerade bei Exits, wie das Beispiels Onex mit SIG zeigt. Für Neuerwerbungen ist das Finanzierungsumfeld immer noch sehr konstruktiv. Mittelfristig stellt sich allerdings die Frage: Wie soll ein Ausstieg bei Firmen stattfinden, die heute zu einer hohen Bewertung gekauft werden?

Private Equity schwimmt im Geld, aber das Bewertungsniveau bremst?
Ein Trend in einer solchen Konstellation sind grössere Transaktionen. Eine zweite Option ist, gleichzeitig mehrere Unternehmen eines Bereichs zu kaufen, um diese zusammenzuführen und so Syner­gien zu schaffen. Die einfachen Deals gehören der Vergangenheit an. Heute muss Private Equity innovativer sein, um auf ansprechende Renditen zu kommen.

Was sind in der Finanzierungsberatung die Trends im Bereich Festverzinsliche?
Prägend für den Bereich DCM ist die Erwartung steigender Zinsen. In diesem Umfeld nehmen Investoren auf der Suche nach Rendite lieber mehr Kreditrisiken, als dass sie sich dem Laufzeitrisiko aussetzen. Vor 18 Monaten war das noch anders.

Und Unternehmen versuchen, sich vor dem Zinsanstieg günstiges Geld zu sichern?
Die Schweizer Unternehmen sind gesund und generieren Cash. Sie brauchen keine höhere Fremdverschuldung – ausser in Spezialsituationen, beispielsweise für Übernahmen. Ein gewisser Anstieg in den Refinanzierungen ist dennoch spürbar. Wer sich bis jetzt nicht neu finanziert hat, macht es spätestens jetzt, wo sich das Ende des Tiefzinszyklus abzuzeichnen beginnt.

Privatunternehmen wenden sich vermehrt an den Kapitalmarkt. Ein neuer Trend?
In den USA stammt rund 80% der Finanzierung aus dem Kapitalmarkt, rund 20% aus Bankkrediten. In Europa stehen wir jetzt bei ungefähr 70% aus Bankkrediten und 30% vom Kapitalmarkt. Das Gewicht wird sich weiter Richtung Kapitalmarkt verschieben. Viele Privatunternehmen wollen Alternativen zu Bankkrediten.

In welchen Bereichen besonders?
Im Konsumkredit- und Autoleasingbereich sind besicherte Anleihen seit einigen Jahren ein Thema. Neu auch Mini-Bonds, also Anleihen von Privatunternehmen im Volumen von 30 bis 100 Mio. Fr. Gemessen am Emissionsvolumen macht dies noch einen kleinen Anteil aus, aber er steigt.

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