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Grünes Licht für Megafusion

Der Telecomkoloss AT&T setzt sich vor Gericht gegen die US-Regierung durch und kann das Medienhaus Time Warner übernehmen. Das Urteil sorgt für Aufatmen.

Christoph Gisiger, Los Angeles

Für Corporate America ist es einer der wichtigsten Gerichtsentscheide seit Jahrzehnten: Der Versuch der amerikanischen Regierung, die über 80 Mrd. $ teure Übernahme des Medienkonzerns Time Warner durch den Telecomriesen AT&T zu blockieren, ist vor einem Bundesgericht in Washington abgeschmettert worden.

«Wir denken, dass die Beweislage während des gesamten Verfahrens ziemlich klar war. Deshalb sind wir sehr erfreut, dass das Gericht den Fall in gleicher Weise gesehen hat», sagte AT&T-Anwalt Daniel Petrocelli im Anschluss an das Urteil am frühen Dienstagabend.

Der Konzern will die Transaktion nun bis 20. Juni abschliessen. Bis dahin wird sich auch zeigen, ob die US-Regierung das Urteil anfechten wird, wovon ihr Richter Richard Leon mit Nachdruck abgeraten hat. An den Finanzmärkten folgte die Reaktion prompt. Die Aktien von Time Warner zogen im nachbörslichen Handel fast 5% an, wogegen AT&T knapp 3% verloren.

Konglomerat der Superlative

Ohne weitere juristische Scharmützel entsteht ein Konglomerat der Superlative. AT&T ist mit 144 Mio. Kunden und einem Jahresumsatz von 160 Mrd. $ der grösste Telecomanbieter Amerikas. Zudem hat der Konzern bereits 2014 den Satelliten-TV-Anbieter DirectTV gekauft.

Time Warner ist mit Einnahmen von gut 30 Mrd. $ eines der grössten US-Medienhäuser, dem Fernsehsender wie HBO und TBS, Übertragungsrechte für Basketball- und Baseballspiele sowie das Filmstudio Warner Bros. gehören.

Für US-Präsident Donald Trump ist das Verdikt eine herbe Niederlage. Er hatte sich mehrmals gegen die Fusion starkgemacht, weil sie eine zu grosse Konzentration in der Medienbranche bedeute. Besonders brisant an seinem Einwand war dabei, dass auch der von ihm häufig kritisierte Nachrichtensender CNN zur TV-Sparte von Time Warner gehört.

Die Kartellwächter wollten der Fusion denn auch nur unter der Bedingung zustimmen, dass AT&T diesen Bereich oder DirectTV im Nachgang abspaltet.

Ungewöhnliches Veto

An Wallstreet sorgte der Einspruch des Präsidenten für viel Erstaunen. Gegen Fusionspläne direkter Konkurrenten haben die US-Wettbewerbshüter in der Vergangenheit immer wieder mit Erfolg ihr Veto eingelegt. Eines der prominentesten Beispiele ist der 2011 verhinderte Zusammenschluss zwischen AT&T und T-Mobile USA.

Im Gegensatz dazu ging es im aktuellen Fall jedoch um eine sogenannte vertikale Fusion, da die beiden Konzerne in unterschiedlichen Sektoren aktiv sind: AT&T transportiert Daten, während Time Warner Medieninhalte produziert.

Dass die US-Regierung letztmals eine vertikale Fusion vor Gericht angefochten hat, ist mehr als vierzig Jahre her. Das Justizdepartement forderte damals vom Papierproduzenten Hammermill Paper, dass er zwei Distributionsgesellschaften abspalte. Auch dieser Prozess endete für die Kartellwächter in einer Niederlage.

Mit dem vehementen Einspruch des Weissen Hauses gegen die Übernahme von Time Warner durch AT&T kamen deshalb in der amerikanischen Unternehmenswelt Befürchtungen auf, dass die Wettbewerbshüter künftig auch andere vertikale Transaktionen verhindern könnten.

Weitreichende Konsequenzen

Umstritten bleibt, was das Urteil für die Konsumenten bedeutet. Gegner der Fusion argumentieren, dass sie steigende Preise nach sich ziehen werde. Bereits heute sind die Kosten für Telecom- und Fernsehdienste in den USA verhältnismässig hoch. Zudem könnte AT&T Inhalte von Time Warner auf dem eigenen Vetriebsnetzwerk bevorzugen und Angebote von Konkurrenten benachteiligen.

Der Telecomkoloss wendet dagegen ein, dass er mit der Transaktion einen besseren Stand im Wettbewerb gegen Internetriesen wie Google, Amazon und Facebook habe.

Klar ist, dass der Richtspruch Fusionspläne anderer Grosskonzerne ermutigen wird. Allen voran zählt dazu der Bieterkampf um das Medienunternehmen 21st Century Fox, an dem Disney wie auch der Kabelanbieter Comcast interessiert sind. Gut denkbar ist, dass Comcast bereits in den kommenden Tagen eine aufgebesserte Offerte für Fox vorlegen wird. In zähen Übernahmeverhandlungen stecken zudem die TV-Netzwerke Viacom und CBS.

Entsprechend kam es zu Kursbewegungen. Die Aktien von Fox avancierten am Dienstag im nachbörslichen Handel über 7%, Viacom stiegen gut 6%. Disney und Comcast hingegen notierten klar im Minus.

Die Konsequenzen des Gerichtsentscheids gehen zudem weit über den Mediensektor hinaus. In der Gesundheitsbranche etwa schmieden die Apothekenkette CVS und der Krankenversicherer Aetna an einem fast 70 Mrd. $ teuren vertikalen Zusammenschluss. Ähnliches gilt für die beabsichtigte Übernahme des Medikamentenverteilers Express Scripts durch die Krankenkasse Cigna für 54 Mrd. $. Auch hier positionierten sich Investoren neu: Die Titel von Aetna und Express Scripts rückten am Dienstagabend deutlich vor.

Das Urteil wird auch an Wallstreet begrüsst, wo Investmentbanken wie Morgan Stanley, JPMorgan und Goldman Sachs mit der Beratung und der Finanzierung von Übernahmetransaktionen viel Geld verdienen.

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