Unternehmen / Ausland

Haarmann & Reimer und Dragoco rücken durch Fusion in die Weltspitze vor – Börsengang ist vorgesehen

Daniel Meier

Hannover

Dass die Konsolidierung der Geschmacks- und Geruchsstoffbranche weitergeht, war bekannt, doch mit diesem Coup hatte niemand gerechnet. Die beiden deutschen Unternehmen Haarmann & Reimer (H&R) und Dragoco schliessen sich zusammen und erobern damit auf dem Weltmarkt den vierten Rang. Mit einem gemeinsamen Pro-forma-Umsatz von 1,245 Mrd. Euro im Jahr 2001 liegen sie nur ganz knapp hinter dem Genfer Konkurrenten Firmenich (vgl. Tabelle). Gemäss eigenen Angaben kann die fusionierte Gesellschaft in kurzer Zeit sogar zur Nummer drei aufsteigen.
Überraschend ist nicht nur der innerdeutsche Zusammenschluss, sondern auch die Tatsache, dass Givaudan leer ausgeht. Das ebenfalls in Genf ansässige Unternehmen galt nämlich bis zum Schluss als wahrscheinlichster Käufer des Konkurrenten H&R, der seit 1953 zu Bayer gehörte. Der deutsche Chemie- und Pharmakonzern hatte im vergangenen Dezember angekündigt, dass er seine Geschmacks- und Geruchsstofftochter über ein offenes Bieterverfahren verkaufen werde. Seither waren Givaudan und weitere führende Wettbewerber als Interessenten gehandelt worden.

EQT als Katalysator

Dass es nun anders gekommen ist, liegt am schwedischen Private-equity-Fonds EQT, in den die Investor AB, die Industrieholding der Wallenberg-Gruppe, investiert. Die Transaktion, die einen Firmenkauf und eine Fusion miteinander kombiniert, wurde von EQT in monatelangen Geheimverhandlungen eingefädelt. Erstens bezahlt EQT für H&R 1,66 Mrd. Euro. Der Buchgewinn, den Bayer dadurch realisiert, wird auf knapp 1 Mrd. Euro geschätzt. Die Mittel sollen zum Schuldenabbau verwendet werden. Zweitens übernimmt EQT die Minderheitsanteile am Familienunternehmen Dragoco. Der Enkel des Firmengründers und bisherige Mehrheitsaktionär, Horst-Otto Gerberding, erhält für seine 58% an Dragoco einen Anteil von 22% an der neuen Gesellschaft. Welcher Unternehmenswert diesem Aktientausch zu Grunde liegt, ist nicht bekannt. Falls aber Dragoco wie H&R bewertet wurde – also annähernd mit dem doppelten Umsatz –, ergibt sich ein Preis von rund 700 Mio. Euro.
Zudem wird Gerberding den mit Abstand grössten deutschen Geschmacks- und Geruchsstoffkonzern leiten. Der bisherige H&R-Chef Lambert Courth kehrt in den Bayer-Konzern zurück. Der Name für das neue Unternehmen wird vorgestellt, sobald die Transaktion abgeschlossen ist. EQT rechnet mit der Bewilligung des Kartellamts bereits in sechs Wochen. Wie viele der 5800 Arbeitsplätze abgebaut werden, steht nicht fest. Hauptsitz ist Holzminden – in der Ortschaft südwestlich von Hannover sind sowohl H&R als auch Dragoco ansässig.
Der Weltmarkt für Geschmacks- und Geruchsstoffe mit einem Volumen von 11 Mrd. Euro und einem jährlichen Wachstum von 3 bis 4% gilt als lukrativ. H&R und Dragoco erreichen mit ihrem gemeinsamen Umsatz von 1,245 Mrd. Euro einen Marktanteil von gut 11%. Mit einem Umsatzanteil von 44% bilden die Geschmacksstoffe den grössten Geschäftsbereich. Das fusionierte Unternehmen verfügt in diesem Segment über einen guten Zugang zu multinationalen Lebensmittelkonzernen, was angesichts der Konsolidierung unter den Kunden einen wichtigen Faktor darstellt.
Das gilt auch für die Geruchsstoffe, die für 36% des Umsatzes stehen. Gemäss Gerberding verfügt man im Segment Luxusparfümerie über eine gute Position. Unter anderem betreibt Dragoco in Manhattan ein Kreativstudio für so genannte Fine fragrances. Den dritten Unternehmensbereich bilden Kosmetika und chemische Aromastoffe mit 20% des Umsatzes.
Über die Rentabilität der beiden Gesellschaften ist nichts bekannt. Gerberding kündigte an, dass man sich in Zukunft an den Branchenführern messen will. Das ist ehrgeizig, denn Dragoco erreichte gemäss Analysten im Jahr 2000 eine Ebit-Marge von 5%. Givaudan hingegen wies 2001 einen Wert von 16,5% aus.

Givaudan als Marktführer

Da bleibt noch einiges zu tun für den Investor EQT, der das neue Gebilde an die Börse bringen will. EQT hält knapp 76%, wobei sich die Schweden gemäss eigenen Angaben im Rahmen ihrer Investments jeweils zu mindestens 40% mit Eigenkapital engagieren. Sie verstehen sich nicht als reine Finanzinvestoren, sondern als industrielle Förderer, die ihre Beteiligungen während vier bis acht Jahren begleiten. Die EQT-Fonds verwalten 3,3 Mrd. Euro und sind derzeit mit 1,5 Mrd. Euro an 22 Gesellschaften in Skandinavien und im deutschsprachigen Raum beteiligt.
Die Aktien Givaudan haben am Mittwoch, als die Fusion von H&R und Dragoco bekannt wurde, fast 6% auf über gut 400 Fr. zugelegt. Offenbar hatte man am Markt befürchtet, dass sich die Schweizer zu einem überteuerten Kauf von H&R hinreissen liessen. Konzernchef Jürg Witmer erklärte inzwischen, Givaudan halte am Ziel Marktführerschaft fest und konzentriere sich vorerst auf internes Wachstum. Übernahmen können dennoch nicht ausgeschlossen werden. In Frage kommen etwa die britische Quest oder auch die Geschmacksstoffsparte des deutschen Chemiekonzerns Degussa.

Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Artikel vollständig zu lesen.

Leser-Kommentare