Meinungen

Hände weg vom Arbeitsmarkt

Es herrscht Vollbeschäftigung, die Löhne steigen – Staatseingriffe können nur schaden. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Die Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern verschwindet langsam in der statistischen Unschärfe.»

Der Schweizer Wirtschaft geht es gut – das spiegelt sich nicht nur in den Zahlen zum Bruttoinlandprodukt oder zum Aussenhandel, sondern auch in denjenigen zum Arbeitsmarkt. Im April ist die Arbeitslosenquote von 2,9 auf 2,7% geschrumpft, die Arbeitslosigkeit sank in absoluten Zahlen sowohl gemessen am Vormonat wie auch am Vorjahresmonat deutlich. In der Schweiz herrscht Vollbeschäftigung.

Ein gutes Zeugnis stellt dem Arbeitsmarkt auch die zu Wochenbeginn veröffentlichte neue Lohnstrukturerhebung aus. Demnach erreichte der Medianlohn (je die Hälfte der Lohnempfänger liegt über bzw. unter diesem Wert) 2016 in der Schweiz 6502 Fr. Er lag damit nominal 1,2% über dem Wert der letzten Erhebung von 2014 und 7,5% höher als 2008. Zwischen den Branchen ergeben sich allerdings zum Teil erhebliche Unterschiede – das ist normal.

Zwei Befunde verdienen speziell hervorgehoben zu werden. Zunächst hat sich die Lohnschere leicht geschlossen – im Widerspruch zu stets wiederholten gegenteiligen Behauptungen. Der Gesamtabstand zwischen den höchsten und niedrigsten Löhnen hat sich seit 2008 leicht verringert. Erfreulich ist auch, dass die Löhne der am schlechtesten bezahlten 10% der Arbeitnehmer mit einem Plus von 9,9% am stärksten gestiegen sind. Der wohlfeile Spruch von den Reichen, die immer reicher und den Armen, die immer ärmer werden, ist für die Schweiz falsch.

Bemerkenswert ist weiter die Tatsache, dass sich die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern verringert haben. In der neuesten Erhebung ergab sich eine Differenz von 12%, vor zwei Jahren waren es noch 12,5%. Diese Lohnunterschiede lassen sich zu einem relativ grossen Teil durch unterschiedliche Tätigkeiten sowie strukturelle Merkmale (Verantwortungsniveau, Branche etc.) erklären. Der vom Bundesrat geschätzte unerklärte Unterschied von rund 7% – er wird mit Diskriminierung gleichgesetzt – dürfte deutlich zu hoch sein. Die Lohnstrukturerhebung, auf der diese Zahl basiert, ist nicht für diese Beurteilung ausgelegt. Die Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern verschwindet langsam in der statistischen Unschärfe.

Das berührt die zuständige Kommission des Ständerats, die zu Wochenbeginn getagt hat, offenbar nicht. Sie hält in der Revision des Gleichstellungsgesetzes an ihrem Vorschlag zur Lohngleichheitskontrolle fest. Demnach müssen Unternehmen, die mehr als hundert Personen beschäftigen, die Lohngleichheit überprüfen lassen. Damit soll nicht nur in einen unternehmerischen Kernbereich, denjenigen der Lohnfestsetzung, eingegriffen werden. Gleichzeitig werden den Unternehmen neue bürokratische Aufwendungen aufgebürdet, die sich auch kontraproduktiv auswirken können.

Es überrascht wenig, dass der Gewerkschaftsbund (SGB) selbst damit nicht zufrieden ist. Er verlangt, dass bei Missachtung der Lohngleichheitspflicht – wie auch immer sie im Detail zu definieren sein wird – Sanktionsmöglichkeiten eingeführt werden. Mit anderen Worten soll gleichsam eine Lohnpolizei installiert werden. Der Staat weiss also besser, welcher Lohn gerechtfertigt ist als die betroffenen Unternehmen. Das ist eine unglaubliche Anmassung von Wissen.

Der SGB fordert – selbstverständlich – auch generelle Lohnerhöhungen, mehr Gesamtarbeitsverträge und Ähnliches. Es ist ihm jedoch keine Silbe wert, dass er damit nicht nur die Lohninsel Schweiz zementiert, sondern auch die Hochpreisinsel, die sonst so gerne und publizitätswirksam angeprangert wird.

Der schweizerische Arbeitsmarkt befindet sich, auch und gerade im internationalen Vergleich, in einem sehr komfortablen Zustand. Diesen gilt es unbedingt zu verteidigen, er ist ein wichtiger Standortfaktor. Das geht allerdings nicht über weitere staatliche Eingriffe, wie sie der SGB fordert. Der Staat hat sich vielmehr weiterer Eingriffe zu enthalten. Es ist weitgehend unbestritten, dass der gute Zustand des Arbeitsmarkts sehr viel mit der noch einigermassen liberalen Marktverfassung zu tun hat. Wer Hand daran legt, stellt diesen Erfolg in Frage.

Leser-Kommentare

Nader Rodolfo Fassbind 16.05.2018 - 09:38
Ich habe den Verdacht, dass die Gewerkschaften Eigenwerbung betreiben, indem sie Lohnungleichheit erfinden, wo es keine gibt. Ich bezweifle schon seit langem, dass es überhaupt eine Diskriminierung gibt: Unternehmen zahlen Leistungslöhne und wenn jemand 70 bis 80 Stunden pro Woche arbeitet, soll es auch dafür eine gerechte Entschädigung geben. Arbeitgeber wissen genau, wer Leistung erbringt und wer nicht und das… Weiterlesen »