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Handelsstreit auf umstrittener Zahlenbasis

Laut Ifo-Experte spielt sich der Streit zwischen den USA und den Europäern über neue Zölle auf fragwürdiger Datenbasis ab. Die Leistungsbilanz sei ausgeglichen.

(Reuters) Der Streit zwischen den USA und den Europäern über neue Zölle und andere Handelsbeschränkungen spielt sich nach Einschätzung des renommierten Ifo-Experten Gabriel Felbermayr auf einer fragwürdigen Datenbasis ab. Eigentlich, so das Fazit seiner Analysen, gibt es ein ziemlich ausgewogenes Bild – wenn man alle relevanten Geschäfte zwischen den USA und der EU einbezieht und nicht nur die des traditionellen Warenhandels. Die aktuelle Debatte leide unter einer «verzerrten Wahrnehmung».

Im Blick hat der Wissenschaftler damit nicht nur US-Präsident Donald Trump, der am liebsten von den gut 800 Mrd. $ US-Defizit im Warenhandel mit seinen Partnern in aller Welt spricht. Auch die Europäer nutzen ihre Chancen zu wenig und müssten zudem Fehler in ihrer Statistik beheben. Für Felbermayr ist es jedenfalls die Leistungsbilanz, die letztlich ein umfassendes Abbild der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Regionen ergibt. Sie enthält nicht nur den reinen Waren-, sondern auch den Dienstleistungsverkehr und die darauf entfallenen Geldrückflüsse in die beteiligten Länder. Und da kommt der Wissenschaftler auf Basis offizieller US-Zahlen zu einem ganz anderen Schluss.

«Nach den eigenen Zahlen der Amerikaner steht unter dem Strich der Leistungsbilanz ein Plus von 14 Mrd. € für die USA», beschrieb Felbermayr die Verhältnisse im gesamten Wirtschaftsverkehr zwischen den USA und den Europäern. Diese Situation einer «schwarzen Null» zugunsten der USA gebe es schon seit 2008. Als Grund identifizierte der Wissenschaftler in erster LInie die Geschäfte und Gewinne der US-Riesen aus der Internetwirtschaft, wie Apple (AAPL 193.53 1.11%), Amazon (AMZN 1593.41 -1.61%), Facebook (FB 139.53 -3%) und Google (GOOGL 1068.27 -0.26%). Das, so seine Analyse, wiegt den Überschuss der Europäer im Güterhandel komplett auf.

Die US-Regierung selbst spricht, wenn sie überhaupt über etwas anderes als den Warenhandel spricht, allenfalls von ihrem Defizit in der Leistungsbilanz gegenüber dem Rest der Welt von 466 Mrd. $ für 2017 – den Mini-Überschuss in der Summe von Waren-, Dienstleistungs- und Geldflüssen mit den Europäern erwähnt sie dagegen kaum. Am liebesten aber spricht Trump, so etwa auch in seinen jüngsten Twitter-Mitteilungen, vom Minus im reinen US-Warenhandel mit der Welt, der sich im vergangenen Jahr auf 811 Mrd. $ belief. Davon entfallen allerdings nur 153 Mrd. $ auf die Europäer und rund 65 Mrd. $ auf die Deutschen.

Wenig hört man von Trump, aber auch den Europäern, von dem US-Überschuss im grenzüberschreitenden Verkehr allein mit Dienstleistungen von 243 Mrd. $. Und in diese Zahl fliessen denn auch die meisten Leistungen der Internetkonzerne ein. Auch gegenüber den Europäern verzeichnen die USA nach Zahlen ihrer Regierung hier ein Plus von 51 Mrd. $. Allein mit Deutschland bleibt ein Mini-Defizit von 3 Mrd. € bleibt. Noch weniger hört man in der aktuellen Debatte von den Rückflüssen an Geldern aus den Auslandsaktivitäten der US-Wirtschaft in die USA, etwa aus Gewinnen ihrer Aktivitäten im Waren- und Dienstleistungsbereich. Bezieht man die auch noch mit ein – es geht hier gegenüber der EU immerhin um Beträge von über 100 Mrd. $ – kommt man in der Leistungsbilanz zwischen den USA und der EU am Ende auf den Mini-Überschuss der USA, den Felbermayr in seinen Berechnungen hervorhebt.

Grosser Überschuss im Handel mit den Niederlanden

Gegenüber Deutschland allerdings, so weisen die US-Zahlen aus, bleibt auch in der Leistungsbilanz ein US-Defizit von 64 Mrd. $. Das allerdings, so argumentiert der Ifo-Wissenschaftler und auch die Bundesregierung, darf man nicht isoliert betrachten. Vielmehr müsse man auf die EU insgesamt schauen. Als Grund dafür wird die Praxis der grossen US-Internetriesen angeführt, die Gewinne aus ihren Geschäften etwa in Deutschland und Europa über Länder einzustreichen, in denen die Steuerlast relativ gering ist, etwa Irland oder die Niederlande. Und in der Tat: mit den Niederlanden kamen die USA zuletzt auf einen Überschuss in der Leistungsbilanz von fast 100 Mrd. $ – weit mehr als das Defizit mit den Deutschen.

Und auch hinter den grossen deutschen Exportzahlen in die USA steht mehr, als es Trump bislang erkennen lässt. Rund die Hälfte der deutschen Ausfuhren 2017 von 117,6 Mrd. $ entfällt nämlich nach amtlichen deutschen Zahlen auf Vorleistungs- oder Investitionsgüter. Das aber heisst: sie kommen der US-Wirtschaft damit unmittelbar zugute, etwa als Bauteile für wichtige Maschinen oder Vorprodukte für Industrieanlagen. Deren Reduzierung, das ergibt sich daraus logischerweise, würde also auch die US-Wirtschaft empfindlich treffen. Dass letztlich deutsche Produkte und Investitionen mehrere Hunderttausend Jobs in den USA geschaffen haben, ist ein Argument, das die Bundesregierung immer wieder gegenüber Trump bemüht haben, ohne dass man sich damit bislang aus der Schusslinie bringen konnte.

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