In der künstlerischen und technologischen Auf bruchstimmung der vorletzten Jahrhundertwende setzte die Schweizer Uhrenindustrie vor allem auf Kreativität. Zu dieser Zeit entstand zum Beispiel das 1904 entwickelte Modell Santos von Cartier. Beeinflusst von Design- und Luftfahrtvisionären wie Louis Cartier und dem Abenteurer und Flieger Alberto Santos-Dumont, erinnert die Uhr mit ihrer eckigen Form auch an Baron Haussmanns Architektur, die mit ihren breiten Boulevards und schnurgeraden Strassen das Stadtbild von Paris Mitte des 19. Jahrhunderts komplett veränderte.

Selbst die Schrauben, die das Gehäuse zusammenhalten, erinnern an diese von Stahl- und Mechanikelementen geprägte Architekturperiode. Das prominenteste Beispiel ist der fünf Jahre zuvor errichtete Eiffelturm. Santos‘ und Cartiers Vision schuf eine neue Beziehung zur Zeit und zur modernen Armbanduhr.

Und wie steht es heute? Hat die Uhrmacherei noch immer eine Zukunftsvision und das Potenzial, die Zeit zu verändern? Worauf wird die Industrie in Zukunft setzen? Auf Design, das so oft im Vordergrund steht? Auf Hightech-Fabrikation und Automatisierung? Oder auf die Erhaltung der traditionellen Handwerkskunst?

Das erste Jahrzehnt des neuen Millenniums stand für viele Uhrenhersteller im Zeichen der Geschäftsexpansion und war geprägt von neuen Uhrenkreationen, die den Geschmack einer immer internationaleren Kundschaft reflektierten. Manch eine Manufaktur zahlte dafür einen hohen Preis. Sie hatten mit Überproduktion, vollen Lagern und Strategiedispersion zu kämpfen.

Nach dem Markteinbruch vor vier Jahren mussten die Häuser ihre Kollektionen überdenken und sich auf die Grundwerte ihrer Marke besinnen. Viele reduzierten ihr Angebot und senkten die Stückzahl. Bei Entlassungen ging teilweise Knowhow verloren. Es folgte eine Übergangsphase ohne klare Zukunftsvisionen.

Heute dreht sich der Diskurs um das Erscheinungsbild der Marken, um die Gestaltung der Zeitmesser, technische Errungenschaften und Verkaufsstrategien. Aber kann die Schweizer Uhrenindustrie neue Wege gehen, ist sie visionär? «Das ist eine gute Frage. Ja, die Schweizer Uhrenbranche ist visionär», glaubt René Weber, der als Finanzanalyst der Bank Vontobel die Uhrenindustrie bewertet.

«Sie wird zunehmend Teil der Luxusindustrie, in der Emotionen und von Hand gefertigte Produkte eine sehr grosse Rolle spielen.» Den Beweis sieht der Experte darin, dass noch nie so viele mechanische Uhren verkauft wurden. Betrug ihr Anteil 2003 noch 58% der Schweizer Exporte, macht er heute 82% aus.

Nicolas Baretzki, CEO von Montblanc, bestätigt: «Zu unseren Kunden zählen viele Liebhaber hochwertiger Uhren und technischer Komplexität. Ich bin überzeugt, dass sie uns erhalten bleiben und noch mehr hinzukommen. Vor fünf Jahren war in Asien das Verständnis für die handwerklichen Aspekte der Uhrmacherei noch nicht so gross.»

Tatsächlich hat sich der Export von Uhren im Wert über 3000 Fr. von 2000 bis 2017 mit einem Anstieg von 34 auf 65% nahezu verdoppelt. Einer kleinen Marke wie Richard Mille ist es gelungen, eine Nische in einem der Hochpreissegmente zu besetzen. Auch Marken mit limitierter Produktion wie Audemars Piguet und Patek Philippe verzeichnen eine grosse Nachfrage. Die Uhrenindustrie etabliert sich unbestritten zunehmend im Luxussektor.

Wiederbelebung der Ikonen

Was das Design betrifft, legen viele Marken den Fokus auf ihre Markentradition, beleben ihre Ikonen neu und suchen Inspiration in ihren Anfängen. «Wir wollen nicht in der Vergangenheit verharren», erklärt Chabi Nouri, CEO von Piaget, «sondern uns auf die wichtigsten Elemente unserer Geschichte, die DNA der Marke, besinnen, sie neu erfinden und sie in die Zukunft transportieren.»

Auch Montblanc setze auf Tradition und bediene sich ihrer Archive, erklärt Nicolas Baretzki. So hat Montblanc die dem Bergsteigen gewidmete Kollektion 1858 nun den Bedürfnissen von Outdoor-Enthusiasten angepasst. Auch Cartier tritt eine Reise in die Vergangenheit an und legt den Schwerpunkt auf ihre zeitlosen Legenden.

Mit den Modellen Baignoire und Panthère belebt die Marke Uhren vergangener Tage neu, perfektioniert sie und katapultiert sie in die Gegenwart. Dem Innovationsgeist und der künstlerischen Kreativität der Marke scheinen keine Grenzen gesetzt.

René Weber ist überzeugt, dass die neu aufgelegten Ikonen einem Bedürfnis entsprechen. «Die Kunden interessieren sich für die Geschichte der Marken; Vintage- und Retro-Uhren sind attraktiv und erfreuen sich besonderer Beliebtheit.» Dass die Cosmograph Daytona, die Paul Newman 1969 geschenkt bekam, letzten Oktober für 17,8 Mio. $ versteigert wurde, untermauert seine Einschätzung.

Die Fähigkeit, Geschmäcker, Trends und Kundenpsychologien zu erkennen, erklärt auch den Erfolg von Audemars Piguet und ihrem Chef François-Henry Bennahmias. Er begann seine Karriere nach der Krise und erwirtschaftete Anfang 2018 fast 1 Mrd. Umsatz, was einer Steigerung von 12% innerhalb eines Jahres entspricht.

Bennahmias erinnert daran, dass Audemars Piguet noch im Jahr 2011 nur die Hälfte des Umsatzes erzielen konnte: «Wir konnten die Verkaufszahlen innerhalb von sechs Jahren praktisch verdoppeln, ohne das Verkaufsvolumen zu erhöhen. 2015 haben wir die Produktion auf 40’000 Stück pro Jahr begrenzt.» Für die Gruppe, deren Hauptmarkt die USA sind, liegt der Erfolg besonders in der Absatzsteigerung in eigenen Boutiquen. «Wir verfolgen ein neues Geschäftsmodell und sind daran, alles zu konsolidieren. Unsere Verkaufsorte haben wir von 540 auf 257 reduziert und 80 Schliessungen angekündigt. Die Käufer möchten weniger Zwischenhändler. Wenn ein Händler keine Zusatzleistungen erbringt, wird er es schwer haben.»

Bennahmias‘ Stärke liegt darin, dass er die Marktentwicklung antizipiert und die Millennials für seine Marke gewinnen kann. Die Begeisterung für Zeitmesser werde von einer Generation an die nächste weitergegeben, so der CEO von AP. Er ist überzeugt, dass die Millennials bezüglich ihres Geschmacks von ihren Eltern beeinflusst werden und die Vorliebe für schöne Uhren auch bei Gleichaltrigen verbreiten.

Auch Stars seien sehr einflussreich und lösten Emotionen aus. Im Videoclip «The Future of First», der anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Royal Oak Offshore in Zusammenarbeit mit einem DJ entstanden ist, erklärt der berühmte Basketballspieler LeBron James, was es tatsächlich bedeutet, Erster zu sein: «First kommt nicht aus dem Nichts! Erster sein ist ein Moment, ein Augenblick. Erster sein ist ein Kunststück – Erster sein dringt in den Kopf ein und verändert das Gehirn. Erster sein ist kein Gegenstand, keine Sache, sondern ein Ausdruck des Willens. Erster sein ist, was wir sind. Erster sein heisst weitermachen. Erster sein heisst sich weiterentwickeln.»

«Millennials fordern mehr Transparenz»

François-Henry Bennahmias glaubt zu wissen, was für die junge Generation von Bedeutung sein wird: «Die Millennials werden alles über ein Produkt wissen wollen. Sie werden mehr Transparenz fordern. Und sie wollen wissen, ob Swiss Made auch wirklich Swiss Made ist.» Der CEO freut sich darauf, denn er verurteilt Falschspieler, die versuchen, die strengen Richtlinien des Labels zu umgehen.

Für kleine Uhrenmarken wie Parmigiani, Romain Jérôme oder deWitt lohnt es sich nicht, die Produktion zu industrialisieren. Sie stellen daher die Manufaktur in den Vordergrund. Marco Tedeschi, der neue CEO von Romain Jérôme, will eigene Uhrwerke bauen, «um die Kreativität nicht einzuschränken und in Bezug auf Design und Konzept einen Schritt weiter zu gehen».

Seine Wette auf das Design und die Qualität findet auch über den Austausch mit dem Kunden statt: «Die Zusammenarbeit mit dem Kunden bei der Entwicklung neuer Modelle ist die Zukunft des Luxussektors», glaubt er. Für die kleine, 2003 von Jérôme und Viviane de Witt gegründete Manufaktur DeWitt steht die Mechanik der Uhren im Vordergrund. «Mein Mann», sagt Viviane de Witt, «hat eine Leidenschaft für Mechanik. Von der Makromechanik alter Autos ist er zur Mikromechanik von Uhren gekommen. Er erfindet ständig etwas Neues.»

Sie glaubt, dass die Zukunft der Uhrmacherei in der Kreativität und dem Know-how liegt. «Nur wenige Akteure der Uhrenbranche können jeden Zeitmesser einzeln von Hand anfertigen.» Die Manufaktur, die 2017 lediglich 200 Stück produziert hat, hat ihre Kollektion in drei Linien unterteilt und gibt jedes Jahr nur einen neuen Zeitmesser heraus. Der Einstiegspreis liegt bei 30’000 Fr.

«Der Unterschied liegt in der Anfertigung der hauseignen Uhrwerke», fährt die Uhrmacherin fort. «Sonst handelt es sich nicht um Uhrmacherei, sondern lediglich um Montagearbeit. Jeder kann hübsche Gehäuse mit einem Standardwerk in millionenfacher Ausführung herstellen, aber für uns ist das nicht Uhrmacherei. Das kreative, erfinderische Talent, das einer neuen, exklusiven Lösung zugrunde liegt, kann man nicht nachahmen, stehlen oder fälschen. Wir stellen alle Einzelteile unserer Elemente selbst her und fertigen auch die Ziffernblätter mit allen dafür notwendigen handwerklichen Aspekten. Wir sind zu 100% Swiss Made – selbst unsere Armbänder werden in der Schweiz hergestellt.»

Hand in Hand

Ähnlich klingt es bei Michel Parmigiani, Uhrmachermeister und Gründer der Uhrenmanufaktur Parmigiani Fleurier, wo das mechanische Uhrwerk König ist. Während andere die Technik in den Dienst des Designs stellen, ist bei Parmigiani Fleurier die Form des Gehäuses Konsequenz des Uhrwerks.

Der Uhrenhersteller verfügt intern über ein exzellentes Fachwissen. «Lediglich das Glas, das Armband und der Verschluss werden nicht von uns hergestellt», sagt Michel Parmigiani und erklärt, dass mechanische Uhren am beständigsten sind und auch nach 200 Jahren noch funktionieren. Mit wasserdichtem Gehäuse und einer dauerhaften Schmierung können sie sogar ewig halten.

Kein Objekt der Welt ist so beständig wie eine mechanische Uhr. Für den Uhrmachermeister ist in Bezug auf mechanische Innovationen noch vieles möglich: «Der Gipfel der Technisierung ist noch nicht erreicht. Spezielle, nicht aus Silizium, sondern aus Metall gefertigte Hochfrequenzhemmungen und andere Innovationen zeigen, dass wir noch nicht alle Möglichkeiten der Mikromechanik ausgeschöpft haben.» Dies demonstriert auch die Kollektion Bugatti Typ 390 für Parmigiani, eine von dem Sportwagen inspirierte Uhr mit einem zylinderförmigen Uhrwerk, die Konzepte der Automechanik auf die Uhrenmechanik überträgt.

Auch wenn die komplexe Mechanik der Uhren entscheidend bleibt, hat Piaget sie in den Dienst des Designs gestellt und dieses Jahr in der Uhrenbranche einen Weltrekord gebrochen. Die flachste mechanische Uhr misst dank einer Fusion von Gehäuse und Uhrwerk gerade einmal 2 Millimeter.

Chabi Nouri erklärt, dass dahinter nicht nur eine technologische Meisterleistung steckt, sondern die Suche nach Eleganz und Ästhetik. «Für uns verkörpert die Feinheit der Uhr tatsächlich Eleganz schlechthin.» Die Tatsache, dass die Uhrmacherei Teil der Luxusindustrie geworden ist, bedeutet vor allem eins: Es müssen technische und künstlerische Meisterleistungen vollbracht werden.

Uhrwerk und Design müssen Hand in Hand arbeiten. «Die Kunden wollen sowohl Inhalt als auch Design und Geschichte. Der Erfolg wird denen beschieden sein, die Fertigungsmethoden, Meisterleistungen im Design und Kohärenz mit der Geschichte des Hauses verbinden», fasst Nicolas Baretzki zusammen