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Unternehmen / Finanz

Henri B. Meier: «Ich mache mir Sorgen um die Schweiz»

Henri B. Meier, früherer Finanzchef von Roche und Initiator des Zukunftsfonds, will erreichen, dass Pensionskassen aktiver in Jungunternehmen investieren.

Schweizer Pensionskassen verwalten gut 800 Mrd. Fr. Sie investieren ihr Kapital in Immobilien, Anleihen und Aktien – aber kaum direkt in die wertschöpfenden Unternehmen des Landes. Henri B. Meier, der frühere Finanzchef von Roche (ROG 246.4 0.94%), ist besorgt, dass fehlende Investitionen in Risikokapital die Perspektiven der Schweiz eintrüben. Er hat daher das Projekt Zukunftsfonds lanciert, einen Dachfonds, der gezielte Venture-Capital-Investitionen ermöglichen soll. Er will Pensionskassen animieren, 1% ihres Kapitals in junge, zukunftsträchtige Unternehmen zu investieren.

Herr Meier, was hat Sie bewogen, das Projekt Zukunftsfonds ins Leben zu rufen?
Es war der Schock, als ich realisierte, wie die Direktinvestitionen in unsere Wirtschaft – also die Investitionen, die Arbeitsplätze schaffen – seit dreissig Jahren einen fallenden Trend aufweisen. Da wurde mir bewusst, dass sich unser Land auf ein Problem zubewegt. Bis im Jahr 2030 werden diverse Staaten in Asien all das herstellen, was die Schweiz heute kann – aber zu tieferen Preisen. Und da wir nicht genügend investieren, wird unsere Arbeitslosigkeit steigen, denn die Korrelation zwischen Investitionen und neuen Arbeitsplätzen ist hoch. Politische Instabilität und Unruhen wären die Folge. Das ist das Übelste, was der Schweiz passieren könnte.

Sie machen sich Sorgen um die Schweiz?
Ja, mit gutem Grund. Die Gefahr ist am grössten in Momenten der glücklichen Selbstgefälligkeit.

Wieso investieren wir denn zu wenig? Unsere Sparquote ist im internationalen Vergleich doch sehr hoch.
Seit 1985 sind alle Schweizer Bürger gezwungen, über das Pensionskassensystem zu sparen – was zu einem Sparvermögen von über 800 Mrd. Fr. geführt hat. Doch unsere Pensionskassen sind zu klein, um direkt in die Unternehmenslandschaft zu investieren. Direktinvestitionen sind sehr anspruchsvoll. Sie investieren deshalb in Immobilien, Anleihen und die Aktienmärkte; das sind Prozesse, die vergleichsweise einfach zu bewältigen sind. Also (ALSN 133.3 0.23%) kam ich zum Schluss, dass wir einen Dachfonds zur Verfügung stellen sollten, der es den Kassen ermöglicht, auf professionelle Weise in Venture Capital und damit direkt in aufstrebende Schweizer Unternehmen zu investieren. Das generiert Wertschöpfung und Arbeitsplätze.

Wie haben die Pensionskassen reagiert?
Mein Vorschlag stiess nicht sofort auf Gegenliebe. Aber der Dialog ist im Gang. Gleichzeitig wandte ich mich an die Politik, um die amtliche Benachteiligung von innovativen, kapitalintensiven Jungunternehmen zu beseitigen und zwecks Schaffung des Zukunftsfonds Schweiz. Die Motion von Ständerat Konrad Graber war eine Folge davon.

Wie erklären Sie sich die abwartende Haltung des Pensionskassenverbandes?
Spezialisierte Berater sowie die Regulierung spielen eine enorm wichtige Rolle, was dazu führt, dass die meisten Kassen nach klaren Schemata in den etablierten Anlageklassen – eben Immobilien, Anleihen und Aktien – investieren. Leider entsteht daraus wenig Wertschöpfung für die Schweiz. Doch ich bin überzeugt, dass eine Reihe von Kassen in Venture Capital investieren wird, wenn sie eine professionelle Möglichkeit dafür erhalten bei geringem Risiko und ansprechender Rendite.

Sie haben erwähnt, unsere PK-Struktur sei zu kleinräumig. Heisst das, die Kassen sind auch zu wenig professionell?
Das kann ich so nicht sagen. Das Niveau an Professionalität ist nicht unbedingt kausal mit der Grösse verbunden. Doch mir fällt auf, dass Pensionskassen vieles, was den Investmentprozess betrifft, an externe Berater auslagern.

Wie gross soll der Dachfonds werden?
Ziel ist, in der ersten Runde 500 Mio. Fr. aufzunehmen. Wenn wir genügend interessante Venture-Capital-Gesellschaften finden, ist die halbe Milliarde vielleicht schon nach zwei bis drei Jahren investiert, dann würde der nächste Fonds aufgesetzt. Wenn das gelingt, wird im Lauf der nächsten zehn Jahre eine Summe von mehreren Milliarden Franken entstehen.

Angenommen, die Schweizer PK investierten eines Tages 1% ihrer Gelder in Venture Capital, ergäbe das mehr als 8 Mrd. Fr.
Ja. Das wäre nicht überrissen. In den USA investieren Pensionskassen im Schnitt 5% ihrer Gelder in Venture Capital. Wenn das in der Schweiz der Fall wäre, würden wir sogar von gut 40 Mrd. Fr. sprechen. Heute investieren unsere PK nur gerade 0,02% in Venture Capital. Das ist viel zu wenig.

Auf welche Branchen wird sich der Fonds fokussieren?
In die Sektoren, in denen die Schweiz gute Chancen hat, auch in zehn Jahren noch eine Führungsposition zu besetzen: IT und Robotik, Medizinaltechnik, Biotechnologie, Energie und Cleantech, Nanotechnologie sowie neue Werkstoffe. Der Fonds wird nur an der Spitze des technologischen Fortschritts investieren.

Ist Geld in der Schweizer Wirtschaft denn wirklich Mangelware?
Nein. Aber Geld ist nicht gleich Geld. Kapital, das an die liquiden Finanzmärkte gehen möchte, ist übermässig vorhanden. Doch langfristig ausgerichtetes Kapital ist knapp. Venture Capital lässt sich mit dem Pflanzen von Bäumen vergleichen: Es braucht einen Zeithorizont von mehr als zehn Jahren, bevor man ernten kann. Pensionskassen verfügen über Gelder mit einem Anlagehorizont von bis zu vierzig Jahren und sind deshalb ideal für wertschöpfende Investitionen.

Sind unsere Pensionskassen zu risikoavers?
Das ist nicht per se schlecht; sie sind sogar verpflichtet, auf Sicherheit zu achten. Das Problem liegt bei der Definition von Sicherheit, die meist als Volatilität definiert wird. Aber eine falsche Definition von Sicherheit und Risiko kann in die Irre führen. Das Risiko definiert als Wahrscheinlichkeit eines Verlusts ist bei einer Investition in den Zukunftsfonds bedeutend geringer als bei einer Investition in eine Obligation oder Immobilie.

Venture Capital ist doch sehr risikoreich.
Es ist eine Frage der Diversifikation und des Anlagehorizontes. Wenn der Horizont mehr als zehn Jahre beträgt und man breit diversifiziert investiert wie im Zukunftsfonds Schweiz, ist die Verlustwahrscheinlichkeit gering. Das ist wie bei Versicherungsgesellschaften: Das Risiko wird breit verteilt. Im Bereich Venture Capital ist eine Einzelinvestition hochriskant, deshalb muss man diversifizieren. Im Zukunftsfonds sehe ich das Verlustrisiko unter normalem Wirtschaftsgang langfristig praktisch ausgeschlossen, weil sich die Investitionen auf viele Unternehmen verteilen.

Von wie vielen Unternehmen sprechen wir?
Wenn wir die angestrebte Grösse von 500 Mio. Fr. nehmen, dann würde sich das auf etwa 250 bis 300 Unternehmen verteilen.

Bietet die Schweiz denn überhaupt so viele attraktive Jungunternehmen?
Zunächst muss ich festhalten, dass der Fonds bis zur Hälfte seines Vermögens im europäischen Ausland investieren kann. Doch auch in der Schweiz lassen sich über eine Periode von drei bis fünf Jahren genügend attraktive Unternehmen finden.

Was bringt es der Schweiz, wenn der Fonds die Hälfte im Ausland investiert?
Auf den ersten Blick nichts. Doch ist eine breite Risikostreuung die Forderung der Investoren. Zudem haben wir keinen Einfluss darauf, dass im Jahr eins genau die richtigen Gesellschaften in der Schweiz zu finden sein werden. Wenn wir aber etwa im Bereich Werkstoffe ein interessantes Objekt in Schweden finden, können wir auch dort investieren. Das ist wichtig für die Risikoverteilung und fördert das Know-how. Wenn wir genügend Objekte in der Schweiz finden, dann investieren wir hier. Die Schweiz hat Priorität.

Sind Unternehmertum und die entsprechende Mentalität in der Schweiz genügend ausgeprägt, damit eine vitale Start-up-Szene entstehen kann?
Ja. Das hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Zur Zeit, als ich an der Universität studierte, wollte kein Mensch aus uns Unternehmer machen. Damals wollte man Manager werden. Doch wenn ich heute an die Unis gehe, an die ETH oder die HSG, sagen mir rund 20% der Studenten, sie möchten Unternehmer werden. Das ist eine echte Revolution.

Kapital ist das eine. Man hört aber oft, dass für Jungunternehmer besonders das regulatorische und steuerliche Umfeld sehr mühsam ist. Wie sehen Sie das?
Das ist so. Jungunternehmen, besonders wenn sie kapitalintensiv sind und langfristig investieren, werden dramatisch benachteiligt. Daran müssen wir arbeiten. Ein wesentlicher Bestandteil der Motion Graber ist es, diese Benachteiligung von Jungunternehmern aus dem Weg zu schaffen. Wir müssen auch mehr Ressourcen an den Hochschulen einsetzen, um Jungunternehmern den Umgang mit Venture Capital zu vermitteln.

Haben wir in der Schweiz denn überhaupt genügend talentierte Investoren auf dem Gebiet Venture Capital?
Nein, heute noch nicht. Aber im Silicon Valley gab es 1970 auch keinen einzigen Venture-Capital-Spezialisten. Als die ersten beiden ihren ersten Erfolg hatten, zog das Jungunternehmen an, was wiederum Venture-Capital-Investoren anlockte. Das Kapital steht am Anfang. Sobald es bekannt ist, dass in der Schweiz im grossen Stil Venture Capital zur Verfügung steht, wird das die besten Leute aus der ganzen Welt anziehen. Sie werden sehen. Die Hälfte der Risikokapitalgeber im Silicon Valley sind Ausländer. Sie sind dorthin gekommen, weil dort das Geld war.

Was sind langfristig mit Venture Capital denn für Renditen erreichbar?
In den ersten zehn Jahren wird man mit Venture Capital nichts verdienen. Aber wenn Sie es über dreissig Jahre anschauen, verändert sich das Bild. Die amerikanische Venture-Capital-Industrie weist über dreissig Jahre eine jährliche Rendite von 17% aus. Ein Beispiel dafür hatten wir in der Schweiz mit der von mir lancierten Beteiligungsgesellschaft HBM Healthcare (HBMN 130.3 -0.23%) Investments: Die ersten zehn Jahre erforderten hohe Investitionen, die buchhalterisch als Verluste ausgewiesen werden, doch in den letzten sechs Jahren liegt die jährliche Rendite bei bis zu 25%.

Eine oft gehörte Kritik von Venture Capital und Dachfonds sind die hohen Gebühren. Was sind da die Pläne?
Wir sprechen von zwei Ebenen: Bei den einzelnen Venture-Capital-Fonds sind die üblichen Gebühren zu entrichten. Der Zukunftsfonds selbst plant nur 0,5% Gebühren, was sehr wenig ist. Das ist nichts anderes als eine Risikoprämie.

Was ist für Sie weltweit das beste Anschauungsbeispiel? Das Silicon Valley?
Die USA generell. Sehen Sie, es geht im Kern darum, einen Intermediär für Risikokapital zu schaffen. Für die Intermediation von Krediten gibt es haufenweise Banken, doch wir haben nicht ein einziges Institut geschaffen, das sich um die Intermediation von riskanterem Eigenkapital kümmert. Das ist die grosse Schwäche der Schweiz. In den USA hat die Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden, dass es wichtig ist, Intermediäre für Risikokapital zu haben. Mit dem Small Business Act wurden damals Jungunternehmer gefördert. 1973 haben die Amerikaner ihre Pensionskassen mit dem ERISA Act ermächtigt, in Risikokapital zu investieren. Und heute sind die US-Pensionskassen die weitaus grössten Investoren im Venture-Capital-Gebiet.

Und Sie glauben, das wird auch der Schweiz gelingen?
Ich sehe keinen Grund, weshalb nicht. Am Anfang steht immer das Kapital. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die nächste Generation gewaltig darunter leiden.