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Herbert Diess: Endlich an der Spitze angelangt

Der bisherige Markenchef von VW wird zum neuen Konzern-CEO.

Vor wenigen Wochen noch sass der künftige CEO von Volkswagen (VW) in der Talkshow von Anne Will im deutschen Fernsehen und erklärte: «Unsere Diesel sind die besten der Welt.» Mehr Selbstbewusstsein geht nicht für einen Manager von VW in einer Zeit, in der Zweifel rund um den Diesel-Skandal nicht ausgeräumt sind. Parallel hat Diess schon am Thron eines Vorgängers Matthias Müller gesägt. Seit er vor drei Jahren von BMW zu VW stiess, hatte er den CEO-Posten im Auge. Jetzt ist er am Ziel – dank der Gewerkschaft.

Ehrgeizig sei Diess, heisst es, vielleicht zu ehrgeizig. Schon bei BMW galt der 59-Jährige als Kronprinz. 1996 kam er zu den Bayrischen Motorenwerken, leitete dort die Werke in Birmingham und Oxford. 2003 übernahm der Motorradfahrer die Zweiradsparte, 2007 wechselte er in für Einkauf und Lieferantennetz verantwortlich. Ab 2012 war er für Forschung und Entwicklung zuständig. Doch 2015 entschied sich die Eigentümerfamilie Quandt für Harald Krüger als CEO von BMW, gegen Diess. Krüger galt als der bessere Teamspieler – Diess wechselte zu VW als Markenchef. Und der damalige CEO Martin Winterkorn hatte ihn geholt, um einen Nachfolger aufzubauen. Doch die Diesel-Affäre vereitelte den Plan. Winterkorn musste gehen. Müller rückte nach, ein VW-Eigengewächs mit Nähe zu den Eigentümerfamilien Piëch und Porsche.

Jetzt ist Diess angekommen. Mit dem mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh (Oberster Gewerkschafter im Konzern) hat er dafür einen Burgfrieden ausgehandelt: Dessen Intimus Gunnar Kilian – bislang Generalsekretär des Konzernbetriebsrates – wird neuer Personalchef. Dass ausgerechnet die Arbeitnehmervertreter Diess nun unterstützen, ist erstaunlich. Vergangenes Jahr wollte Osterloh noch Diess stürzen; wegen eines Sanierungsprogramms hatten sich Gewerkschaft und Markenchef heillos zerstritten.

Nun hat Diess den Gewerkschafter Osterloh überzeugt. Der bullige Betriebsrat lobt in einem Brief an die 650 000 VW-Mitarbeiter die «wegweisende Neugestaltung für die Führungsstruktur». Der Streit vom vergangenen Jahr sei ausgeräumt. Es herrscht Frieden – doch wie lange? Diess wird diplomatisches Geschick nachgesagt. Er wird es brauchen.

Der gebürtige Münchner, dank der Eltern auch mit österreichischem Pass, studierte in seiner Heimatstadt Fahrzeugtechnik und Maschinenbau, promovierte in Fertigungstechnik. Seine Karriere begann er 1989 bei Bosch. Er hat das Rüstzeug, um den Umbau von VW voranzutreiben. Sein Vorgänger Müller, den der Sturz überraschend traf, hat VW nach der Dieselaffäre zurück auf den Erfolgspfad geführt.

Diess soll nun den Umbau von VW in einer Branche vorantreiben, die sich grundlegend wandelt: autonome Autos, Elektromobilität, neue Spieler wie Tesla, Google oder Apple – die Liste, der Herausforderungen ist lang. Der neue CEO wird für den Job mit «riesiger Macht» ausgestattet, heisst es, behält auch als Konzernchef die Verantwortung der wichtigsten Marke VW – so wie Martin Winterkorn. Aber genau dessen Machtfülle führte VW ins Verderben.

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