Nur etwa hundert Meter vom Pariser Sitz des berühmten Sellier entfernt befindet sich der sehr diskrete Ort, wo grosse und kleine Luxusobjekte entstehen. Das in der Öffentlichkeit wenig bekannte Atelier für massgefertigten Luxus ist für die Happy Few reserviert, die über das nötige Kleingeld verfügen, sich ihre ausgefallensten Wünsche zu erfüllen.

Autos, Boote, Fahrzeuge, Surfbretter, Skates, Fahrräder, Roller, Bücherkoffer – alles, was man fürs elegante Reisen und Fortbewegen braucht, wird hier entwickelt. Hier ist (fast) alles möglich. Einen ersten Hinweis erhalten wir im Showroom oder eher Lagerraum, wo eine Vielzahl von Unikaten auf ihre künftigen Besitzer waret.

Für Liebhaber des Sattlerhandwerks ein magischer Ort. Bei unserem Besuch bewunderten wir das Sammlerfahrzug Voisin C28 Aerosport Jahrgang 1935, dessen Interieur vollständig mit Leder ausgekleidet wurde. Gleich daneben die perfekte Nachbildung eines Gepäckstücks aus dem Jahr 1929, das Hermès für einen Bugatti Royale gefertigt hatte.

Die Schwierigkeit dieses Auftrags bestand darin, alle Besonderheiten dieses Teils zu reproduzieren, wobei nur wenige Archivfotos zur Verfügung standen. Ein bisschen weiter zwei Motorräder, ein Ruder, ein Fahrrad und eine Kaffeemaschine. Ein buntes Ensemble im edlen Hermès-Lederlook.

Im Zentrum des Raums eine Nische, wo eilige Kunden Axel de Beaufort, Kreationsdirektor des Atelier Horizons, ihre geheimen Wünsche verraten. Der frühere Schiffsarchitekt und Designer hat den Posten seit fünf Jahren inne. Als Gemeinsamkeit der verschiedenen Objekte nennt er den «Geist von Hermès».

«Wir begleiten unsere Kunden gerne mit kreativen Lösungen und erzählen durch das Objekt eine Geschichte. Die schöpferische Herausforderung besteht darin, die Wünsche des Kunden zu verstehen und dem Geist unseres Hauses anzupassen. Gleichzeit muss der Approach überraschend und unerwartet sein.»

«Massgeschneidertes gibt es bei Hermès seit je»

Nachdem wir die Sicherheitsschleuse passiert haben, gelangen wir in den ersten Stock, wo sich das riesige Atelier, ein tausend Quadratmeter grosser Industrieloft, befindet. Axel de Beaufort: «Wir befinden uns hier in den ehemaligen Filmstudios des Regisseurs Luc Besson. Wir haben uns dafür entschieden, denn wir brauchen genügend Raum und Bewegungsfreiheit, Flugzeuge und Autos beanspruchen viel Platz. Und hier haben wir auch unsere Ledervorräte.»

Es braucht tatsächlich viel Platz, um die Innenausstattung eines 140-Fuss-Monocoque-Seglers herzustellen, die jüngste, eben ausgelieferte Realisation. Vor seinem Eintritt bei Hermès hat Axel de Beaufort eine Vielzahl von Booten designt.

«Massgeschneidertes gibt es bei Hermès ja seit je, Ende des 19. Jahrhunderts stellte das Haus Pferdegeschirr und Saumzeug her. Die Komplexität unserer Arbeit liegt im perfekten Verständnis der technischen Anforderungen bestimmter Projekte. Unsere Ingenieure besitzen die Fähigkeit, sich mit auf Luftfahrt oder Schiffsbau spezialisierten Kollegen auszutauschen. Ich selbst habe zwei Spezialgebiete. Einerseits habe ich im eigenen Namen viele Boote kreiert, darunter die ‹Solune›, ein in Zusammenarbeit mit der berühmten Schweizer Werft Décision realisiertes 60-Fuss-Mannschaftsboot aus Karbon (die ‹Solune› wurde 2004 Schiff des Jahres, Anm. d. Red.). Ich möchte aber betonen, dass wir keine Designer, sondern Handwerker sind. Beim erwähnten Segelboot wollten wir mit dem Mobiliar für Überraschung sorgen. Es ist ganz aus Leder gefertigt, die dazu angewendete Technik ist ganz neu und noch wenig üblich. Dabei wurden Lederstreifen wie Sperrholz aufeinander geklebt. Es sieht auch so aus, erst beim Berühren spürt man die Sinnlichkeit des Leders. Diese Lösung setzte viel Entwicklungs- und Ausführungsarbeit voraus, denn es ging darum, eine Vibration, eine handwerklich einmalige Resonanz zu kreieren, die nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber sofort spürbar ist. Es ging um die Neuinterpretation von Emotion. Eine echte Herausforderung!»

Während es sich bei diesem Einrumpf boot um die Auskleidung des Interieurs mit Hermès-Leder handelte, werden andere Boote von A bis Z im Atelier entwickelt. Etwa ein Schiff aus Holz, das einem «Tim und Struppi»-Comic entnommen wurde. Axel de Beaufort erläutert die Komplexität des Lateralplans. «Er war Teil des Auftragsbuchs und keine Frage des Designs, denn die Flanken des Bootes mussten sich öffnen lassen. Es ging also darum, alle Möglichkeiten der Ingenieur- und Handwerkskunst auszuloten. Keine Rede von Grossspurigkeit, sondern das Unterbeweisstellen des Handwerks. Bestellt der Kunde beispielsweise ein grosses H, umgehen wir seinen Wunsch, indem wir eine handwerkliche und künstlerische Version entwickeln. Die Marke Hermès muss sichtbar sein, aber diskret. Beispiel: Eine Kunde wünschte für den Kühlergrill seines Fahrzeugs ein grosses H – ich zog es vor, ihm eines aus hundert kleinen Buchstaben zu zeichnen.»

Ideenfindung mit Mitarbeitern

Im Atelier sind dreissig Handwerker am Werk, jeder ein absoluter Meister seines Fachs. Polsterung, Überzüge, Sattlerarbeit, Zuschneiden, Nähen, Polieren – sämtliche Berufe der Lederverarbeitung sind hier versammelt. In der Nähe Ingenieure, die sich mit 3-D-Entwürfen beschäftigen. Auf den Gestellen thronen im fröhlichen Durcheinander Picknickkörbe, eine Regatta-Trophäe, ein Skateboard mit Ledertasche zum Anhängen…

Oft entstehen Ideen in der Diskussion mit Mitarbeitern, die in den Hermès-Boutiquen in aller Welt arbeiten. Axel de Beaufort: «Wir befragen jedes Jahr unsere Geschäfte über ein Traumobjekt und motivieren sie, zusammen mit einem Kunden ein Briefing zu erstellen. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, Taschen nach Mass zu kreieren. Surfbrett, Skate, Babyfoot sind dank solchen Ideen entstanden und werden in limitierter Serie hergestellt. Beim Skateboard beschränkte sich das Projekt nicht einfach darauf, eine Hermès-Variante herzustellen, sondern wir wollten mit hauseigenen Techniken das Gerät neu interpretieren. Dazu standen wir mit Handwerkern in den Vogesen in Verbindung, die den Wald unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit nutzen. Ein Novum.»

Auf die Frage bezüglich Rentabilität und Preis gibt man sich bei Hermès vornehm zurückhaltend. «Wir sind erfolgreich, die Nachfrage ist vorhanden. Es ist aber nicht meine Aufgabe, den kommerziellen Erfolg zu garantieren.» Abgesehen von den offiziellen Zahlen, die auch dieses Jahr historische Horizonte erreichen, kommuniziert das Haus nur spärlich.

Das konsolidierte Geschäftsergebnis der Gruppe im Jahr 2017 betrug 5,54 Mrd. €, die Zunahme 9% bei konstanten Wechselkursen, der Nettogewinn stieg um 11% auf 1,22 Mrd. €. Darüber hinaus werden vom Atelier sur-mesure keine Preise für Massanfertigungen mitgeteilt, weder für die Skateboard-Ledertasche noch für die Auskleidung eines Airbus A320, dessen ganzes Interieur von Hermès gestaltet wurde.

Axel de Beaufort: «Bisher haben wir etwa zehn Flugzeuge – meistens Boeing sowie einen Airbus A320 – gestaltet, kürzlich haben wir eine amerikanische Gulfstream fertiggestellt. Beim Airbus A320 haben wir die Sitze völlig neu designt. Wir suchten nach einer Hermès-Lösung und überarbeiteten das Profil des Sitzes und gestalteten die Armlehnen neu. Die Komplexität eines solchen Projekts ist gewaltig, denn es sind strengste Normen zu erfüllen. Dies gilt auch für das Leder, das brandhemmend sein muss. Wir wollten aber nicht das in der Industrie verwendete Leder einsetzen, denn es ist zu hart. Also haben wir ein eigenes Leder konzipiert, das sinnlich ist und Patina ansetzt. Im Geist von Hermès eben.»