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Hinweise auf neues Ziel der US-Geldpolitik

Goldman Sachs vermutet, dass die US-Notenbank ihre Nullzinspolitik länger als bisher angenommen weiterfahren wird. Grund sind zwei neue Studien des Fed.

Alexander Trentin

Fed-Chef Ben Bernanke hat bisher kommuniziert, dass die Arbeitslosenrate in den Vereinigten Staaten unter 6,5% sinken muss, bevor man die Leitzinsen erhöhen kann. Jan Hatzius, Chefökonom von Goldman Sachs (GS 235.58 2.92%), nimmt aber nun an, dass diese Zielmarke an der Fed-Sitzung im März auf 6 oder gar 5,5% gesenkt wird. Damit würde sich die lockere Geldpolitik der Nullzinsen länger hinziehen als bisher angenommen.

Der Grund für die Neueinschätzung von Hatzius liegt in zwei Studien von Fed-Ökonomen, die an einer Forschungskonferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) am 8. und 9. November diese Woche präsentiert werden. Beide Studien befürworten eine lockere Geldpolitik. Eines der Papers sieht einen Nutzen der Nullzinspolitik zur Senkung der Arbeitslosigkeit auch unter der bisher gesetzten Marke von 6,5%. Gemäss Hatzius unterstützen wohl Ben Bernanke wie auch seine designierte Nachfolgerin Janet Yellen die Richtung, in die diese Studien gehen.

Zielmarke von 5,5% wäre effektiver

Eine Studie, zu deren Autoren unter anderem William English, der geldpolitische Berater von Bernanke, gehört, simuliert den Effekt eines niedrigeren Arbeitslosigkeitsziels. Diese Simulationen ergeben einen positiven wirtschaftlichen Effekt für Nullzinsen bis zu einer Arbeitslosigkeit von 5,5%. Tiefer sollte es nicht gehen: Ein noch niedrigeres Ziel erschwere es, die Inflation unter der Marke von 2,5% zu halten.

Eine Alternative zu einem niedrigeren Arbeitslosigkeitsziel wäre ein höheres Inflationsziel. Gemäss der Simulation brächte ein Inflationsziel von etwa 3% aber kaum Hilfe bei der wirtschaftlichen Erholung. Wirkungsvoller dagegen wäre, statt der Arbeitslosigkeit das Bruttoinlandprodukt (BIP) als Zielgrösse zu definieren. Problematisch ist jedoch, dass mit einem BIP-Ziel die Wirtschaft gemäss Simulation schnell überhitzt. Dazu kommt: Im Nachhinein wird die Statistik der Wirtschaftsleistung oft revidiert. Die Notenbank müsste demnach immer wieder ihre Zielmarke anpassen – was die klare Kommunikation mit der Öffentlichkeit erschwert.

Die Einführung eines neuen geldpolitischen Ziels sei grundsätzlich schwierig, da dadurch die Glaubwürdigkeit des Fed belastet werde. Und gerade die glaubwürdige Verpflichtung gegenüber den wirtschaftlichen Zielen macht die Ankündigung der US-Notenbank erst wirksam. Denn Konsens unter den Zentralbanken ist, dass die Zins- und die Inflationserwartungen der Öffentlichkeit entscheidend sind. English argumentiert trotz des Glaubwürdigkeitsproblems: Zentralbanken sollten im jetzigen, unbekannten Terrain Flexibilität zeigen und wenn nötig ihre kommunizierten Ziele anpassen.

Die Arbeitslosigkeit erhält sich selbst

Eine andere Stossrichtung als English zeigt das Paper von einem Team unter David Wilcox, Abteilungsleiter für Forschung und Statistik des Fed. Die Autoren argumentieren, dass die USA nach der Finanzkrise unter einem europäischen Phänomen leiden könnten: Hysterese. Darunter versteht man in der Ökonomie, dass sich nach längerer Arbeitslosigkeit weniger Menschen um einen Job bemühen – etwa weil die Leute sich darauf eingerichtet haben. Dadurch bleibt die Arbeitslosigkeit höher, auch wenn neues Wirtschaftswachstum nach einer Rezession erreicht wurde.

Die Hysterese könnte die US-Nachfrage langfristig schwächen und die Wirtschaft so weniger leistungsfähig werden. Insgesamt sehen die Autoren Anzeichen, dass die «natürliche Arbeitslosigkeit» (wird diese Arbeitslosenrate unterschritten, beschleunigt sich die Inflation) nach der Finanzkrise zugenommen hat. Das könnte die Aufgabe der Geldpolitik erschweren, die Wirtschaft zurück aus einem Rezessionsloch zu holen. Die Angebotsseite (die Produktionsseite) wird durch die Nachfrageseite nachhaltig geschwächt. Wird die Nachfrage gestärkt, wird also auch die Wirtschaft insgesamt produktiver.

Die Autoren argumentieren, dass im Fall der Hysterese die Geldpolitik aktiver sein sollte. Der Grund: Je länger die Arbeitslosigkeit anhält, desto eher zeigt sie einen selbsterhaltenden Effekt. Die Arbeitslosigkeit kann dann weniger durch eine höhere Inflation bekämpft werden.

Die Autoren um Wilcox ziehen ein deutliches Fazit: Der Leerlauf in der Volkswirtschaft bleibt hoch, was schon allein eine extrem lockere Geldpolitik rechtfertigen würde. Dazu kommt, dass die schwache Nachfrage auch die Effektivität der Wirtschaft permanent beschädigt.

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