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Hot Corner: Hochzeit im Wohnmobil

Der Markt für Wohnmobile ist in den letzten Jahren zügig gewachsen. Davon profitiert Thor Industries, der grösste amerikanische Hersteller von Wohnmobilen und Wohnwagen.

Andreas Meier

Die Aktien des grössten amerikanischen Herstellers von Wohnmobilen und Wohnwagen Thor Industries (THO 85.98 -2.4%) (NYSE: THO, Kurs 77.93 $, Marktwert 4,1 Mrd. $) sind zwischen Frühling 2016 bis Anfang 2018 von 60 auf 160 $ geklettert. Heute notieren sie unter 80 $, nachdem sich in den letzten zwei Quartalen eine Wachstumsverflachung abzuzeichnen begann. Dennoch gibt Thor weiterhin Gas. Im September ist überraschend die Übernahme der deutschen Erwin-Hymer-Gruppe verkündet worden. Hymer ist mit einem Marktanteil von etwa 30% einer der zwei grossen europäischen Wohnmobilhersteller (der andere ist die französische Trigano-Gruppe, die kotiert ist) und galt zuletzt als Börsenkandidat.

Mit dem Kauf kommen zwei starke Gruppen zusammen. Thor, 1980 von Wade Thomson und Peter Orthwein gegründet (der Name des Unternehmens ist eine Kombination der ersten zwei Buchstaben der Gründernamen), weist im Geschäftsjahr 2017/18 per Ende Juli einen Umsatz von 8,3 Mrd. $ und eine Ebitda-Marge von 8,7% aus. Als Gewinn resultieren 430 Mio. $ oder 8.17 $ je Aktie.

Hymer (wozu auch Marken wie Dethleffs oder Bürstner gehören) dürfte 2018 einen Umsatz von 2,5 Mrd. € erwirtschaften sowie einen Ebitda von etwa 230 Mio. €, was einer Marge von etwa 9% ergibt und damit etwa dem Niveau von Thor entspricht.

Thor zahlt für Hymer 2,1 Mrd. € und damit das Neunfache des Ebitda, was vernünftig wirkt. Der Kaufpreis wird grösstenteils in bar entrichtet, Thor gibt zur Finanzierung Anleihen aus. Dazu übernimmt die Familie Hymer Thor-Aktien für 180 Mio. $. Die Titel dafür will Thor nach Abschluss der Transaktion (für Ende Jahr geplant) am Markt kaufen.

Die Akquisition kann Thor sich leisten. Die Bilanz weist einen Eigenkapitalanteil von 70% auf und ist schuldenfrei.

Die beiden Unternehmen ergänzen sich gut. Hymer ist bloss in Nordamerika tätig, Hymer fast nur in Europa. Thor ist stärker in anhängbaren Wohnwagen positioniert, Hymer in Wohnmobilen. Dazu kommt, dass die Firmenkulturen ähnlich sind. Die Hauptsitze befinden sich auf dem Land (Hymer nördlich des Bodensees, Thor in Indiana), beide sind erfolgreich und familiendominiert.

Vorteile aus der Übernahme verspricht sich Thor von gemeinsamem Einkauf sowie in der Entwicklung und der Produktion. Zudem soll mit dem kombiniert breiteren Know-how ein Eindringen in den Markt Asien besser gelingen.

Der Markt für Wohnmobile soll in Europa zudem in den nächsten Jahren weiter zügig wachsen, je nach Typ zwischen 4 und 12% pro Jahr. Selbst wenn Thors Umsatz im laufenden Geschäftsjahr wegen des Lagerüberhangs bei den Händlern etwas sinken sollte, sind die Titel dennoch bloss mit einem KGV von 10 bewertet – ein reizvoller Kauf.