Märkte / Makro

Hohe Erwartungen an die EZB

Seit Monaten warten die Märkte auf eine Reaktion der Europäischen Zentralbank (EZB) gegen die Deflationsgefahren. An der EZB-Ratssitzung vom Donnerstag könnte sie gleich mehrere Geschütze auffahren. Eine Zinssenkung gilt als so gut wie sicher.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat an der letzten Ratssitzung vom 8. Mai erklärt, am 5. Juni bereit zu sein für eine weitere Lockerung der Geldpolitik, um der lang andauernden tiefen Inflation entgegenzuwirken. Vergangene Woche verschärfte er bei der Eröffnung eines EZB-Forums nahe der portugiesischen Hauptstadt Lissabon den Ton und sprach von der Möglichkeit einer «gefährlichen Deflationsspirale».

Zinssenkung mit Enttäuschungspotenzial

Die konventionellste Massnahme, die die EZB beschliessen könnte, wäre eine Zinssenkung. Zuletzt wurde der Hauptfinanzierungssatz im November 2013 von 0,5 auf 0,25% gesenkt. Der Einlagensatz für bei der EZB geparkte Gelder blieb auf 0%. Eine Senkung des Hauptzinses auf 0,15 oder gar 0% und des Einlagensatzes ins Minus würde mehr Geld von der EZB abziehen und den Geldmarkt beruhigen. Der Eonia (Euro Overnight Index Average), der Zins, zu dem sich Banken über Nacht ohne Hinterlegung von Sicherheiten Euro leihen, ist jüngst oft gestiegen.

Eine Zinssenkung gilt unter Experten als so gut wie sicher. Im Durchschnitt (Median) erwarten die Analysten gemäss einer Umfrage von Bloomberg eine Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes um 15 Basispunkte (Bp) auf 0,1% und des Einlagensatzes um 10 Bp auf –0,1%. Die Agentur brachte am Dienstag zudem unter Berufung auf zwei EZB-Vertreter in Erfahrung, dass eine Zinssenkung am Donnerstag nicht die letzte sein dürfte.

Wie ein Analyst von M&G Investments gegenüber Bloomberg erklärte, ist eine Zinssenkung im Markt schon eingepreist. Entsprechend hoch sei das Enttäuschungspotenzial, sollte die EZB dennoch weiter zuwarten. Die Renditen der Staatsanleihen könnten wieder anziehen. Gemäss Experten von Citigroup (C 70.39 1.57%) könnte der Euro auf über 1.40 $ anziehen. Der starke Euro ist durch die damit verbundenen tiefen Importpreise für die EZB einer der Gründe, warum die Inflation im Euroraum hartnäckig weiter unter ihrem Ziel von knapp unter 2% bleibt. Hauptursachen sind bisher aber weiterhin gesunkene Nahrungs- und Energiepreise.

Fokus Unternehmensfinanzierung

Am Herzen liegt der EZB die Wiederbelebung des Marktes für verbriefte Unternehmenskredite (Asset Backed Securities, ABS). Wie etwa Assenagon Asset Management schreibt, werden ABS seit der Krise aufgrund der verschärften Auflagen kaum mehr an Kapitalmarktnehmer verkauft, sie dienen weitgehend als Sicherheit für die Zentralbankkredite bei der EZB. Diese suche daher nach Wegen, diesen Markt wiederzubeleben. Denn das Risiko sei hoch, dass eventuelle negative Einlagenzinsen bei der EZB die Institute nur zu Ausweichanlagen etwa in Staatsanleihen verleiten könnten, statt die Liquidität den Unternehmen weiterzuleiten. Unter anderem fehlen aber noch Ratings für ABS. EZB und Bank of England haben letzte Woche ein gemeinsames Positionspapier zu Verbriefungen publiziert. Das könnte darauf hinweisen, dass diese Massnahme langsam Konturen annimmt.

Eine zusätzliche Option bleibt in diesem Kontext eine weitere Runde langfristiger Refinanzierungsprogramme (LTRO), analog zu den Dreijahrestendern aus den Jahren 2011 und 2012. Diesmal an die Bedingung geknüpft, dass das Geld als Kredite an Unternehmen weitergereicht wird.

Doch ein volles QE?

Die stärkste Massnahme wäre eine quantitative Lockerung (QE) im Stil der US-Notenbank. Die EZB könnte eine breite Palette von Wertschriften aufkaufen. Das Programm könnte auf die einzelnen Länder abgestimmt werden, um den unterschiedlichen Problemen in den jeweiligen Kapitalmärkten Rechnung zu tragen. Kritiker bemängeln, ein QE könnte weniger wirksam sein als in den USA, da in Europa Bankkredite für die Unternehmen die wichtigere Finanzierungsquelle sind als der Kapitalmarkt.

Trotzdem hat ein QE in den Augen der Marktteilnehmer an Wahrscheinlichkeit gewonnen. Gemäss einer Umfrage von Royal Bank of Scotland (RBS) wird eine Lancierung des Lockerungsprogramms am Donnerstag von den meisten Experten als wahrscheinlicher angesehen als ein Stillhalten.

Diskutiert wird seit einiger Zeit auch eine Art «QE Light»: Die EZB könnte die Anleihen, die sie unter dem alten Securities Markets Program (SMP) seit 2010 gekauft hatte, nicht mehr sterilisieren bzw. die so entstandene Liquidität abschöpfen. Stoppt die EZB die Neutralisierung der Käufe, könnten 172 Mrd. € zusätzlich ins Finanzsystem gelangen.

Neuste Preisdaten sprechen für Massnahmen

Seit langem notiert die Inflation deutlich unter dem Zielwert von knapp unter 2%, bei dem die Frankfurter Währungshüter die Preisstabilität als gewahrt erachten. Der Rückgang der Inflationsrate im März auf 0,5% wurde laut der EZB einem saisonalen Effekt zugeordnet. Sie prognostizierte daher einen Anstieg im April. Er fiel mit einer Teuerung von 0,7% zum Vorjahr indes schwächer als erwartet (0,8%) aus.

Mit den neusten Preisdaten fügt sich ein weiteres Mosaiksteinchen ins Bild eines entschiedenen Handelns der EZB am Donnerstag. Die Jahresinflation ist im Mai von 0,7% noch tiefer auf 0,5% gefallen, wie das europäische statistische Amt Eurostat am Dienstag nach einer ersten Schätzung mitteilte. Ökonomen hatten mit einem Rückgang auf 0,6% gerechnet.

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