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Hongkong plant Helikoptergeld

Die chinesische Sonderverwaltungszone greift wegen der Wirtschaftskrise zu ungewöhnlichen Mitteln. Jeder Einwohner soll rund 1300 Fr. erhalten.

(Reuters) Hongkong greift angesichts der durch Massenproteste und Coronavirus-Epidemie verschärften Wirtschaftskrise zu ungewöhnlichen Mitteln. Jeder Einwohner über 18 Jahren erhalte 10’000 Hongkong-Dollar (umgerechnet rund 1300 Fr.) ausgezahlt, kündigte Finanzminister Paul Chan am Mittwoch an. Zusammen mit Steuernachlässen für Unternehmen und weiteren Subventionen soll so die Konjunktur angekurbelt werden. Dafür nimmt die Regierung das erste Haushaltsdefizit seit 15 Jahren in Kauf, das etwa 1,3% des Bruttoinlandsproduktes ausmachen soll.

Hongkongs Wirtschaft ist im Sommerquartal erstmals seit einem Jahrzehnt in die Rezession gerutscht. Neben dem Handelskonflikt zwischen China und den USA trugen dazu die Massenproteste in Hongkong bei. Viele Touristen bleiben der Metropole fern, zahlreiche Geschäfte mussten zeitweise schliessen. Verschärft hat sich Krise inzwischen durch die Ausbreitung des Coronavirus, wodurch etwa Touristen vom Festland ausbleiben. Leisten kann sich die Handelsmetropole nach jahrelangem Boom die Extraausgaben. «Hongkong hat für schlechte Zeiten vorgesorgt», sagte Anthony Chan, Chefstratege für Asien-Investitionen beim Finanzhaus Union Bancaire Privée.


Helikoptergeld als letzter Rettungsanker

Mit Helikoptergeld ist gemeint, dass die Zentralbank (direkt oder indirekt) grosse Mengen an Geld unters Volk bringt. Geld wird also «gedruckt» und verschenkt statt wie üblich verliehen. Diese Schaffung von Kaufkraft geschieht unter Umgehung der Geschäftsbanken, die dann nicht mehr dazu motiviert werden müssten, via Kreditvergabe neues Geld zu schöpfen. Auch in Europa wird dies diskutiert.


«Hilft nicht aus der Rezession»

Für das Haushaltsjahr 2020/21 erwartet Finanzminister Chan ein noch grösseres Defizit. Es soll dann auf 4,8% des Bruttoinlandsproduktes anschwellen. 2003/04 – als die chinesische Sonderverwaltungszone unter den Folgen des Sars-Ausbruchs litt – war das Minus mit 5,3% zuletzt grösser, geht aus einer Analyse des Bankhauses ANZ hervor. Hongkong weist normalerweise ausgeglichene Haushalte oder sogar Überschüsse aus. Die reichlichen Finanzreserven erlauben es der Regierung, in Zeiten wirtschaftlichen Gegenwinds rote Zahlen zu schreiben.

2019 ist die Wirtschaftsleistung um 1,2% geschrumpft und damit erstmals seit der weltweiten Finanzkrise 2009. Für das laufende Jahr rechnet Chan im schlimmsten Fall mit einem Minus von bis zu 1,5%. «Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Hongkong aufgrund dieses Budgets aus der Rezession herauskommt», sagte Natixis-Ökonom Gary Ng. Er hält für 2020 ein Minus von 3% für wahrscheinlich.

Die frühere britische Kronkolonie ist seit 1997 eine chinesische Sonderverwaltungszone, in der die Einwohner grössere persönliche Freiheiten geniessen als in der Volksrepublik. Die Proteste in Hongkong hatten Mitte 2019 begonnen. Die Demonstranten sehen allgemeine Freiheiten gefährdet.