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Hongkong zwischen Krise und IPO-Welle

Die wirtschaftlich autonome Sonderverwaltungszone gerät immer stärker in das Spannungsfeld der amerikanisch-chinesischen Rivalität.

Hongkong wurde Anfang dieser Woche mit einem Federstrich ausradiert; oder zumindest das «Made in Hongkong». Als direkte Antwort auf ein Ende Juni in Kraft getretenes chinesisches Sicherheitsgesetz setzten die USA aus der Sonderverwaltungszone importierte Waren – anders als bis anhin – zolltechnisch mit Einfuhren aus Festlandchina gleich. Der daraus entstehende gesamtwirtschaftliche Schaden dürfte sich zumindest vorläufig aber in Grenzen halten, gehen doch nur etwas mehr als 1% aller Hongkonger Güterexporte in die USA.

Vor allem auch spielen im internationalen Finanzzentrum Hongkong die verarbeitenden Industrien – ganz anders als vor einem halben Jahrhundert – nur noch eine untergeordnete Rolle. Doch ist die ehemalige britische Kolonie durch die Kontroverse über das von Peking eingeführte Gesetz, das unter anderem «Kollusion mit fremden Mächten» und «Unabhängigkeitsbestrebungen» kriminalisiert, einen weiteren Schritt näher an das Zentrum der sich intensivierenden amerikanisch-chinesischen Rivalitäten geraten.

Der jüngste Schlag war umso härter, hat Hongkong früher als andere asiatische Volkwirtschaften die Folgen des vor mehr als zwei Jahren ausgebrochenen Handelskrieges zu spüren bekommen. Zudem trat die lokale Wirtschaft bereits in der zweiten Hälfte 2019 – und damit weit vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie – in eine tiefe Rezession ein.

Mitte des Vorjahres gingen in Hongkong Millionen von Bürgern gegen ein kontroverses und mittlerweile auf Eis gelegtes Auslieferungsgesetz auf die Strasse. Der Protest weitete sich zunehmend zu gewaltsamen Unruhen aus, die vor allem der für Hongkong sehr wichtigen Fremdenverkehrsindustrie und damit auch dem Einkaufstourismus einen harten Schlag versetzte. Nachdem die Wirtschaft der Stadt bereits im Vorjahr 1,9% schrumpfte, brach das Wachstum im ersten Halbjahr im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres 9% ein.

Gegenwind nimmt zu

Anders als die Realwirtschaft erwiesen sich der Hongkonger Finanz- und Immobilienmarkt allerdings als bemerkenswert robust. Doch die lokalen Banken spüren vermehrt Gegenwind, leiden ihre Erträge unter den schmaler gewordenen Zinsmargen und dem steigenden Anteil an Risikokrediten.

Deshalb mussten die meisten Finanzinstitute jüngst auch ihre Rückstellungen deutlich erhöhen. Zum einen, weil angesichts der schlechten Wirtschaftslage vermehrt Zahlungsausfälle drohen. Zum andern, weil eine ganze Reihe von Banken ins Kreuzfeuer des sino-amerikanischen Wirtschaftskrieges geraten sind – nicht nur die britische Grossbank HSBC, die bei dem in Kanada laufenden Auslieferungsverfahren der Finanzchefin des chinesischen Telecomausrüsters Huawei an die USA eine Schlüsselrolle spielt.

Erhebliche Risiken bringen für die lokalen Geldhäuser ebenfalls die von den USA unter anderem gegen die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam verhängten Sanktionen. Washington wirft Lam wie auch zehn anderen Persönlichkeiten vor, sie hätten den Autonomiestatus der Stadt untergraben. Sie sind damit selbst für global tätige chinesische Banken zu einem heissen Eisen geworden.

Trotzdem ist – anders als zeitweise befürchtet – bisher kaum Kapital aus dem Finanzzentrum abgeflossen. Im Gegenteil. Die Einlagen der Hongkonger Banken sind im Juni im schnellsten Tempo seit 2018 auf über 14 Bio. HK-$ (1,8 Bio. $) gestiegen. Hauptgrund dafür ist eine wahre Welle von bedeutenden Börsengängen in Hongkong, die Ende des vergangenen Jahres mit der Zweitnotierung des chinesischen Online-Händlers Alibaba Group begonnen hat. Die IPO (Initial Public Offerings) der vergangenen Monate waren auch der Grund, warum der Hongkong-Dollar unter fortgesetztem Aufwertungsdruck steht.

«Während der Einzelhandel, die Hotels und die Gastronomie weiterhin unter extremen Druck stehen, ist der Finanzsektor vor allem auch wegen einer ganzen Reihe bedeutender Börsengänge eine klare Stütze der Konjunktur», heisst es in einer Analyse des unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics. Die Diskrepanz spiegelt sich auch im Kurs des Hongkonger Börsenbetreibers HKEX. Die Aktie ist innert Jahresfrist über 60% auf ein Allzeithoch gestiegen.

Säbelrasseln wird lauter

Die relativ gute Form des Finanzmarktes muss aber nicht unbedingt ein Frühindikator für die Erholung der Gesamtwirtschaft sein. Zwar dürfte auch die Sonderverwaltungsregion von der allmählichen Erholung der Festlandwirtschaft profitieren. Doch will Peking mit den Börsengängen bedeutender chinesischer Konzerne in Hongkong nicht nur die Wirtschaft des Territoriums stärken, sondern vor allem auch die Abhängigkeit Chinas vom US-Finanzmarkt verringern.

Das zeigt klar, dass sich Hongkong voll im Spannungsfeld der chinesisch-amerikanischen Rivalität bewegt. Diese wird vorderhand zwar primär auf dem wirtschaftlichen und diplomatischen Feld ausgetragen. Doch im Hintergrund ist das Säbelrasseln der zwei Armeen gerade auch im Südchinesischen Meer lauter geworden. Sollte dieser Streit weiter eskalieren, so könnte sich Hongkong diesem Konflikt mit Sicherheit nicht entziehen. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?