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Hot Corner: Nach Absturz attraktiv

ImmunoGen wurde von einem Studienmisserfolg erschüttert, könnte nun aber eine Übernahmekandidatin sein.

Rupen Boyadjian

Der Fall im März ist für ein Biotech-Unternehmen typisch: Eine zulassungsrelevante Studie für ein Mittel gegen Eierstockkrebs hatte ihr Ziel verfehlt, der Aktienkurs von ImmunoGen (Nasdaq IMNG; Marktkapitalisierung: 502 Mio. $) sackte ab. Tage vor der schlechten Nachricht wurden die Papiere um 6 $ gehandelt, danach kosteten sich noch 2.50 $.

Die US-Gesellschaft entwickelt Antikörperkonjugate. Diese bestehen aus zwei Hauptbestandteilen. Ein Antikörper, der an eine Krebszelle binden kann, und ein Gift, mit dem er verbunden ist. Eine grosse Herausforderung ist das Andockziel. Es sollte ein Rezeptor sein, den nur die Krebszelle aufweist. Sonst bindet sich das Antikörperkonjugat an zu viele gesunde Zellen. Nebenwirkungen sind die Folge.

Doch es gibt noch Hoffnung. In einer Untergruppe der behandelten Patientinnen wirkte Mirvetuxsimab gut. Das Ovarialkarzinom weist nicht bei allen Patientinnen gleich viele Folatrezeptoren Alpha auf. Nur bei denen, wo sie gehäuft vorkamen, zeigte der Wirkstoff von ImmunoGen eine statistisch signifikante Wirkung. Das sind 40% aller Betroffenen. Die US-Gesundheitsbehörde  FDA verlangte dazu eine weitere Phase-III-Studie. ImmunGen erwartet deren Resultate in der ersten Hälfte 2022. Es ist nicht garantiert, dass sie positiv ausfallen, aber die Chancen sollten dieses Mal deutlich besser stehen.

Die Pläne werden jedoch arg verzögert, die vorhandenen Mittel müssen nun deutlich länger reichen. Das Management reagierte mit einem radikalen Schnitt und entliess drei Viertel der Belegschaft, die Ende 2018 noch 296 Mitarbeiter umfasste. Die flüssigen Mittel standen Ende September bei 205 Mio. $. Das sollte reichen, bis Studienresultate vorliegen. Damit ImmunoGen in den darauffolgenden Lizenzverhandlungen nicht mit dem Rücken zur Wand steht, wären aber wohl weitere Gelder nötig.

Der Verkauf des Unternehmens wäre eine Alternative. Mit einem Börsenwert von lediglich rund 500 Mio. $ ist es recht günstig zu haben. Ein Interessent müsste wohl 1,5 bis 2 Mrd. $ offerieren, aber für Branchengrössen wie Novartis (NOVN 94.56 -1.31%), AstraZeneca, Glaxo oder Merck (MRK 81.89 -0.13%) (MRK 122.75 -2.27%) aus den USA wäre das ein Klacks.

In den kommenden Monaten werden mehrere Studienresultate von ImmunoGen erwartet. Allen voran zu ihrem am zweitweitesten fortgeschrittenen Produktkandidaten IMGN632. Er soll bei mehreren Formen von Blutkrebs wirken. ImmunoGen wird auf der wichtigsten US-Fachtagung vom 7. bis 10. Dezember Daten vorlegen. Neuigkeiten zu zwei weiteren Studien zu Mirvetuxsimab in Kombination mit anderen Krebsmedikamenten folgen 2020, die meisten in der ersten Jahreshälfte.

Sie alle könnten Verkaufsverhandlungen auf eine solidere Basis stellen. Bleibt ein Übernahmeangebot aus, bieten die Aktien auf diesem Kursniveau dennoch eine attraktive Perspektive. Investoren müssten sich möglicherweise bis 2022 gedulden – und sich in jedem Fall bewusst sein, dass ImmunoGen eine hochriskante Wette ist.