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Hot Britannia

Die britische Wirtschaft steht vor einer Boomphase. Was steckt hinter dem neuen Wirtschaftswunder auf der Insel?

Peter Rohner

Noch vor kurzem fürchteten sich viele Briten vor einer Triple-Dip-Rezession. In der Tat waren die Folgen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise in Grossbritannien besonders schwerwiegend. Die britische Wirtschaft hatte alle Eigenschaften, die in einer globalen Finanzkrise nicht von Vorteil sind: einen grossen Finanzsektor, eine Blase bei den Immobilienpreisen und verschuldete Haushalte.

Austeritätswahn
Nach der Finanzkrise öffnete die Bank of England (BoE) wie die US-Notenbank Fed oder die EZB die Schleusen. Sie senkte den Leitzins auf rekordtiefe 0,5% und begann, Staats-  und Unternehmensanleihen zu kaufen. Die Engländer fuhren jedoch unter dem 2010 gewählten konservativen Premier David Cameron anders als die Amerikaner einen strikten Sparkurs nach dem Motto: Ausgaben runter, dann kommt das Wachstum von allein. Lange aber passierte das Gegenteil. Grossbritanniens Wirtschaft wurde von der Austeritätspolitik erstickt.  Nur der staatliche Schuldenberg wuchs wegen der fehlenden Einnahmen noch schneller. Im Jahr 2011 betrug das Haushaltsdefizit über 11% des BIP.

Während die US-Wirtschaft in den vergangenen fünf Jahren 5% gewachsen ist, produziert die britische Wirtschaft 3% weniger als vor fünf Jahren. Heute sind rund eine Million mehr Briten arbeitslos als vor der Rezession. Die offizielle Arbeitslosenrate beträgt 7,8%.

Das Leiden hat ein Ende
Doch nun endlich zeichnet sich eine Besserung ab. Während sich die Stimmung auf dem europäischen Kontinent aufhellt, kann in Grossbritannien schon von einem kleinen Boom gesprochen werden. Indizien liefern die Umfragen in der Privatwirtschaft. Und zwar in allen Bereichen: Dienstleistungbranche, Industrie und Bau.

Zuerst zum tertiären Sektor. Er ist mit Abstand der wichtigste. Der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor ist im August auf den höchsten Stand seit Dezember 2006  gestiegen. Am extremsten ist die Verbesserung beim Teilindex für den Auftragseingang: So gut war die Situation seit 16 Jahren nicht mehr!

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Quelle: Markit

Der PMI für das verarbeitende Gewerbe steht mit einem Wert von 57,2 ebenfalls weit über der neutralen Zone. Der PMI ist ein Vorlaufindikator für die Industrieproduktion. Diese ist im Juni nach einer langen Durststrecke wieder gestiegen und steht vor einem Höhenflug.
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Quelle: Bloomberg

Zu guter Letzt noch die Lage bei den Baufirmen: Sie berichten von einem Wachstum, wie sie es seit der Finanzkrise nie mehr erlebt hätten. Der Bau-Index steht mit 59,1 auf dem Niveau von September 2007.

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Quelle: CIPS, Markit

Die gute Stimmung des Baugewerbes geht mit einer kräftigen Erholung auf dem Immobilienmarkt einher. Laut offiziellen Daten sind die Häuserpreise im Juni gegenüber dem Vorjahresmonat 3,1% gestiegen, in London gar 8,1%. Neuere Daten der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS), die auf Umfragen basieren, deuten auf die grösste Preissteigerung seit 2006 hin.
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Quelle: Bloomberg

Die Erholung ist so kräftig, dass bereits wieder die Angst vor der nächsten Preisblase umgeht. Mit gutem Grund: Denn von alleine steigen die Preise nicht. Die Regierung hilft nämlich mit, indem sie die Hypotheken subventioniert. Seit April gewährt der Staat Käufern von Neubauten unter dem Programm «Help to Buy» für bis zu 20% des Kaufpreises – der umgerechnet rund 900 000 Fr. nicht übersteigen darf – ein Darlehen und verlangt fünf Jahre keinen Zins.

Auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt beginnt sich zu verbessern. Die Zahl der Anträge für Arbeitslosenhilfe ist am Sinken (die Skala wurde invertiert, damit der Optimismus besser zur Geltung kommt).
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Quelle: Bloomberg

Das freut die britische Valuta. Das Pfund ist derzeit eine der stärksten Währungen und steigt sowohl zum Dollar als auch zum Euro.
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Quelle: Bloomberg

Kein britisches «Tapering» heute
Alle diese Grafiken zeigen eine breit abgestützte Erholung der britischen Wirtschaft. Doch Mark Carney, dem neuen Notenbankgouverneur der Bank of England, ist das alles noch nicht genug. In seiner jüngsten Rede Ende August sprach er von «Crossing the threshold to recovery», vom Übertreten der Schwelle zur Erholung also, was angesichts der hochschiessenden Konjunktursignale etwas zaghaft formuliert ist.

Er werde die Geldpolitik erst straffen, wenn die Arbeitslosenrate unter 7% falle. Weil Carney den Finanzmarktteilnehmern diese Leitlinien gibt, erwarten die meisten Ökonomen an der BoE-Sitzung von heute Donnerstag keine Änderung der lockeren Geldpolitik. Das heisst, der Leitzins bleibt bei 0,5%, das Volumen des Anleihenkaufprogramms bei 375 Mrd. Pfund – trotz des unübersehbaren Aufschwungs.