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Hot Corner: Fingerhakeln

IT-Reservierungssysteme wie Amadeus bringen Passagiere und Fluglinien zusammen. Gegen eine Gebühr erleichtert das System dem Konsumenten via Reisebürobüro oder Internet die Suche nach dem attraktivsten Angebot.

Thomas Krümmel

Gleichzeitig hilft es den Fluggesellschaften, ihre Jets nicht nur zu füllen, sondern die Plätze dank ausgeklügelter Software auch möglichst teuer zu verkaufen.

Anfang Juni kündigte die deutsche Lufthansa (LHA 5.76 -2.42%) an, ihr Serviceabkommen mit Amadeus (AMS 59.84 -0.13%) nicht zu verlängern. Stattdessen plant die Fluglinie, von jedem Kunden eine Extragebühr von 16 € zu verlangen, sollte der Flug nicht direkt über Lufthansa, sondern über einen Drittanbieter gebucht werden. Das Resultat dieser Ankündigung war der grösste Kurseinbruch von Amadeus seit dem Börsengang vor fünf Jahren, die Aktie gab über 10% nach, die Notierungen der Wettbewerber wie Sabre aus USA litten ebenfalls.

Ist dies das Ende der integrierten Buchungsfirmen? Ist die Konkurrenz unter den Fluglinien so gross, dass die Gesellschaften um jeden Euro kämpfen und Vermittler wie Amadeus aus dem Geschäft drängen? Werden andere Fluggesellschaften dem Beispiel der Lufthansa  folgen? Die Meinungen sind geteilt.

Amadeus wurde 1987 von drei damals noch staatlichen Fluggesellschaften ins Leben gerufen, der Lufthansa, der Iberia und der Air France (AF 4.11 -1.06%). Es galt, eine europäische Alternative zur amerikanischen Sabre zu entwickeln, denn die möglichst nahtlose Verknüpfung aller an einer Reise beteiligten Aspekte spart Zeit und Geld.

Die Analysten von J. P. Morgan schätzen, dass Lufthansa höchstens 4 € pro Buchung an Amadeus  zahlt und vermuten, dass es sich schlicht um eine harte Verhandlungstaktik der Deutschen handelt, um noch bessere Konditionen zu bekommen. Im Vergleich zum Status Quo würde die Lufthansa künftig zwar 4 € pro Passagier sparen, doch gleichzeitig wohl auch Einbussen erleiden: Und zwar durch Flugzeuge, deren Sitze ohne die Lösungen von Amadeus nicht mehr optimal ausgelastet sind.

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Die aktuelle Kursschwäche der Aktie bietet die Gelegenheit, sich an einer Gesellschaft zu beteiligen, die vom Wachstum des internationalen Fernreiseverkehrs profitiert. Der Flugverkehr legt seit Jahrzehnten deutlich schneller zu als das globale Bruttoinlandsprodukt. Amadeus ist mit weitem Abstand der Marktführer in einer Industrie, die stark positive Netzwerkeffekte aufweist. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 22 für das laufende Geschäftsjahr und 21 für 2016 ist die Aktie interessant. Bei einer baldigen Beilegung des Fingerhakelns mit der Lufthansa könnte das alte Kursniveau von über 40 € schon bald wieder erreicht werden.