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Hot Corner: Zweites Leben für Medikamente

Bioxcel sucht mit einer Software Hinweise auf alternative Einsatzmöglichkeiten bekannter Wirkstoffe. Sie hat zwei vielversprechende Produktkandidaten.

Rupen Boyadjian

Die Digitalisierung ist auch in der Pharmabranche in aller Munde. Dennoch hinkt sie anderen Sektoren hinterher. Die Anwendungsbereiche sind breit und reichen von der Durchforstung von Gendaten von Krebspatienten bis zu Apps für Vertreter von Pharmaunternehmen. Auch im Forschungsbereich sind zahlreiche Start-ups entstanden. Kaum eines ist jedoch kotiert und damit für eine breite Anlegerschaft zugänglich. Ausserdem ist es selbst für Experten schwierig abzuschätzen, welche Unternehmen sich am Ende durchsetzen werden.

Ein Biotech-Start-up, das künstliche Intelligenz mit «alter Pharma» verbindet, ist Bioxcel Therapeutics. Mit einem Programm, das der Schwestergesellschaft InveniAI gehört, durchforstet es öffentlich zugängliche Datenbanken und Forschungsberichte zu bestehenden Medikamenten und Wirkstoffen, deren Weiterentwicklung abgebrochen wurde. Bioxcel versucht Hinweise zu finden, dass diese Substanzen in anderen Indikationen wirken könnten. Die Software wird auch Dritten angeboten. «Erst kürzlich haben wir einen Vertrag mit KHK unterzeichnet», sagte Gründer und CEO Vimal Mehta im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft». Das japanische Unternehmen wolle ein Dutzend seiner Wirkstoffe auf mögliche weitere Einsatzfelder abklopfen.

Die in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut domizilierte Bioxcel Therapeutics entwickelt zwei mit der Software gefundene Produktkandidaten selbst. Ein grosser Vorteil ist, dass schon viele Daten vorliegen. Die Entwicklung ist so weniger riskant, fängt nicht bei null an und muss nicht mehr alle Phasen durchlaufen. Normalerweise dauert sie rund zehn bis zwölf Jahre. «Wir wollen innovative Medikamente in vier bis fünf Jahren auf den Markt bringen», sagte Mehta.

Aus Narkose- wird Beruhigungsmittel

Bei dem am weitesten fortgeschrittenen Projekt, BXCL501, handelt es sich um den Wirkstoff Dexmedetomidine. Er wurde bereits 1999 als Narkosemittel zugelassen. Bioxcel entwickelt Dexmedetomidine nun zur Behandlung von akuten Erregungszuständen. Sie kommen bei diversen neuro-psychiatrischen Erkrankungen vor. Im Rahmen eines ersten Entwicklungsprogramms wurde es an Patienten getestet, die an Schizophrenie leiden.

Dafür gewährte die US-Gesundheitsbehörde ihr Fast-Track-Verfahren, das eine beschleunigte Zulassung zum Ziel hat. Zurzeit verhandelt Mehta mit der FDA über den Start einer Phase-III-Studie im vierten Quartal. Bei positivem Verlauf könnte das Medikament schon 2021 auf den Markt kommen. Mehta schätzt, dass es eher in der zweiten Jahreshälfte sein wird.

Eine weitere Neuerung ist die Darreichungsform als dünner Film, der auf der Zunge zergeht. Im Vergleich mit einer Spritze ist das ein Vorteil, leiden die Patienten doch oft unter Angstzuständen oder werden aggressiv. Die Menschen werden aber nicht einfach sediert. Unter BXCL501 bleiben sie ansprechbar, der Arzt kann sie nach dem Grund für ihre Aufgeregtheit fragen und darauf eingehen. Analysten schätzen das Umsatzpotenzial allein bei Schizophrenie auf 500 Mio. $ jährlich und mehr.

Unterstützung des US-Verteidigungsministeriums

Noch in diesem Jahr will Bioxcel eine Studie zum Einsatz des Mittels bei Alzheimer- und anderen Demenzkranken starten. Weitere Pläne hegt sie für hyperaktives Delir und Entzugserscheinungen. Ein Mittel, das bei Alkoholentzug helfen könnte, interessiert auch das US-Militär. Viele Soldaten leiden nach dem Einsatz in Kriegsgebieten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und greifen zur Flasche. Das Verteidigungsministerium (DoD) finanziert Bioxcel deshalb eine Vorbereitungsstudie. «Wenn die FDA danach dem Studiendesign zustimmt, wird das DoD auch unsere fortgeschrittenen klinischen Studien finanzieren», erklärt Mehta. Für Opioidentzug will er eine separate Studie auf Firmenkosten starten.

Bioxcel verfügt über einen weiteren Produktkandidaten in der Onkologie und der Neuroonkologie. BXCL701 wird in zwei Phase-I/II-Studien zur Behandlung von neuroendokrinen Tumoren und Bauchspeicheldrüsenkrebs getestet. Bis Ende Jahr sollen erste Resultate bei der ersten Indikation publiziert werden. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs waren die Resultate bei Mäusen sehr vielversprechend. Kombiniert mit zwei anderen Medikamenten konnte der Krebs zum Verschwinden gebracht werden. Gelingt das beim Menschen, wäre es die erste wirkungsvolle Behandlung gegen diese Krebsart.

Die Aktien von Bioxcel Therapeutics wurden im März 2018 für 11 $ pro Stück ausgegeben und am Nasdaq kotiert. Im Zuge der Börsenkorrektur waren sie Ende letzten Jahres  auf rund 2.50 $ gefallen und stehen heute wieder bei knapp 10 $. Wie bei einem Biotech-Start-up üblich ist wegen wachsender Forschungsausgaben der Verlust stetig gestiegen. Das Unternehmen ist bis Mitte 2020 finanziert und wird in den nächsten Monaten neue Mittel beschaffen müssen. Bis Mitte nächsten Jahres stehen auch einige Nachrichten an, die für einen volatilen Kurs sorgen werden.

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