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Hot Corner: Diese Migros gibt Vollgas

Auch Supermarktketten können in hohem Tempo wachsen. Migros Ticaret zeigt, wie's geht.

Eflamm Mordrelle

Wäre die Migros eine AG und kotiert, es wäre keine sehr attraktive Aktie. Seit Jahren stagniert der Umsatz, die Gewinne schmelzen dahin, von den genossenschaftlichen Governance-Problemen ganz zu schweigen. Dass es auch dynamisch geht, macht Migros Ticaret vor, eine der führenden Supermarkt­ketten in der Türkei (Istanbul: MGROS; Kurs: 34.24 türk. Lira; Börsenwert: 6,19 Mrd. Lira bzw. 881 Mio. Fr.).

Im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz der türkischen Migros um fast ein Viertel auf 23,29 Mrd. Lira (3,3 Mrd. Fr.) bei einer Betriebsmarge (Ebitda, inkl. IFRS 16) von 9,6%. Im Startquartal 2020, als die Coronapandemie auch die Türkei langsam zu erfassen begann, wuchs der Umsatz gar 30%, getrieben vom Onlinehandel. Heute zählt der orange Riese vom Bosporus 2231 Niederlassungen in 81 Städten und rund 33 200 Mitarbeitende. Die Schweizer Migros unterhält 627 Filialen und erzielte 2019 einen ­Umsatz von 28,7 Mrd. Fr., was aber nur  knapp über Vorjahresniveau lag.

Aktienkurs verdreifacht

Migros Ticaret ist sich hohes Tempo gewohnt – auch ihre Aktien, die seit 2009 an der Istanbuler Börse kotiert sind. Beim  Corona-bedingten Einbruch Mitte März sackten die Titel zwar auf rund 18 Lira ab. Seither haben sich die Papiere aber um 90% auf gut 34 Lira erholt. Seit Anfang Jahr ergibt das ein Plus von 42%. Der Börsenwert von Migros Ticaret hat sich seit Mai 2019 verdreifacht.

Auch über den Migros-Supermärkten in der Türkei prangt der orangefarbene Schriftzug, bloss mit i-Punkt. Es gibt M-, MM- und MMM-Filialen mit entsprechend grösserem Sortiment und auch 5M-Shopping-Center. Besonders im Onlinebereich hat sich Migros Ticaret profiliert. Über fünf Kanäle – Sanal Market, Macro Online und Banquet, Tazedirekt, Trendyol und Hemen – beliefert die Migros das Land mit 82 Mio. Einwohnern. In den Grossstädten bietet Migros Hemen die Lieferung von über 1000 Artikeln innerhalb von einer halben Stunde an – deutlich schneller als Online-Lieferpionier Amazon Fresh, der dafür zwei bis drei Stunden braucht.

Duttis Joint Venture

Rechtlich hat die türkische Turbo-Migros nichts mehr mit der Schweizer Migros zu tun. Sie geht aber auf sie zurück. 1954 ging Gottlieb «Dutti» Duttweiler ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Stadt Istanbul ein. Zunächst wurden wie in der Schweiz Lebensmittel über Lastwagen verkauft. 1957 ging dann die erste stationäre Filiale am Beyoglu-Fischmarkt auf. Zwanzig Jahre lang bleibt die Schweizer Migros beteiligt. 1975 geht Migros Türk an das Koç-Konglomerat über, 2008 an den Finanzin­vestor BC Partners. Dieser verkauft die ­Aktienmehrheit 2015 schliesslich an den Mischkonzern Anadolou Endüstri.

Gewinne schreibt Migros Ticaret keine, die frei verfügbaren Mittel werden mehrheitlich in die Expansion oder zum Schuldenabbau eingesetzt. Und anders als die Schweizer Migros, deren Auslandabenteuer allesamt scheiterten, scheut sich die türkische nicht, die heimischen Gefilde zu verlassen. 1999 betrat sie erfolgreich den kasachischen Markt, 2005 Nordmazedonien. Von der Coronakrise lassen sich die ambitionierten Türken nicht bremsen. 2020 soll sich der Umsatz wiederum um ein Fünftel vergrössern und 120 neue Migros-Filialen sollen eröffnet werden.

Leser-Kommentare

Edwin Tschopp 26.05.2020 - 08:45

Und wie hoch war die Inflation, respektive der Indexanstieg in der Türkei seit 2009? Rechne.