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Hot Corner: Fintech auf Brasilianisch

Von den Wachstumsraten von XP Investimentos können Schweizer Vermögensverwalter nur träumen.

Gabriella Hunter

Das Wachstum ist beeindruckend: 2016 verzeichnete XP Investimentos (Nasdaq: XP, Marktkapitalisierung: 19,8 Mrd. $, Schlusskurs am Montag: 36.21 $) noch einen Ertrag von knapp 700 Mio. Real, umgerechnet 171 Mio. $. Im abgelaufenen Geschäftsjahr dürften es laut Schätzung von Bloomberg mehr als 4,78 Mrd. Real (1,12 Mrd. $) gewesen sein. 2020 soll der Vermögensverwalter rund 40% wachsen. Davon können Finanzinstitute hierzulande nur träumen.

Aber auch in Brasilien, dem sechstgrössten Land der Welt und XPs Heimmarkt, sind solche Zahlen alles andere als normal. Die heimischen Banken befinden sich gemäss Marktbeobachtern noch in der Steinzeit. Die Geschäftsmodelle gelten als überholt, von Digitalisierung keine Spur. Zudem herrscht Eintönigkeit: Unzählige Institute bieten ähnliche Produkte – vor allem für reiche Brasilianer.

Disruptives Angebot

In diesem Umfeld agiert XP geradezu disruptiv: Der Service wird online angeboten. Das ermöglicht eine günstigere Beratung und den Zugang zu mehr Finanzprodukten – auch für Kunden mit kleinerem Vermögen. Das zieht den brasilianischen Mittelstand an, um den sich die traditionellen Vermögensverwalter lange Zeit zu wenig gekümmert haben.  Gewachsen ist sie zudem auch dank des Zukaufs von kleineren Instituten. Mittlerweile verwaltet die Gesellschaft mit 600 Filialen umgerechnet rund 86 Mrd. Fr. von 1,5 Mio. Kunden.

Und das Angebot soll laut Gründer und CEO Guilherme Benchimol stetig ausgebaut und XP ein «one-stop investment shop» werden. 2018 erhielt sie eine vollumfängliche Banklizenz. Seit vergangenem Jahr ist die 2001 gegründete Gesellschaft gemessen an den gehandelten Aktien der grösste Broker des Landes und hat damit die UBS (UBSG 12.685 -2.61%) abgelöst.

Ohne Hindernisse verläuft die Erfolgsgeschichte aber nicht. Im August wurde XP wegen missbräuchlichem Verhalten zu einer Busse verurteilt. Der Broker hat eigene Geschäfte gegenüber dem Handel für Kunden bevorzugt. Zudem wurde die Regulierung verschärft: Laut Chef Benchimol ist es ihm untersagt, kleinere Broker hinzuzukaufen.

Erfolgreicher Börsengang

Im Dezember brachten die Eigentümer einen Minderheitsanteil an die US-Technologiebörse Nasdaq. Damit ist XP bereits mehr wert als Banco BTG Pactual, die einzige Investmentbank des Landes mit einem Börsenwert von 18,8 Mrd. $. Anders als zwei andere Milliarden-IPO in den USA – Uber (UBER 40.72 -0.49%) und Lyft (LYFT 44.7 -1.69%) – schlägt sich XP gut: Der Ausgabepreis betrug 27 $ je Aktie – ein Plus von 34%.

Nach der ersten Euphorie ist das Kurspotenzial kurzfristig beschränkt. Langfristig sind die Wachstumsaussichten auch wegen der überfälligen Konsolidierung im brasilianischen Banksektor intakt. Zudem verleiht die Eigentümerschaft – die Bank Itau Unibanco hält seit 2017 fast 50% – Stabilität.

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