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Hot Corner: Paradies der Düfte

Die Kosmetik- und Körperpflegekette L’Occitane hat früh das Wachstumspotenzial der Schwellenländer erkannt.

Hanspeter Frey

Wie im Garten Eden fühlt sich, wer im Juli durch die Provence fährt. Die an Düften, Farben und Licht so reiche Region Frankreichs setzt dann mit der Lavendelblüte noch einen drauf. Tiefblaue Farbenteppiche erstrecken sich kilometerweit, und es duftet so intensiv, als wäre die Landschaft in Parfüm getaucht.

Der betörende Charme, die Vielfalt von Düften und Farben, welche die Provence weltberühmt gemacht hat, ist Grundlage und Etikett der Kosmetik- und Körperpflegekette L’Occitane (Hongkong: 973, Kurs: 16.32 HK-$, Marktkapitalisierung 24 Mrd. HK-$ oder 3,1 Mrd. Fr.). Vor vierzig Jahren erwarb Firmengründer Olivier Baussan ein gebrauchtes Destilliergerät, einen kleinen Lieferwagen und zog mit seinen ätherischen Ölen von Rosmarin und Lavendel von Dorf zu Dorf. Heute ist L’Occitane ein Konzern mit mehr als zweitausend Boutiquen in über hundert Ländern und einem Umsatz von 1,3 Mrd. €. Jüngstes Kind in der Schweiz ist ein grossflächiges Verkaufslokal im neuen Shop Ville des Zürcher Hauptbahnhofs. Die Produkte stammen aus natürlichen und organischen Inhaltsstoffen aus der Provence sowie der benachbarten Ardèche und werden auch dort hergestellt.

Die Aktienplatzierung fand im Jahr 2010 in Hongkong statt. Hongkong deshalb, weil L’Occitane das Wachstumspotenzial der Schwellenländer erkannte und speziell den chinesischen Markt im Auge hatte, wo Kosmetik aus dem Westen hohes Prestige geniesst. Zwar kommt auch den Franzosen die chinesische Wachstumsschwäche ungelegen: Der Absatz in Hongkong und Festlandchina stockt. Dafür boomt der Markt in Japan, wohin viele Chinesen reisen. Auch Russland und Brasilien sind Wachstumsmärkte, während in den USA und in Europa das hochmargige Geschäft zufriedenstellend verläuft und der Online-Handel auch in diesem Sektor an Bedeutung gewinnt.

Das vergangene Geschäftsjahr (Ende März 2016) war ein Übergangsjahr, erklärt das Unternehmen. Der Umsatz wuchs mit 9% weniger stark als früher, und der Gewinn fiel 9,6% auf 125,6 Mio. €. Wechselkurseffekte und eine Steuerbereinigung in Frankreich wurden dafür als Gründe genannt. Im laufenden Geschäftsjahr will das Unternehmen auf die Erfolgsspur zurückkehren. Dazu sind unter anderem höhere Marketingausgaben geplant. Die Vorzüge der naturbelassenen und umweltgerechten Produkte sollen noch stärker ins Bewusstsein einer gesundheits- und schönheitsbewussten Kundschaft dringen.

Im ersten Geschäftsquartal per Ende Juni war davon noch wenig zu sehen, was dem Aktienkurs geschadet hat. Aber die strategische Richtung stimmt. Das meinen auch Analysten, die für die nächsten Jahre ein prozentual zweistelliges Gewinnwachstum voraussagen.

Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 2017 von 21 sind L’Occitane günstiger als vergleichbare Titel wie L’Oréal (OR 269.1 -0.59%) (27) und Shiseido (35). Der Kaufzeitpunkt erscheint günstig, und die Chancen stehen gut, dass L’Occitane auch dem Depot wohltun werden.