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Hot Corner: Sprachgenie

Das südkoreanische Start-up Flitto sammelt Sprachdaten, mit denen man künstliche Intelligenz trainieren kann.

Alexander Trentin

Anfangs belächelt, erreichen sie jetzt teils verblüffende Ergebnisse: automatische Übersetzungen von Diensten wie Google (GOOGL 1229.84 -0.72%) Translate und die Spracherkennung von Computer-Assistenten wie Siri. Diese Angebote basieren auf Künstlicher Intelligenz (KI). Doch damit KI menschliche Sprache versteht, muss sie erst mit Unmengen von Daten gefüttert werden. Das koreanische Start-up Flitto (Kosdaq: 300080, 19‘050 Won, 80 Mio. Fr. Börsenwert) sammelt das Rohmaterial, um KI-Sprachsysteme zu trainieren.

«Die meisten Firmen in diesem Bereich sind unsere Kunden», erklärt CEO Simon Lee im Gespräch mit FuW. Aus dem Kundenstamm darf er Microsoft (MSFT 139.44 -1.16%) und Tencent (Tencent 42.77 -0.9%) namentlich erwähnen.  Vergangenes Jahr hat das Unternehmen mit Hauptsitz in Seoul einen Umsatz von 3,2 Mio. $ erzielt (Gewinn: –3,4 Mio. $). Lee sieht hohes Wachstum voraus: «Wir planen, unseren Umsatz jedes Jahr zu verdoppeln.»

Datensammlung per App

Über eine App werden Privatpersonen dafür bezahlt, einzelne Sätze zu übersetzen. Die App hat schon mehr als 10 Mio. Nutzer. Bevor Dienstleister wie Flitto in den Markt kamen, mussten die Daten für Übersetzungsprogramme teuer von Profis erkauft werden. Nun können die gewünschten Sätze schnell, günstig und in breiter Masse in so gut wie jeder Sprache erhoben werden. «Auch Schweizerdeutsch bieten wir an», sagt Lee.

Die Nutzer der Flitto-App würden auch für die Qualitätsverbesserung der Systeme herangezogen. Versteht eine Spracherkennung etwas nicht, wird das manuell nachgetragen. Flitto gehört also zu den Diensten, über die sich manche Medien kürzlich empört haben: Die Konversation mit Sprachdiensten bleibt nicht intim – sondern wird oft von Menschen noch einmal abgehört.

Mit mehr Umsatz rückt die Gewinnschwelle näher. Der CEO erklärt: «Wir haben eine Marge von 90 bis 100%, wenn wir Daten verkaufen – wir haben sie ja schon gesammelt.» Kommt der Gewinn, könnte der Kurs stark steigen. So wird der australische Konkurrent Appen, schon seit 2015 kotiert, mit über 2 Mrd. Fr. und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 60 bewertet.

Kein gesättigter Markt

Von einem gesättigten Markt sieht Lee nichts. Denn nicht nur die grossen Tech-Konzerne würden ihre eigenen Systeme trainieren. So setzten Autohersteller vermehrt auf Spracherkennung. Auch die Logik der KI weist auf eine anhaltende Nachfrage hin: Anfänglich würde die Genauigkeit der Systeme schnell ansteigen, aber um später die Treffsicherheit zu erhöhen, brauche es immer mehr an Datenmaterial.

«Es wird immer einfacher und verbreiteter, eigene KI-Systeme zu bauen, man muss nur den Programmiercode kopieren», beobachtet Simon Lee. Aber erst mit den richtigen Daten zum Trainieren der Systeme kann man sie sinnvoll einsetzen. Neben der Bereitstellung von Daten arbeitet Flitto an eigenen Produkten. So kooperiere man mit japanischen Reiseanbietern, um mit «Augmented Reality» – also einer Brille, die Informationen und Übersetzungen einblendet – Touristen den Besuch in Japan zu erleichtern. In der Entwicklung befänden sich ebenso Übersetzungsdienste für Museen und Restaurants.

Auch bei der Datensammlung geht man neue Wege. Wer auf Youtube Videos veröffentlicht, kann durch Flitto übersetzte Untertitel beziehen. Im Gegenzug bekommt Flitto die Sprachdaten.

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