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Hurrikanschäden belasten Erfolgsrechnung nur vorübergehend – Preise werden steigen – Swiss Re und Münchener Rück sind tief bewertet

Finger weg von Rückversicherungsaktien! – Das mögen sich viele Anleger sagen, die von den Rekordschäden der diesjährigen Wirbelsturmsaison hören. Die Reaktion ist verständlich. Sie lässt jedoch die langfristig verbesserten Verdienstmöglichkeiten der Rückversicherer ausser Acht.
Dank gut gefüllter Reserven und globaler Risikostreuung sind zumindest die Grossen der Branche kräftig genug, um die steigenden Sturmkosten zu tragen. Zudem festigt der Schadentrend die Preise auf dem Rückversicherungsmarkt.

«Katrina» lehrt das Fürchten

Die Dimension der Schäden ist schreckenerregend: Allein der karibische Wirbelsturm «Katrina», der Ende August über den Süden der USA fegte, wird die Versicherungswirtschaft etwa 40 bis 60 Mrd.$ kosten. Das Ereignis gilt als teuerste Katastrophe der Geschichte. Der jüngste Hurrikan, «Rita», schlägt voraussichtlich mit rund 6 Mrd.$ zu Buch und zählt ebenfalls zu den zehn kostspieligsten karibischen Wirbelstürmen, die es je gab. Stets ist hierbei nur von den durch Versicherungen gedeckten Sach- und Betriebsunterbruchschäden die Rede. Die gesamte volkswirtschaftliche Belastung liegt viel höher.
Die Versicherungssummen durch wetterbedingte Naturkatastrophen haben seit 1970 markant zugenommen, wobei sich die Wissenschaft weiterhin über die Ursachen streitet. Unklar ist etwa, inwiefern es sich um natürliche Schwankungen in der Wetteraktivität handelt oder um eine Klimaerwärmung. Fest steht jedenfalls, dass nur schon die schweren Hurrikane der beiden Jahre 2004 und 2005 zusammen 84 Mrd.$ versicherte Schäden verursachten. Das entspricht 60% des Gesamtbetrags seit 1970 (siehe Tabelle rechts).
Weltmarktführerin Münchener Rück rechnet – nachdem sie für «Katrina» zuerst eine viel geringere Schätzung veröffentlicht hatte – nun mit Schadenforderungen zwischen 1,1 und 1,3 Mrd. Euro. brutto (vor Retrozessionen an andere Rückversicherer und vor Steuern). Wegen «Rita» erwartet sie nochmals brutto bis zu 230 Mio. In einer neuen Studie hat Versicherungsanalyst Eric Güller von der Credit Suisse die Nettoschäden durch «Katrina» für eine lange Reihe von Rückversicherern zusammengestellt (vgl. nebenstehende Tabelle). Daraus wird ersichtlich, dass die Belastung durch das Grossereignis für die ganz grossen, weltweit diversifizierten Gesellschaften weniger als 10% des Eigenkapitals beträgt. Münchener Rück kommt netto auf einen Anteil am Kapital von 3%, Swiss Re auf einen solchen von 7%.
Einige auf den Bermudas beheimatete Rückversicherer, die meist mehr auf Naturkatastrophenrisiken spezialisiert sind, trifft es mit Anteilen von über 10% am Eigenkapital härter. Als Folge ihrer risikofreudigeren Zeichnungspolitik erreicht auch die Hannover Rück – als Ausnahme unter den europäischen Gesellschaften – einen recht hohen Wert von etwa 13%.

Ein Markt von 175 Mrd. $

Wie sehr die Stürme die Jahresrechnung der Rückversicherer belasten, ist massgeblich von deren Zeichnungspolitik abhängig: Sie übernehmen für einen jährlich neu auszuhandelnden Preis die Spitzenrisiken aus Naturkatastrophen, welche die Erstversicherer nicht selbst in ihren Büchern haben wollen. Auf 175 Mrd.$ belaufen sich gemäss ein Hochrechnung der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) jährlich die Prämieneinnahmen der Rückversicherungsindustrie weltweit. Der Löwenanteil entsteht mit 80% oder rund 140 Mrd.$ im Nichtleben-Segment.

Bessere Zeichnungspolitik

Swiss Re, die Nummer zwei der Branche, hat letztes Jahr 16 Mrd. Fr. Nichtleben-Prämien eingenommen. Davon musste sie 71,8% für Schäden und 26,6% für ihre Betriebskosten aufwenden, woraus sich ein Schaden-Kosten-Satz von 98,4% ergab. Es sind somit nur wenige Prozentpunkte der Prämien, die unter dem Strich als operativer versicherungstechnischer Gewinn bleiben. 2004 betrug die Combined ratio (Schaden-Kosten-Satz) der 150 grössten Rückversicherer laut S&P im Schnitt 97%. In den Jahren mit schwachen Preisen Ende der Neunzigerjahre (siehe Grafik) bis 2001 lag die Combined ratio im Mittel regelmässig über 100%. Nur dank fetten Anlagegewinnen an der Börse konnten die Rückversicherer in dieser Phase Gewinne ausweisen.
Wie das Management von Münchener Rück und Swiss Re vor kurzem am Branchentreffen in Monte Carlo bekräftigte, übernehmen die beiden Marktführer heute nur noch Sturmrisiken, wenn der Preis stimmt. Analyst Eric Güller erwartet nach den extrem grossen Schäden durch «Katrina» und «Rita» einen deutlichen Preisanstieg von 10 bis 15% im Naturkatastrophenmarkt. Auf Grund der Verknappung der weltweit verfügbaren Rückversicherungskapazität rechnet er mit insgesamt 5% höheren Versicherungspreisen in der Vertragserneuerungsrunde per Januar 2006.
Wir halten diese Schätzung für realistisch und gehen davon aus, dass vor allem die beiden grössten Anbieter, Münchener Rück und Swiss Re, davon profitieren werden. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (2006) von je 9 für die Münchener und die Schweizer Rück sind die Aktien zurückhaltend bewertet. Das Chancen-Risiko-Profil spricht für ein Engagement, und es besteht noch einiges Aufholpotenzial.

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